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"Dem Tode näher als dem Leben" - So erlebten Betroffene aus Salzgitter die Coronainfektion



"Dem Tode näher als dem Leben" - So erlebten Betroffene die Coronainfektion

Eine Coronainfektion kann ganz unterschiedliche Ausmaße annehmen. Doch auch die Langzeitfolgen dieser Erkrankung können die Betroffenen noch lange begleiten. regionalHeute.de hatte zwei ehemalige Corona-Patienten im Interview.

von Julia Fricke


Symbolbild
Symbolbild Foto: Pixabay

Salzgitter. Eine Infektion mit einem Coronavirus kann ganz unterschiedliche Ausmaße annehmen. Während bei einem die Infektion eher harmlos verläuft, sind die Symptome bei dem anderen sehr stark. In manchen Fällen müssen die Patienten im Krankenhaus beatmet werden. Doch auch die Langzeitfolgen können für die Betroffenen auch nach einer überstandenen Infektion belastend sein. Auch Tanja und Thomas aus Salzgitter haben mit den Langzeitfolgen zu kämpfen. Mit regionalHeute.de sprachen sie über ihre Erkrankung.



Wie es zu der Coronainfektion gekommen ist, können sie nur mutmaßen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass Thomas den Virus von seiner Arbeit im Lebensmitteleinzelhandel mitbrachte. Das war Anfang Dezember. Die akute Phase dauerte dabei zirka zwei Wochen. Zuerst lag Tanja flach, zwei Tage später auch Thomas. Ins Krankenhaus und beatmet werden mussten beide nicht, denn solange das Fieber tagsüber heruntergeht, gibt es keinen Grund ins Krankenhaus zu gehen.

Ein "leichter" Verlauf



Bei Tanja äußerte sich die Krankheit mit Schüttelfrost, Tags darauf kamen auch Abgeschlagenheit, Durchfall und Kopfschmerzen hinzu. Schließlich bekam sie Fieber und Irritationen des Geschmacks- und Geruchssinns. "Viele Sachen schmeckten und rochen einfach nach Kläranlage", erklärt sie. So sei es nicht leicht gewesen normales Wasser zu trinken. "Ich habe mich furchtbar davor geekelt." Zudem hatte sie das Gefühl, dass alle Muskeln nicht mehr da gewesen waren. Ein Symptom, das auch Thomas zu spüren bekam. "Ich hatte das Gefühl, dass jedes meiner Organe, bis auf die unteren Atemwege irgendwie von Corona angegriffen wurde. Ich war nicht mehr in der Lage den Kopf oder die Arme zu heben, ich konnte nicht aufstehen. Ich bin auf allen Vieren gekrochen", erklärt Thomas. Zu dieser absoluten Kraftlosigkeit kamen bei ihm noch Gedächtnisstörungen hinzu. Von den ersten sechs Tagen könne er sich an drei/vier nicht mehr erinnern.

"Man war dem Tode näher als dem Leben."

- Thomas, Corona-Betroffener




Auch die Psyche habe während der Erkrankung eine Rolle gespielt. "Man hat sich ganz große Sorgen gemacht, dass man aus der Nummer nicht mehr rauskommt", so Thomas weiter. Und auch, wenn sie nun eventuell Antikörper haben, sind beide übervorsichtig, haben Panik, dass die Krankheit nochmal zurückkommen könnte. "Man hat Panik und Angst davor, nochmal was zu bekommen. Man weiß nicht, ob das nochmal so gut ausgeht", so Thomas.


Genesen, aber nicht wieder gesund


Nach der Erkrankung konnte Tanja mit einem negativen Testergebnis in der Hand ihren Schreibtischjob wieder aufnehmen. Sechs Stunden am Tag arbeitet sie wieder. "In den ersten zwei Wochen war ich aber so fertig, dass ich nach der Arbeit eigentlich erstmal aufs Abendessen verzichten wollte und mich auf die Couch gelegt hab", so Tanja. Die Kondition sei immer noch nicht wieder da. Auch Thomas hat mit den Auswirkungen der Krankheit zu kämpfen. Körperlich sei er noch immer neben der Spur. Lange Wege gehen könne er nicht. Spätestens nach einem Kilometer müsse er sich ausruhen. Dies bringt auch Einschränkungen im täglichen Leben mit sich, angefangen beim Einkaufen oder einfachem Treppensteigen. "Ich fühle mich 20 Jahre älter", so der 55-Jährige. Auch kämpfe er immer noch mit Geruchs- und Geschmacksstörungen, Wortfindungsschwierigkeiten und Vergesslichkeit. Die Konzentration falle auch Tanja schwer. Um nichts zu vergessen, schreibt sie alles auf. Eine Perspektive, wann sich ihr Zustand wieder normalisieren könnte, konnten ihnen die Ärzte noch nicht geben.

Umfeld reagiert gespalten


"Leute, die das nicht hatten, können das nicht nachempfinden", so Tanja "Die sagen, dass man jeden Tag ein bisschen mehr spazieren gehen soll. Aber das klappt nicht." Doch auch Einkaufsangebote hatten Tanja und Thomas bekommen, nachdem die Erkrankung diagnostiziert wurde. Für Menschen, die nach wie vor meinen, es handele sich dabei um eine kleine Grippe, für die haben beide kein Verständnis.

Geholfen hat ihnen der Austausch während der "Long-Covid-Nacht", eine Veranstaltung, die durch die Selbsthilfekontaktstelle des Paritätischen organisiert und durchgeführt wurde. "Da habe ich viel mitgenommen. Vor allem habe ich gesehen, dass ich nicht allein bin", erklärt sie. Zusammen mit dem Verein "Leben mit Corona" haben die Betroffenen hier die Möglichkeit, sich auszutauschen. Der nächste Austausch findet am 18. März um 18 Uhr statt. Interessierte können sich per E-Mail unter kiss-sz@paritaetischer.de oder telefonisch unter 05341 8467 22 anmelden.


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