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Demokratie lernen: Juniorwahlen bereiten Schüler auf Wahlen vor



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Jetzt wählen Schüler den neuen Bundestag

In weiterführenden Schulen unserer Region finden die Juniorwahlen statt.

von Martin Laumeyer


Bennet Köstler und Lena Glade aus der 11. Klasse der IGS Wallstraße im Wahllokal.
Bennet Köstler und Lena Glade aus der 11. Klasse der IGS Wallstraße im Wahllokal. Foto: Martin Laumeyer

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Region. An weiterführenden Schulen unserer Region, in Deutschland und sogar an deutschen Schulen im Ausland finden in dieser Woche die sogenannten "Juniorwahlen" statt. So zum Beispiel auch an der IGS Wallstraße in Wolfenbüttel. Die Schüler können bei dieser Wahlsimulation dieselben Parteien, Listen sowie Kandidaten auf die Direktmandate wählen, die auch bei der echten Bundestagswahl teilnehmen. Die Thematisierung im Unterricht solle dazu beitragen, dass ein demokratisches Verständnis aufgebaut werde. An der Juniorwahl nehmen zirka drei Millionen Schüler teil, die somit eines der größten Schulprojekte Deutschlands darstellt.



Im kleinen Raum B014 des Oberstufengebäudes der IGS Wallstraße am Teichgarten stehen sie: die versiegelten Wahlurnen. Auch sonst sieht das Zimmer nicht mehr aus wie ein normales Klassenzimmer, sondern vielmehr wie ein Wahlraum in einem der zahlreichen Wahllokale, wie sie auch etwa bei der letzten Kommunalwahl am vergangenen 12. September zu sehen waren. Es stehen hier fünf Wahlkabinen zur Verfügung, es gibt Wählerverzeichnisse, auf dem Wahlzettel stehen real existierende Parteien und "es gibt auch einen Wahlvorstand", versichert Jochen Lehnert, Fachbereichsleiter für Gesellschaftslehre und Lehrer für Politik, Geschichte, Erdkunde sowie Gesellschaftslehre an der IGS Wallstraße. Alles wird in dieser Wahlsimulation dem echten Leben nachempfunden: So müssen die Schüler des Hauptgebäudes an der Wallstraße zum Teichgarten gehen, was dem Gang zum Wahllokal an einem Wahlsonntag ähnele. Doch gewählt wird hier kein reales Parlament und auch sonst wird diese Wahl keinen Einfluss auf die Bundestagswahl am 26. September haben. Das Ziel dieser Initiative, an welcher Schulen freiwillig teilnehmen können und die seit 1999 zusammen vom Bundestag, der Bundeszentrale für politische Bildung sowie dem überparteilichen Verein Kumulus e.V. durchgeführt wird, ist es, den Schülern auch die Parteien und deren Inhalte vorzustellen.

Die Prozesse hinter einer Wahl sollen erfahrbar gemacht werden, womit die Demokratie gelehrt und gelernt werde. Dabei sei alles selbst von den Schülern organisiert: Sie wählen, sie bilden den Wahlvorstand, sie zählen aus und "haben alle 800 Wahleinladungen selbst geschrieben", wie Lehnert berichtet. Die Ergebnisse dieser Juniorwahl erscheinen dann nach den ersten Hochrechnungen der realen Bundestagswahl auf der Internetseite der Schule und werden in der Zeit danach im Unterricht besprochen und analysiert. Das tiefgründige Auseinandersetzen mit dem demokratischen System, im politisch neutralem Umfeld der Schule, welche gesetzlich zur Neutralität verpflichtet ist, solle die Schüler vom bewussten und reflektierten Wählen überzeugen. Und wie es auch bei einer echten Wahl ist, gibt es auch bei der Juniorwahl ungültige Stimmen und sogar Nicht-Wähler: "Ich sage immer, wir haben ein Wahlrecht und keine Wahlpflicht", sagt Jochen Lehnert.



Die nächste Generation an Wählern wird gesichert


Ab der siebten Klasse wird gewählt. Aufgrund der Pandemie bekommen die Schüler jedoch Zeitfenster, in denen sie in Fünfergruppen wählen können. Die Schüler nehmen dieses Projekt positiv auf und sehen es als Wahlhilfe an: "Ich finde, es ist eine gute Vorbereitung für die richtigen Wahlen. Vor allem hatten wir schon mal eine Juniorwahl und die hat mir bei der Kommunalwahl geholfen. Da durfte ich zum ersten Mal wählen und ich wusste, wie alles abläuft", berichtet Lena Glade, Elftklässlerin an der IGS Wallstraße. Ihr Klassenkamerad Bennet Köstler stimmt ihr zu und ergänzt, dass die Juniorwahlen ihm die Aufgeregtheit vor seiner ersten richtigen Wahl genommen habe. "Die Juniorwahlen haben mich in meiner Meinung gefestigt, sodass ich sicherer bin, in dem, was ich wählen möchte", fügt Glade hinzu.

Lehrer und Fachbereichsleiter Jochen Lehnert mit der versiegelten Wahlurne.
Lehrer und Fachbereichsleiter Jochen Lehnert mit der versiegelten Wahlurne. Foto: Martin Laumeyer


Was durch die Resultate sichtbar werde, seien die andersartige Gewichtung der Themen für die Jugendlichen, die auch zwischen den Stufen variieren. "In den Themen spiegeln sich die Lebensrealitäten der Schüler wider", so Lehnert. "Die Jüngeren machen sich vielmehr um Themen wie etwa Tierschutz Gedanken, als Schüler, die kurz vor dem Abschluss stehen und sich deshalb mehr für Bildungs- und Arbeitspolitik interessieren", so Lehnert weiter. Das erkläre auch, dass bei der Juniorwahl die Tierschutzpartei die Fünf-Prozent-Hürde knackt, aber bei den echten Bundestagswahlen zuletzt weit davon entfernt war. Die Ergebnisse dieses Projekts auf Bundesebene zeigten zudem Überschneidungen zu den Resultaten der einzelnen teilnehmenden Schule. Deshalb sei die Juniorwahl ein Trendbarometer für die Politiker, an dem sie erkennen könnten, welche Themen aktuell wichtig für die Jugendlichen sind.

Im digitalen Zeitalter spielt das Thema Medien und Medienkompetenz eine zunehmend wichtigere Rolle. Letztere sei bereits ein Bestandteil des Kerncurriculums, weshalb, auch außerhalb der Politik und der Wahlen, im Unterricht Medien analysiert würden. Dies solle zu einem kritischen Denken anregen. Zusammen mit dem Erlernen des politischen Systems, der einzelnen Parteien und politischen Strömungen, werde so "mit der Wahl und dem Drumherum den Schülern die demokratischen Werte vermittelt und damit die nächste Generation an Wählern gesichert", wie es Lehnert zum Abschluss des Gesprächs mit regionalHeute.de formuliert.

Das Projekt stammt aus den USA


Die Initiative, die die Schüler auf die Partizipation in der Demokratie vorbereiten möchte, wurde in Anlehnung an das US-amerikanische Pendant "KidsVoting" begründet. Wissenschaftlichen Studien zufolge habe sich durch das Projekt die Zahl der jungen Zeitungsleser verdreifacht und die politische Sozialisation unterschiedlicher Gesellschaftsschichten in den Altersklassen der Schüler verstärkt. Ferner sei durch das Projekt auch die Wahlbeteiligung bei Erstwählern gestiegen. Zu einem ersten Einsatz kam das Projekt bereits im Wahljahr 2002 zur damaligen Bundestagswahl. Abseits der Schulen in Deutschland nehmen auch deutsche Schulen im Ausland teil. Ein ähnliches Projekt auf Europa-Ebene ist das "JuniorVoting", an dem Schulen aus einigen EU-Ländern teilnehmen. Bei der Europawahl 2014 kam es jedoch zu einem Eklat, als einer Klasse der Fridtjof-Nansen-Realschule in Gronau ein Ausflug verweigert wurde, weil sie zu 25 Prozent die NPD gewählt hatte.


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