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Die letzten Überlebenden: Lore Eppy-Kirchheimers Flucht aus Wolfenbüttel



Wolfenbüttel

Die letzten Überlebenden: Lore Eppy-Kirchheimers Flucht vor den Nazis

Lore Eppy-Kirchheimer ist eine der letzten beiden Holocaustüberlebenden aus Wolfenbüttel. Geboren ist die heute 100-Jährige New Yorkerin in Wolfenbüttel, als Tochter eines angesehenen jüdischen Arztes. 1938 wurde die Familie von den Nazis zur Flucht gezwungen.

von Niklas Eppert


Lore Eppy, 1921 in Wolfenbüttel geboren, konnte im November 1938 mit ihrem Vater, dem angesehen Wolfenbütteler Arzt Dr. Siegfried Kirchheimer in die USA fliehen und damit der nationalsozialistischen Verfolgung entkommen.
Lore Eppy, 1921 in Wolfenbüttel geboren, konnte im November 1938 mit ihrem Vater, dem angesehen Wolfenbütteler Arzt Dr. Siegfried Kirchheimer in die USA fliehen und damit der nationalsozialistischen Verfolgung entkommen. Foto: Stadt Wolfenbüttel

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Wolfenbüttel. Am vergangenen Donnerstag beging Israel den Gedenktag Jom haScho'a. Der "Tag des Gedenkens an Holocaust und Heldentum" geschaffen, um denjenigen zu Gedenken, die ihr Leben durch den Holocaust und den Widerstand gegen das Naziregime verloren. Heute, 76 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs, leben nur noch zwei jüdische Zeitzeugen, die ursprünglich aus Wolfenbüttel kamen und durch Flucht der Gaskammer entkamen: Lore Eppy-Kirchheimer und Alfred Rülf. regionalHeute.de hat sich mit den beiden unterhalten. Über Flucht, Vertreibung und ihre Erinnerungen an Wolfenbüttel. Heute Lesen Sie über Hannelore Eppy-Kirchheimer, die als Jugendliche mit ihrem Vater per Schiff nach New York floh, um den Fängen der Nazis zu entkommen.



Heute lebt Lore Eppy-Kirchheimer nahe New York, in einem kleinen Haus mit Garten. Ursprünglich kommt sie aus Wolfenbüttel, geboren ist sie in einem Stadthaus in der Straße, die heute nach ihrem Vater Dr. Siegfried Kirchheimer benannt ist, die damalige Schützenstraße. Vor der Nazidiktatur galt die Familie Kirchheimer als angesehen, Lores Vater war Arzt mit eigener Praxis in der Langen Herzogstraße, wurde der "gute Arzt der Auguststadt" genannt, weil er keinen Unterschied bei seinen Patienten gemacht habe. Er behandelte Arbeiter wie Bürger, Konservative wie Kommunisten.

Die Familie Kirchheimer 1979 vereint in New York. Sie alle überlebten den Holocaust.
Die Familie Kirchheimer 1979 vereint in New York. Sie alle überlebten den Holocaust. Foto: Familie Kirchheimer


Doch all sein Ansehen nutzt ihm nichts mehr, als 1933 die Nazis an die Macht kamen. Familie Kirchheimer geriet schnell ins Visier der Nazis, nicht nur, weil er Jude war. Dass er keinen Unterschied zwischen seinen Patienten machte, brachte ihm den Ruf ein politisch links zu stehen. Gerüchte, wie sich zeigen sollte. Bis zum letzten Tag habe er als "kaisertreuer Patriot" auf den Zusammenbruch von Hitlers Regime gehofft. Am Ende blieb aber nur noch die Flucht.


Dr. Kirchheimer und seine Tochter Lore flohen schließlich über Hamburg nach New York. Zunächst nur zu zweit. Der Weg dahin war denkbar schwer: Siegfried Kirchheimer war zuvor mehrmals festgenommen worden, die Anfeindungen wurden schlimmer. Die letzte Festnahme erfolgte in Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, der Reichspogromnacht, durch die Gestapo. Der ehemals angesehene Arzt wurde in ein Kellerloch in Braunschweig geworfen. Nur das bereits genehmigte Visum rettete Vater und Tochter, Verwandte in den Vereinigten Staaten sei Dank. Am 11. November wurde Dr. Kirchheimer freigelassen und konnte mit Lore ein Schiff in Hamburg besteigen. Erst Jahre später kam die Familie nach. Siegfried und Martha Kirchheimer, sowie die vier Kinder Lore, Alice, Grete und Hans überlebten den Holocaust.

Die Rückkehr nach Wolfenbüttel


Per Schiff kamen die damals 17-jährige Lore und ihr Vater in New York an. Es war fremd für sie, berichtet die heute 100 Jahre alte Frau. Die fremde Sprache, das neue Umfeld, die Ungewissheit in der alten Heimat, die zurückgelassene Mutter und die Geschwister - zu viel für die Teenagerin, die mit ihrem Vater bei Verwandten unterkam. 1941 kam der Rest der Familie nach. 1941, kurz vor der deutschen Kriegserklärung gegen die USA konnten die zurückgebliebenen Kirchheimers über Berlin, das besetzte Frankreich, Spanien und Portugal Europa verlassen. Nachdem sie in einem Güterwaggon die von den Deutschen besetzten Gebiete verlassen hatten, überquerten sie auf einem portugiesischen Frachter den Atlantik. In New York war die Familie nach drei Jahren Ungewissheit wieder vereint.

Lore Eppy ist heute 100 Jahre alt. Sie ist eine der letzten beiden Wolfenbütteler Juden, die im Dritten Reich aus der Stadt flüchten müssen. Trotzdem ist sie ihrer Heimat bis heute verbunden.
Lore Eppy ist heute 100 Jahre alt. Sie ist eine der letzten beiden Wolfenbütteler Juden, die im Dritten Reich aus der Stadt flüchten müssen. Trotzdem ist sie ihrer Heimat bis heute verbunden. Foto: Karl-Heinz Hormann


Siegfried Kirchheimer musste den Arztberuf dennoch aufgeben, sein deutsches Examen wurde in den USA nicht anerkannt. Bis zur Rente arbeitete er als Pfleger. In Wolfenbüttel war er danach nie wieder. Er habe sonst Abschied nehmen müssen, sagte er später. Lore, die in den USA mittlerweile Laura hieß, dagegen kehrte oft nach Wolfenbüttel zurück, regelmäßig im Sommer. Auch wenn ihr Lebensmittelpunkt mittlerweile in den USA lag, pflegte sie weiterhin viele Bekanntschaften mit alten Freunden.

Und so freut sich die heute 100-jährige Lore Eppy-Kirchheimer immer noch, wenn sie über Wolfenbüttel erzählt. Ihre Briefkontakte, die Besuche im Sommer und die vielen Telefonate. Sie wolle die schönen Erinnerungen für sich behalten, erzählt sie im Gespräch mit regionalHeute.de. Mit Herz und Seele sei sie ihrer Heimat verbunden. Trotz allem. Aus Altersgründen kann sie heute nicht mehr nach Wolfenbüttel reisen, gesundheitlich gehe es ihr immer schlechter. Doch eins sagt sie immer wieder: "Ich möchte die Menschen von Wolfenbüttel wissen lassen, dass ich nur Gutes über sie denke!"


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