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Ein Schülerverzeichnis als Quelle der Zuwanderungsgeschichte



Wolfsburg

Ein Schülerverzeichnis als Quelle der Zuwanderungsgeschichte


Schülerverzeichnis aus dem Hauptbuch II; Foto: StadtA WOB, HA 13683
Schülerverzeichnis aus dem Hauptbuch II; Foto: StadtA WOB, HA 13683

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Wolfsburg. Bei der Archivalie des Monats Februar handelt es sich um ein Schülerverzeichnis. Dies stelle eine standardisierte, systematische Erfassung aller Schülerinnen und Schüler der Volksschule I dar. Dies teilt die Stadt Wolfsburg in einer Pressemitteilung mit.



Auf den ersten Blick verspricht das großformatige Buch keine spannende Lektüre zu werden: Der Buchdeckel aus mit schwarz-weiß-marmoriertem Papier beklebter Pappe ist arg ramponiert, am rechten Rand löst sich der Umschlag, insbesondere am Buchrücken ist es an vielen Stellen angeschlagen. Auf dem fast mittig platzierten achteckigen Etikett mit siebenfacher, sich nach innen verkleinernder schwarzer Umrandung ist in deutscher Kurrentschrift schlicht "Hauptbuch II" notiert. Aufgeschlagen verrät die Titelseite des fadengebundenen Buchs der Firma W. Restmeyer aus Nienburg an der Weser, dass es sich dabei um ein seriell hergestelltes "Schüler-Verzeichnis" handelt, in das mit blauer Farbe "Stadt des KdF.-Wagens" gestempelt wurde. Es handelt sich somit bei unserer Archivalie des Monats Februar um eine standardisierte, systematische Erfassung aller Schülerinnen und Schüler der Volksschule I.

Beste Arbeitsfähigkeit wurde bevorzugt


Dieses nüchterne Verzeichnis, in das mit fortlaufender Nummer die anwachsende Schülerschar eingetragen wurde, eröffnet jedoch ungeahnte Perspektiven auf die Geschichte der "Stadt des KdF-Wagens". Das "Hauptbuch II" entstamme der einstigen Volksschule I der "Stadt des KdF-Wagens", der zum 1. Juli 1938 die beiden Volksschulen der Gründungsgemeinden Heßlingen und Alt-Wolfsburg offiziell angegliedert worden seien. Aufgrund der spezifischen Bevölkerungskonstellation der auf dem Reißbrett entstandenen Stadt, hätte schon bald mit der Planung eines Schulneubaus begonnen werden müssen. In einem Dokument des Stadtbaubüros, in dem eine Vorausberechnung der Schüleranzahl für die Jahre ab 1940 versucht wurde, wird konstatiert, dass die "Kurve des Altersaufbaues der Bevölkerung der Stadt des KdF-[W]agens […] erheblich von der Kurve der Reichsbevölkerung" abweiche. Erklärt werde dies anhand des artifiziellen Stadtaufbaus, habe sich doch die Bevölkerung der Stadt "nicht natürlich aufgebaut". Vielmehr sei dieser durch "Auslesefaktoren beeinflußt […], da das Volkswagenwerk, die Baufirmen und so weiter Gefolgschaftsmitglieder in den Jahren der besten Arbeitsfähigkeit bevorzugt eingestellt haben und vorwiegend nur die jüngeren Altersstufen zum Ortswechsel bereit" gewesen seien.



Darüber hinaus werde in dem Dokument spekuliert, dass bei diesem Auswahl- und Einstellungsprozess "die verheirateten und kinderreichen Bewerber bevorzugt worden seien". In Konsequenz seien ältere Jahrgänge (ab 40 Jahren) deutlich unterrepräsentiert; die "Jahrgänge der 27- bis 39-Jährigen gegenüber dem Reichsdurchschnitt" dagegen "wesentlich überbesetzt". Selbst die Zahl der Kinder im Alter von 1 bis 6 Jahren aus diesen Jahrgängen liege über dem Reichsdurchschnitt. Umgehend sei der Bau auf dem Gelände des heutigen VfL-Stadions am Elsterweg in Form von Baracken anvisiert und in Angriff genommen worden, da, wie es in einem Schreiben über den Volksschulbau datierend auf den 15. Mai 1939 heißt, "die in Hesslingen und Wolfsburg vorhandenen Schulklassen nach den Sommerferien nicht mehr ausreichen". Wurden im Jahr 1938 noch 80 Kinder unterrichtet, waren es 1941 bereits etwa 1.500 Schülerinnen und Schüler.

So ist das Schülerverzeichnis aufgebaut:


Jeweils auf einer Doppelseite seien im "Hauptbuch II" in mitunter nochmals unterteilten neun Spalten linksseitig die "Laufende Nr.", die "Nr. der Versäumnisliste", der "Vor- und Zuname der Schüler", sodann persönliche Angaben unterteilt in Geburtsjahr, -tag und -ort sowie Informationen über die "Eltern bezw. Vormünder" nach "Namen", "Stand" und "Wohnort" eingetragen, rechtsseitig wiederum der Aufnahme- ("wann", "woher", "in Klasse") und Abgangszeitpunkt ("wann", "wohin", "aus Klasse"), das Entlassungsdatum und abschließend "Bemerkungen".

Dabei seien nicht immer alle Spalten konsequent geführt worden. Bei genauer Lektüre der Angaben erschließt sich dem Leser eine Fülle an Informationen, die Aufschluss geben über die Bevölkerungsgeschichte der Stadt. So lasse sich über einen Abgleich der Geburtsorte erschließen, aus wie vielen Orten die neuen Einwohnerinnen und Einwohner der Stadtneugründung zugezogen waren. Ob aus Hamburg, Lübeck oder Königsberg, aus Helmstedt, Magdeburg, Chemnitz, Eisleben oder dem in den Sudeten gelegenen Römerstadt (heute Rýmařov), aus Heidelberg oder Goslar – Kinder aus allen Himmelsrichtungen des Deutschen Reiches kamen mit ihren Eltern in die werdende proklamierte NS-Musterstadt.

Auch Einwanderer aus den USA sind vertreten


Daneben würden sich aber auch seltene Einträge wie unter der laufenden Nr. 308 "St. [= São] Paulo, Brasilien" oder wiederholt auch die USA finden lassen. So sei für Gerhard H. (Nr. 242) als Geburtsort New York verzeichnet, für Ronald E. (Nr. 91) und Heinz B. (Nr. 406) jeweils die "Motor City" Detroit – wohl nicht zufällig war unter dem Beruf des Vaters (fast ohne Ausnahme war stets der Vater unter der Rubrik "Eltern/Vormünder" geführt) bei allen dreien "Ingenieur" eingetragen. Hier seien offenabar erfolgreich Fachkräfte aus der Automobilindustrie für das nationale Projekt des Volkswagens gewonnen worden. Alle drei Kinder zogen jedoch – wie eine Vielzahl andere auch – angesichts der Kriegslage wenig verwunderlich nicht direkt aus ihren Geburtsorten, sondern in diesen konkreten Fällen aus Weingarten und zweimal Braunschweig in die "Stadt des KdF-Wagens".

Die Bandbreite der verzeichneten Berufe der Eltern verrate, wer nach erfolgter Werks- und Stadtgründung gefragt war. Neben Flugzeugbauern, Lagerverwaltern und Kontrolleuren finden sich Elektriker ebenso wie Handwerksberufe in großer Zahl wie Maler, Glaser, Schlosser und Klempner, daneben immer wieder schlicht "Arbeiter". Lockte nach Stadtgründung und Kriegsbeginn wohl noch überwiegend die Arbeit im Stadtaufbau und im Volkswagenwerk die jungen Familien in die Stadt am Mittellandkanal, scheine mit den Jahren auch der Kriegsverlauf ausschlaggebend für eine Übersiedlung gewesen zu sein. Es häufen sich jene Herkunfts- und Geburtsstädte, die frühzeitig zu Zielen der alliierten Bombardements wurden, so Altona, Hamburg und Köln. Zugleich nimmt auch die Zahl an Neubürgern aus den ehemaligen Ostgebieten des Reiches zu, beispielsweise aus Elbing (Elbląg), Breslau (Wrocław), Königsberg, Freiburg und Hindenburg in Schlesien. Wer sich in das vermeintlich unscheinbare Schülerverzeichnis vertieft, dem erschließen sich zahlreiche Facetten der Zuwanderungsgeschichte der Stadt.


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