Goslar

Expertenkreis Oker-Harlingerode zieht positive Zwischenbilanz

Bei den Schwermetalldepositionen hat der Expertenkreis festgestellt, dass die zulässigen Immissionswerte für alle betrachteten Schwermetalle wie Arsen, Blei, Cadmium, Nickel und Thallium an den Messstationen in der Wohnbebauung eingehalten wurden.

Symbolfoto
Symbolfoto Foto: Anke Donner

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12.01.2021

Oker. Der Expertenkreises Oker-Harlingerode zieht eine Halbzeitbilanz des Expertenkreises Oker-Harlingerode. Wie das niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz in einer Presseerklärung berichtet, wurde der Expertenkreis im Juni 2019 vom Umweltministerium ins Leben gerufen und besteht aus Verbänden, Bürgern, Unternehmen, Arbeitnehmern, Behörden sowie Kommunen. Er nimmt über zwei Jahre hinweg mögliche Umweltbelastungen in der Region Oker und Harlingerode unter die Lupe. Gegründet worden war der Expertenkreis, um wegen der bekannt hohen Belastungen in der Region mehr Transparenz und Austausch herbeizuführen. Knapp ein Jahr tagt der Kreis nun - Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen: Was konnte in dem ersten Jahr erreicht werden und was steht noch aus?



„Die Anwohnerinnen und Anwohner der Region haben sich zu recht mehr Transparenz zu den Immissionsbelastungen gewünscht - dass der Expertenkreis nach einem Jahr intensiven Austausch nicht nur zur Aufklärung, sondern auch zur Entwarnung beitragen kann, ist umso erfreulicher", so fasst Umweltminister Olaf Lies heute in Hannover die ersten Ergebnisse zusammen. Denn die zulässigen Immissionswerte durch Schwermetalldepositionen werden eingehalten und auch die Belastung durch Dioxine und Furane in Luft und Staubniederschlag fällt gering aus. „Die stets sehr konstruktive Arbeit aller Beteiligten trotz der unterschiedlichen Standpunkte hat uns bei diesem Thema einen großen Schritt nach vorne gebracht - dafür möchte ich mich ausdrücklich bedanken", so Lies.

Auf der Agenda des Expertenkreises stehen zunächst eine Reihe von regulären Schadstoffuntersuchungen sowie Sondermessungen. Die Ergebnisse werden im Expertenkreis vorgestellt und gemeinsam gründlich überprüft. Vorerst abgeschlossen werden konnte die Beschäftigung mit zwei großen Blöcken von Messergebnissen: erstens den aktuell ermittelten Schwermetall-Depositionen in der Region, die bereits seit 1977 beprobt werden, sowie zweitens den Dioxinen und Furanen in der Luft und im Staubniederschlag, die an Grundschulen gemessen wurden.

Messwerte eingehalten


Bei den Schwermetalldepositionen - betrachtet wurden die Werte für die Jahre 2018 und 2019 - hat der Expertenkreis festgestellt, dass die zulässigen Immissionswerte für alle betrachteten Schwermetalle - Arsen, Blei, Cadmium, Nickel und Thallium - an den Messstationen in der Wohnbebauung eingehalten wurden. Einzelne Messpunkte zeigen in bestimmten Jahren einen leichten Anstieg, aber gleichzeitig bleiben die Werte unter dem längerfristigen Niveau der letzten Jahre. An Messstationen, die im Grün- oder Brachland oder in Gewerbegebieten liegen, wurden zum Teil höhere Belastungen ermittelt; die zulässigen Immissionswerte werden jedoch auch hier eingehalten. Insbesondere im Kalten Feld würden sich die Teilnehmer geringere Werte wünschen, vor allem bei den Werten für Blei und Cadmium. Hier wünscht sich der Expertenkreis als Reaktion auf die an zwei dort befindlichen Messstationen hohen Werte eine Bepflanzung. Von dieser ist eine filternde Wirkung zu erwarten. Belastete Partikel würden in den Pflanzen „hängenbleiben" und nicht weitflächig verteilt werden. So weisen unter Bäumen gelegene Messstellen bereits jetzt geringere Werte auf. Die zuständigen Fachbereiche der Stadt Bad Harzburg und des Landkreises Goslar eruieren bereits die Realisierbarkeit.

Von allen Mitgliedern sehr begrüßt wurden die Befunde zu Dioxinen und Furanen, denn diese weisen ein geringes Belastungsniveau sowohl in der Luft als auch im Staubniederschlag auf. Da die Dioxinemissionen von Unternehmen und die Sorgen darüber überhaupt erst zur Gründung des Gremiums geführt haben, freut dies den Expertenkreis besonders. Auch Umweltminister Olaf Lies und Goslars Landrat Thomas Brych hatten sich bereits sehr positiv zu diesen Erkenntnissen geäußert.

Für das zweite Jahr steht nun vor allem die Auseinandersetzung mit drei weiteren großen Blöcken von Untersuchungen an: zunächst mit den Emissionen an Schwermetall, die von den ansässigen Industrieanlagen ausgehen, ferner mit den Untersuchungen zur Geruchsbelästigung (sog. Geruchsbegehung) sowie schließlich mit dem umweltmedizinischen Gutachten. Diese Untersuchungen werden vom Expertenkreis mit großem Interesse erwartet: Sie werden noch genauer als die bisher betrachteten Untersuchungen zeigen, inwieweit die Firmen vor Ort zur Belastung von Umwelt und Bevölkerung beitragen.



Alle Untersuchungen seien wissenschaftsbasiert. Durchgeführt werden sie von unabhängigen Stellen wie speziell akkreditierten Laboren oder selbstständigen Ingenieurbüros. Im Falle der Schwermetalldepositionen führt eine Abteilung des Staatlichen Gewerbeaufsichtsamts Hildesheim die Untersuchungen im Auftrag des Landes Niedersachsen durch, die durch die Deutsche Akkreditierungsstelle für derartige Untersuchungen zugelassen und geprüft wurde. Finanziert werden die Untersuchungen vom Land Niedersachsen, dem Landkreis Goslar und, was die Ausbreitungsrechnung und die Geruchsbegehung betrifft, von den für die Emissionen verantwortlichen Betreibern. Hier stellt die Durchführung durch unabhängige Stellen und die genaue Begleitung und Kontrolle durch die zuständige Behörde die Objektivität der Untersuchungen sicher.

Konstruktive Zusammenarbeit


Erfreulich seien aber nicht nur die bisher betrachteten Messergebnisse. Auch die Arbeitsweise des Kreises wird von den Mitgliedern als konstruktiv gelobt. - Keine Selbstverständlichkeit, schließlich berät sich hier mit Umweltverbänden und Bürgerinitiativen auf der einen und Unternehmen auf der anderen Seite ein Forum kontroverser Interessensgruppen. „Es ist uns wichtig, dass Behörden wie Unternehmen nicht nur Daten vorlegen, sondern der Bevölkerung auch plausibel erläutern können, wo wir uns sicher sein dürfen, dass keine Belastungsgrenzen überschritten werden und wo noch Klarheit hergestellt werden muss", so ein Mitglied des Expertenkreises. Unterschiedliche Präferenzen und Wertmaßstäbe bleiben zwar bestehen. - Ab wann ist etwas unauffällig? - Wie genau wollen wir das wie lange wissen und messen? - Jedoch hat sich im Laufe des Jahres ein guter Austausch zwischen Experten und Laien etabliert. Nur ist jeder für etwas anderes Experte oder Expertin: die einen für Bürgerinteressen, die anderen für die Aufsicht, weitere für Unternehmen und wiederum andere für die Arbeitnehmervertretung.
Auch wenn über verschiedene Einschätzungsspielräume und konträre Auffassungen sicherlich weiterhin intensiv diskutiert werden muss: Dem Expertenkreis ist es auf seinen fünf Treffen im Jahr 2020 gelungen, sich als streitbare Gruppe zu bewähren, finden die Mitglieder.

Die genaue Befassung mit den Untersuchungen dient der Information der Bevölkerung vor Ort, sei es über die Verbände und Initiativen, die Betriebsräte und Unternehmensleitungen oder die Presse. Oft schwer verständliche Messdaten werden hier genauer erläutert und von Repräsentanten aller betroffenen Interessensgruppen nachvollzogen und diskutiert. Zugleich werden Verfahren hinterfragt. Doch wichtig ist allen Beteiligten darüber hinaus, ob nachgebessert werden kann. So hat der Expertenkreis auf die Notwendigkeit des regelmäßigen Freischneidens der Bergerhoff-Messgefäße von Bewuchs hingewiesen.

Die Frage nach Verbesserung ist auch das Thema, das am Ende der zwei Jahre explizit besprochen werden soll. Ist die aufwendige Analyse der bestehenden Belastungssituation abgeschlossen, wollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer weiterdenken: Was könnten angemessene Handlungsempfehlungen sein, um die Gesamtsituation zu verbessern?

Mit großem Interesse betrachten die Mitglieder des Expertenkreises die Pläne der Firma IVH Industriepark- und Verwertungszentrum Harz GmbH. Der Kreis hat den Geschäftsführer Knut Bettels schon wenige Tage nach einem entscheidenden Kreistagsbeschluss des Landkreises Goslar zu einer Sitzung eingeladen, um sich die Unternehmenspläne erläutern zu lassen. Mit dem gegenseitigen Versprechen eines möglichst transparenten Miteinanders wurde der Grundstein für eine ehrliche Kommunikation zwischen dem Kreis und dem neuen Unternehmen in der Region bereits gelegt.

In Niedersachsen ist dieses Format eines Expertenkreises mit Initiativen und der Bevölkerung eine Besonderheit. Außergewöhnlich ist, dass hier ein Experten-Laien-Netzwerk zusammenarbeitet und in eigener aber auch gemeinsamer Sache auf den Nordharz schaut. Sie alle sind nicht nur Spezialistinnen und Spezialisten für die ansässigen Unternehmen und deren Aufsicht, sondern zugleich für Umwelt-, Natur- und Gesundheitsschutz sowie Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit der Region.


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