Region. Ein Begriff wie aus dem Katastrophenkino sorgt für Verunsicherung: „gehirnfressende Amöbe“. Internationale Berichte über tödliche Infektionen in warmen Regionen lassen das Thema immer wieder hochkochen. Doch wie real ist das Risiko durch Naegleria fowleri in Niedersachsen – ausgerechnet jetzt, mitten im Februar 2026?
Die Seen sind kalt, die Badesaison noch Monate entfernt. Und trotzdem taucht der Begriff auf, der sofort Alarm auslöst. Schlagzeilen berichten über seltene, aber dramatische Infektionen nach Badeunfällen in den USA oder Australien. Schnell stellt sich die Frage: Könnte das auch hier passieren?
Eine sehr hohe Sterblichkeit
Gemeint ist Naegleria fowleri, ein mikroskopisch kleiner Einzeller, der eine extrem seltene, aber meist tödlich verlaufende Hirninfektion auslösen kann – die sogenannte primäre Amöben-Meningoenzephalitis, kurz PAM. Die Erkrankung beginnt unspezifisch mit Fieber, Kopfschmerzen oder Übelkeit. Innerhalb weniger Tage können schwere neurologische Störungen folgen. Internationale Studien beschreiben eine sehr hohe Sterblichkeit, meist zwischen 95 und 98 Prozent. Diese Zahlen erklären die Aufmerksamkeit. Sie ersetzen jedoch keine Einordnung.
Ein wärmeliebender Erreger
Auf Anfrage von regionalheute.de teilte das Robert Koch-Institut mit, dass Naegleria fowleri thermophil ist und vor allem in Süßgewässern und Böden der Subtropen und Tropen vorkommt, aber auch in natürlich oder künstlich erwärmten Süßgewässern gemäßigter Klimazonen auftreten kann.
Die Amöbe vermehrt sich bevorzugt bei warmen Wassertemperaturen, häufig über 30 Grad Celsius. Kalte Gewässer bieten ihr kaum geeignete Bedingungen. Entscheidend ist zudem der Übertragungsweg: Eine Infektion erfolgt nicht durch Trinken, sondern nur dann, wenn Wasser mit Druck über die Nase tief in die Nasenhöhle gelangt – etwa beim Tauchen oder Springen. Von dort kann der Erreger entlang des Riechnervs ins Gehirn wandern. Das Robert Koch-Institut stuft das Risiko einer Erkrankung in Deutschland insgesamt als äußerst gering ein.
Weltweit nur wenige Hundert Fälle
Seit den frühen 1960er-Jahren wurden weltweit nur wenige hundert Infektionen dokumentiert. Eine große internationale Auswertung identifizierte bis 2018 insgesamt 381 bestätigte Fälle. Der Schwerpunkt lag in den USA, insbesondere in südlichen Bundesstaaten wie Texas oder Florida.
Zwischen 1962 und 2022 wurden dort 157 Erkrankungen registriert. In manchen Jahren kein einziger Fall, in anderen zwei oder drei. Gemessen an Millionen Badegängen pro Jahr bleibt das Risiko statistisch äußerst gering.
Auch in Europa sind lediglich vereinzelte historische Ereignisse bekannt, etwa in den 1960er-Jahren in einem thermisch erwärmten Hallenbad in der damaligen Tschechoslowakei. Solche Ausbrüche blieben Ausnahmefälle.
Keine bekannten Fälle in Niedersachsen
Für Niedersachsen fällt die Einschätzung eindeutig aus. Das Niedersächsische Landesgesundheitsamt erklärte auf Anfrage, es seien keine Fälle von Infektionen mit Naegleria fowleri bekannt. Weder im Land noch bundesweit gebe es bestätigte oder vermutete Erkrankungen.
Ein möglicher Zusammenhang mit steigenden Wassertemperaturen durch den Klimawandel werde beobachtet. Nach Angaben der Behörde lasse sich bislang jedoch kein Zusammenhang zwischen höheren Temperaturen und einer Zunahme entsprechender Erreger feststellen.
Im Februar 2026 erreichen natürliche Gewässer in Niedersachsen zudem bei weitem nicht die Temperaturen, die für eine Vermehrung des Erregers günstig wären. Und selbst wenn einzelne Badeseen im Hochsommer zeitweise Werte von über 30 Grad Celsius erreichen sollten, sehen die Behörden nach aktueller Datenlage keinen Hinweis darauf, dass sich daraus automatisch ein erhöhtes Infektionsrisiko ableiten ließe.
Kontrolle während der Badesaison
Für Badegewässer gelten europaweit einheitliche Standards. Das Landesgesundheitsamt empfiehlt, für das Baden überwachte EU-Badegewässer zu nutzen. Diese weisen in Niedersachsen überwiegend eine sehr hohe hygienische Wasserqualität auf. Die Kontrollen erfolgen regelmäßig während der offiziellen Badesaison, in der Regel von Mitte Mai bis Mitte September. Bei nicht überwachten Badestellen könne hingegen keine Einschätzung zum hygienischen Risiko vorgenommen werden. Das beschreibt die Grenze staatlicher Überwachung – nicht eine akute Gefahr.
Datenlage ist deutlich nüchterner
Die sogenannte „gehirnfressende Amöbe“ ist real und wissenschaftlich beschrieben. Ihre Gefährlichkeit steht außer Frage. Doch in Niedersachsen gilt das Risiko einer Infektion nach Einschätzung der zuständigen Behörden als äußerst gering. Es gibt keine bekannten Fälle und keinen Anlass zu besonderen Schutzmaßnahmen.
Zwischen internationalen Schlagzeilen und der epidemiologischen Realität klafft eine deutliche Lücke. Wer die Zahlen kennt, erkennt: Aufmerksamkeit entsteht schnell – die Datenlage ist deutlich nüchterner.

