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Gewalt gegen Frauen darf kein Tabuthema bleiben

von Anke Donner


Gewalt gegen Frauen darf kein Tabuthema sein. Um  das Thema weiter in die Öffentlichkeit zu rücken, finden in Braunschweig gerade die Aktionstage "Löwenstark gegen häusliche Gewalt" statt.  regionalheute.de sprach mit Gudrun Meurer (Frauenhaus), Elisabeth Bettels (Frauenberatungsstelle) und Katrin Heiland von der Staatsanwaltshaft Braunschweig über häusliche Gewalt. Fotos: Anke Donner
Gewalt gegen Frauen darf kein Tabuthema sein. Um das Thema weiter in die Öffentlichkeit zu rücken, finden in Braunschweig gerade die Aktionstage "Löwenstark gegen häusliche Gewalt" statt. regionalheute.de sprach mit Gudrun Meurer (Frauenhaus), Elisabeth Bettels (Frauenberatungsstelle) und Katrin Heiland von der Staatsanwaltshaft Braunschweig über häusliche Gewalt. Fotos: Anke Donner Foto: Anke Donner

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18.02.2018

Braunschweig. Jede vierte Frau wird in ihrem Leben einmal Opfer häuslicher Gewalt. Das besagt ein Bericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Um das Thema weiter in die Öffentlichkeit zu rücken, finden in Braunschweig gerade die Aktionstage "Löwenstark gegen häusliche Gewalt" statt.



Ziel der Aktionstage ist es, das Thema häusliche Gewalt wiederholt in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken, um deutlich zu machen: Partnergewalt ist keine Privatsache. regionalheute.de sprach mitGudrun Meurer (Frauenhaus), Elisabeth Bettels (Frauenberatungsstelle) und KatrinHeiland von der Staatsanwaltshaft Braunschweig über häusliche Gewalt, die Folgen für Opfer und Täter und die Möglichkeit der Hilfe und Beratung.

Hohe Dunkelziffer


Rund 700 Fälle häuslicher Gewalt wurden allein in Braunschweig im vergangenen Jahr zur Anzeige gebracht. "Doch wir schätzen, dass die Dunkelziffer sehr viel höher ist", erklärt Gudrun Meurer. Oft werden die Gewalttaten von den Frauen selbst nicht gemeldet. Aber auch Freunde, Familie, Bekannte oder Nachbarn melden nicht, wenn sich in ihrer unmittelbaren Umgebung gewalttätige Szenen abspielen. Zum einen aus dem Gefühl heraus, sich nicht einmischen zu wollen, zum anderen, weil sie Situationen nicht erkennen.

"Doch wir brauchen genau diese Zeugen. Zeugenpflicht ist Bürgerpflicht. Und wir raten immer dazu, lieber ein Mal mehr die Polizei zu rufen, als ein Mal zu wenig", so Katrin Heiland, Sonderdezernentin für häusliche Gewalt bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Denn nur gemeldete Fälle können strafrechtlich verfolgt werden - auch gegen den Willen des Opfers. Auf Katrin Heilands Tisch landen im Monat etwa 100 Fälle - gesehen auf den Bezirk der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Doch jeder Fall ist einer zu viel, sind sich die Frauen einig. Und deshalb finden dieser Tage auch viele Aktionen rund um das Thema häusliche Gewalt statt. Gestartet sind die Aktionstage, an denen sich ab Montag die Opferschutzwoche anschließt, am Mittwoch mit der Tanz-Aktion "One Billion Rising" vor den Schlossarkaden (regionalHeute.de berichtete).

Wachrütteln und sensibilisieren


"Wir wollen einfach erreichen, dass die Menschen aufmerksamer werden, hinschauen und hinhören und Fälle von häuslicher Gewalt melden. Wir wollen die Menschen wachrütteln und sagen ´traut euch einzuschreiten´", so Elisabeth Bettels. Denn Gewalt findet oftmals direkt vor der eigenen Tür statt. "Wir erleben es häufig, dass die Menschen zwar unserer Aktionen und Initiativen gut finden und gleichzeitig aber die Frage stellen, was das alles mit uns hier zu tun hat", so Meurer. Irrtümlicherweise wird Gewalt und Unterdrückung immer mit anderen Ländern und Kulturen in Verbindung gebracht. "Es ist in den Köpfen der Menschen noch nicht wirklich angekommen, dass Gewalt an Frauen auch hier bei uns ein Thema ist. Gewalt hat nicht immer etwas mit Migration zu tun - es ist leider in unserer heutigen Gesellschaft Alltag. Dagegen müssen wir etwas tun", sagen die drei Frauen energisch.


Gudrun Meurer, Elisabeth Bettels und Katrin heiland machen sich stark für Frauen. Foto: Anke Donner




Zuflucht und Hilfe finden betroffene Frauen im Frauenhaus Braunschweig und in den Beratungsstellen der Stadt. Eine Anlaufstelle ist dieFrauenberatungsstelle in der Hamburger Straße. Hier nehmen Elisabeth Bettels und ihre Kolleginnen Frauen in Empfang, die Beratung und Unterstützung brauchen. "Das muss nicht unbedingt immer häusliche Gewalt sein. Die Frauen kommen mit allen möglichen Sorgen und Problemen zu uns. Ein Großteil aber schon, weil sie in der Partnerschaft Gewalt erfahren", erklärt Elisabeth Bettels. Von hier aus werden die Frauen, wenn es notwendig ist, an andere Stellen vermittelt. "Wir stehen in sehr engem Kontakt mit anderem Einrichtungen wie dem Frauenhaus, dem BISS und der Polizei. Wir haben ein gut funktionierendes Netzwerk und treffen uns regelmäßig, um uns auszutauschen", sagt Elisabeth Bettels.

Gewalt kennt keinen gesellschaftlichen Status


Gewalt in der Partnerschaft zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft. Das fängt beim Manager an und hört bei sozialschwachen Familien auf. "Manchen Frauen gelingt es, aufgrund ihrer finanziellen Situation, aus der Beziehung auszubrechen. Sie sind oft selbstständig und finanziell unabhängig, was eine Trennung oder einen Auszug erleichtert. Diese Fälle finden dann auch nicht immer den Weg vor Gericht oder in die Polizeiakten", erklären Elisabeth Bettels und Gudrun Meurer.

"Ich für meinen Teil kann jedoch sagen, dass bei mir schon eher Fälle aus den sozialschwachen Schichten landen. Meist spielen dann Alkohol und Drogen noch eine große Rolle", erklärt Katrin Heiland. Werden Strafverfahren eingeleitet - und das passiert immer dann, wenn die Polizei einen Fall angelegt hat - landen die Fälle oftmals bei Katrin Heiland. Sie studiert jeden einzelnen Fall und entscheidet, wie damit weiterverfahren wird. Kommt es zu einem Gerichtsverfahren, sind die Strafen, die ausgesprochen werden, ganz unterschiedlich. "Jeder Fall ist eine Einzelfallentscheidung. Die Strafen reichen von Geldstrafe auf Bewährung bis zur Haft. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass Geldstrafe auf Bewährung ganz gut funktioniert. Die Täter bekommen dann eine Geldstrafe auferlegt, die aber nur dann fällig wird, wenn sie wiederholt in Erscheinung treten", erklärt Heiland. Ansonsten werden auch Maßnahmenwie Therapien angeordnet.

Wenn es unerträglich wird


Wenn die Gewalt in der Partnerschaft nicht mehr zu ertragen ist,flüchten die Frauen und suchen Hilfe und Zuflucht fernab der eigenen vier Wände und des Partners. Ein Ort der Zuflucht ist das Frauenhaus in Braunschweig. Hier werden pro Jahr etwa 70 Frauen aufgenommen, die aus einer gewalttätigen Partnerschaft fliehen - nicht selten gemeinsam mit ihren Kindern. "Etwa 200 Frauen haben sich im vergangenen Jahr bei uns gemeldet. Aber nur 70 konnten wir aufnehmen", erklärt Gudrun Meurer. Die Frauen, die nicht aufgenommen werden konnten, wurden weitervermittelt. Beispielsweise an andere Frauenhäuser.Zehn Frauen mit Kindern kann das Frauenhaus auf einmal aufnehmen. Im Schnitt bleiben die Frauen drei Monate. Im Frauenhaus herrsche eine große Solidarität unter den Frauen. Sie finden zur Ruhe und zu neuer Kraft. Oftmals seien die Frauen derart eingeschüchtert, dass sie lange brauchen, ehe sie neue Kraft und neuen Mut schöpfen. Sie haben lange Zeit einstecken müssen, die Schuld bei sich gesucht und sich erniedrigen lassen, so Gudrun Meurer.

Verdirb Dir nicht Dein Leben



Mit den Brötchentüten soll auf das Thema aufmerksam gemacht werden. Foto:



"Verdirb Dir nicht Dein Leben" ist das Motto der diesjährigen Aktionstage "Löwenstark gegen Gewalt". Hierzu wurden 30.000 Brötchentüten zu der Thematik Partnergewalt in vielen Bäckereien in Braunschweigverteilt. Mit den Backwaren werden die Menschen ganz direkt mit dem Thema konfrontiert.Außerdem findet am 20. Februar eine Veranstaltung im Kino C1 statt.

Unter dem Titel "Liebe macht blind, Gewalt macht stumm - meine Stimme gegen das Verstummen" wird die Betroffene Eva Wiedemann ab 9.30 Uhr in einem erschütternden Bericht über ihren langen und schmerzvollen Weg tiefe Einblicke in ihre eigene Geschichte gewähren und Möglichkeiten und Grenzen nennen, Betroffene von Partnergewalt in unserer Gesellschaft zu schützen. Im Anschluss an den Vortrag haben die Besucher die Möglichkeit, im Foyer Infostände von verschiedenen Beratungsstellen aufzusuchen, um sich zu informieren.


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