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Extremfall Messiewohnung: Eine Frau und ihr Team räumen auf

Ein Leben im Müll. Immer wieder kommt es dazu, dass Menschen ihr Leben nicht mehr im Griff haben - auch in unserer Region.

von Anica Lindig und Alexander Panknin


Für Außenstehende ist es oftmals nicht nachzuvollziehen, wie es zu solch einer Vermüllung kommen kann. Foto: Anica Lindig / Video: Anica Lindig

Region. In schockierenden Bildern schildert der Film "Mitten im Chaos" von Autorin Anica Lindig, was passiert, wenn alles schiefläuft. Begleitet wird die Reinigungsfirma TeamClean aus Lengede im Landkreis Peine bei ihrer täglichen Arbeit. Und die hat es in sich: Die Mitte 50-jährige Geschäftsführerin Iris Heike Wolpert-von der Wehd hat sich auf Messiewohnungen und Tatortreinigung spezialisiert. Gezeigt wird die Begehung verwahrloster Wohnungen in der Region.


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Ursprünglich kümmerte sich Wolpert-von der Wehd hauptsächlich um Gebäudereinigungen. Seit 2016 nimmt sie allerdings auch besonders harte Aufträge an. Mittlerweile gehören auch Tatortreinigungen zu ihrem Repertoire.

"Das erste Mal tut's weh, beim zweiten Mal geht es dann."

- Iris Heike Wolpert-von der Wehd



Schutzanzug, chemische Reinigungsmittel, Spachtel und viele Müllbeutel. Dies gehöre zur Grundausstattung, wenn es um die Reinigung sogenannter Messiewohnungen geht. Wenn Menschen ihr Leben nicht mehr im Griff haben, dann käme es zu solchen Extremfällen. In der Regel seien es Hausverwalter oder Vermieter, die das TeamClean hinzuziehen würden. Meist dann, wenn schon alles zu spät ist.

"Zurzeit haben wir mehr als genug Messiewohnungen. Woran es liegt, weiß ich nicht", erklärt die Geschäftsführerin. Mit ihrem Team kümmert sie sich um die Entrümpelung und anschließende Reinigung der Wohnungen. Dabei packt sie selbst mit an, wenn ihr Team ausrückt.

Wohnungen als Spiegel der Psyche


Da, wo sie hinkäme, hätten "alle einen Knacks weg". Die Betroffenen würden ihr Leben nicht mehr geregelt kriegen. Oftmals sei Alkohol mit im Spiel, Schicksalsschläge, Krankheit. Es fange meist klein an, dann würde man mit der Zeit "betriebsblind" werden und der Müll fange an sich zu stapeln. Am Ende könne man manchmal mit seinen Füßen nicht mehr den Boden berühren, wenn es an die erste Begehung geht - der Film belegt es mit unangenehmer Deutlichkeit. Bei manchen Dingen dürfe man sich einfach keine Gedanken machen, "was man da gerade anfasst".

Oftmals könne man gar nicht mehr erkennen, was
Oftmals könne man gar nicht mehr erkennen, was "das" überhaupt ist. Foto: Anica Lindig


Die Reinigung sei Teamarbeit


Das Team bestehe mittlerweile aus mehreren Angestellten. So gehört auch Dominique Maerker zu den Mitarbeiterinnen. Die junge Frau sei eigentlich gelernte Köchin, die Gastronomie würde aktuell allerdings auf wackeligen Beinen stehen. So habe sie sich entschieden, sich dem TeamClean anzuschließen, in dem bereits ihre Mutter angestellt ist.

Manche Entrümpelungen seien besonders fordernd. Dann hilft Ehemann Lutz Wolpert aus. Er packt tatkräftig mit an, denn es gäbe oftmals sehr schwere Dinge zu beseitigen. Dabei bleibt er sehr pragmatisch: "Du machst deinen Job, du machst den Müll weg, räumst auf und siehst zu, dass die Wohnung wieder in einen vernünftigen Zustand kommt."

Was passiert mit den Besitztümern?


Die meisten Sachen landeten ungetrennt auf einem speziellen Container. Diese seien zwar teurer, eine vorherige Sichtung und Trennung wäre allerdings noch kostspieliger. Darum müsse sich dann der Entsorger kümmern, der wisse allerdings schon, was ihn erwartet, erklärt Wolpert-von der Wehd.

Nur in seltenen Fällen gäbe es Ausnahmen. So wären es manchmal Kleidungsstücke, die "geborgen" werden müssten, da die betroffenen Bewohner keine anderen Anziehsachen mehr besitzen und über jedes Teil froh seien. Es käme auch vor, dass sich noch Tiere in den Wohnungen aufhalten. Diese würden allerdings vor der Reinigung versorgt werden. Sie kommen in der Regel ins Tierheim.

Eine Reinigung dauerte in der Regel einen Tag, manchmal auch zwei oder drei. Dies würde davon abhängen, wie groß die Wohnung sei und ob anschließend auch eine Reinigung gewünscht sei.

Dramatische Geschichten


Natürlich würde hinter den Wohnungen auch immer eine - meist traurige - Geschichte stecken. So berichtet die Geschäftsführerin von einem Fall, der ihr besonders ans Herz gegangen sei.

Damals sei sie eine Zeit lang zur Reinigung in die Wohnung eines Mannes gekommen. Durch die regelmäßigen Besuche habe er sich an "den Eindringling" gewöhnt und man habe sich auch lose unterhalten. Bei jedem Besuch habe er immer die gleiche traurige Geschichte erzählt. Durch Zufall habe Wolpert-von der Wehd dabei auch sein Geburtsdatum erfahren. Als sie ihm später einmal beiläufig zu seinem neuen Lebensjahr gratulierte, sei er in Tränen ausgebrochen. Oftmals seien die Menschen einfach einsam. Er habe ihr einen Teddybären geschenkt und gesagt, dass dieser auf sie aufpassen sollte. Kurze Zeit später sei er gestorben.

Mit diesem Bären bedankte sich ein Mann für die Reinigung bevor er starb.
Mit diesem Bären bedankte sich ein Mann für die Reinigung bevor er starb. Foto: Anica Lindig



Der Film "Mitten im Chaos" von Autorin Anica Lindig entstand für Campus38, das multimediale Nachrichtenportal der Ostfalia Hochschule in Salzgitter. regionalHeute.de zeigt den Film oben im Artikel mit freundlicher Genehmigung.


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