Braunschweig. Einen Tag nach dem Tag der Deutschen Einheit erklärt Helge Schneider seinem Publikum in der Volkswagen Halle, gestern sei der 17. Juni gefeiert worden. Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht: Der 17. Juni war schließlich bis 1990 der Tag der deutschen Einheit in der Bundesrepublik, ehe der 3. Oktober seinen Platz einnahm.
Bei Schneider braucht es manchmal genau diesen einen Moment, bis der Unsinn seine zweite Ebene bekommt. Lange hält er sich mit deutscher Geschichte allerdings nicht auf. Stattdessen erzählt er von Herbert Grönemeyer, mit dem er seit vielen Jahren befreundet sei. Die Geschichte dieser Freundschaft ist schnell erzählt: „Wir haben uns einmal zufällig getroffen. Er fuhr mit dem Bus vorbei. Ich wunk.“ Das folgende Lied habe er Grönemeyer gewidmet. Es heißt „Die Schildkröte“. Auf Englisch, erklärt Schneider: „Schildturtle“. Damit ist ziemlich genau beschrieben, wie dieser Abend funktioniert. Ein Gedanke taucht auf und biegt irgendwo falsch ab, bekommt unterwegs noch zwei oder drei Nebengeschichten angehängt und landet schließlich an einem Punkt, den vermutlich nicht einmal Helge Schneider selbst kommen gesehen hat.
„Wie heißt du nochmal?“
Dabei ist „Ellebogen vom Tich!“ alles andere als eine reine Comedyshow. Schneider lässt den Unsinn gerne minutenlang laufen, aber genauso selbstverständlich setzt er sich ans Instrument und macht Musik. An seiner Seite stehen Sandro Giampietro an der Gitarre, Leo Richartz am Kontrabass und Thomas Alkier am Schlagzeug. Musiker, die bei den spontanen Haken ihres Chefs jederzeit mitgehen können.
Natürlich bekommt auch ihre Vorstellung die Schneider-Behandlung. Giampietro kündigt er als „Papst“ an, sein Solo wird erst zum tollen, dann zum sehr schönen, sehr guten und schließlich zum „geilen Solo“. Beim Kontrabass von Richartz folgt gleich die Erklärung, dass man so etwas heute nicht mehr so häufig sehe, „weil es so teuer ist“. Und bei einem seiner ältesten Freunde am Schlagzeug muss Schneider zunächst überlegen: „Wie heißt du nochmal?“
Thomas Alkier kennt dieses Spiel seit Jahrzehnten. Auch Bodo, zuständig für den Tee und offenbar für deutlich mehr als das, wird immer wieder Teil der Show. Über Geld und Gagen kommt Schneider schließlich zu der Feststellung, seine Freunde hätten ohnehin all die Jahre umsonst mitgearbeitet und auf ihre Gage verzichtet, damit er sich „auch eine Kleinigkeit mal leisten kann“. Dann setzt er zu einer jener Geschichten an, bei denen jede Hoffnung auf einen geraden Weg schnell aufgegeben werden kann.
Rolf Kabel – es hat gefunkt
Das nächste Lied, erzählt Schneider, habe er mit 15 Jahren geschrieben. Oder mit 14. Genau genommen sei es zwei Tage nach seinem 15. Geburtstag gewesen, allerdings habe er sich noch wie 14 gefühlt, weil er seinen Geburtstag verschlafen habe. Das Abitur habe er trotzdem gemacht: „in der Frühstückspause allerdings“. Mit 15 will er außerdem bereits auf dem Bau gearbeitet haben. Maurer, Zimmermann, Feinschaler, Dachdecker, Kellerböden – die Liste wächst mit jedem Satz. Irgendwann ist er beim Schachtbau angekommen: „Ich habe Schächte gebaut mit der Handkante.“ Und dann endlich kommt die Geschichte dort an, wo sie die ganze Zeit hinwollte. Auf der Baustelle habe es einen jungen Elektrikerlehrling gegeben. Sein Name: Rolf Kabel. Für den habe er ein Lied geschrieben. „Das Lied möchte ich jetzt nicht singen.“ Kurze Pause. Es heißt: „Es hat gefunkt bei mir.“
Solche Umwege gehören an diesem Abend genauso zur Musik wie Gitarren-, Bass- oder Schlagzeugsoli. Schneider lässt Sätze stehen, korrigiert sich, widerspricht sich selbst und macht aus Nebensächlichkeiten minutenlange Geschichten. Die Band wartet, steigt ein oder spielt weiter. Was vorbereitet ist und was tatsächlich erst in diesem Moment entsteht, lässt sich dabei kaum auseinanderhalten. Manchmal braucht es dafür nicht einmal Worte.

Einen Tag nach dem Tag der Deutschen Einheit erklärt Helge Schneider seinem Publikum in der Volkswagen Halle, gestern sei der 17. Juni gefeiert worden. Foto: fotobully
Mikrofon als Roller
Ein Mikrofonständer reicht. Schneider greift ihn wie den Lenker eines Rollers, und schon wird daraus ein Gefährt. Kurz darauf ist es ein Elektro-Roller. Bergauf. Bergab. Der Witz steckt weniger in einer einzelnen Pointe als darin, wie lange Schneider eine solche Idee durchzieht und wie selbstverständlich aus einem Gegenstand auf der Bühne etwas völlig anderes wird. Genau darin liegt auch die Stärke dieses Abends. Schneider erzählt keine Witze mit Anlauf und Pointe. Er baut sich seine eigene Wirklichkeit, lässt sie für ein paar Minuten gelten und reißt sie gleich darauf wieder ein. Die Freundschaft mit Herbert Grönemeyer reicht dafür genauso wie ein Kontrabass, ein Mikrofonständer oder ein Elektriker namens Rolf Kabel.
Dazwischen wird ernsthaft musiziert. Vielleicht ist gerade dieser Wechsel entscheidend: Die Musiker sind keine Stichwortgeber für eine Comedyshow, und Schneider ist kein Komiker, der zufällig ein paar Instrumente bedienen kann. Jazz, Improvisation und Humor folgen demselben Prinzip: Einer gibt etwas vor, die anderen reagieren, und niemand weiß so genau, wo die Sache einige Minuten später landen wird.
Am Sonntagabend kann das in Braunschweig beim früheren Tag der deutschen Einheit beginnen und bei einer „Schildturtle“ enden. Oder auf einer Baustelle mit einem Elektrikerlehrling, den es vermutlich nie gegeben hat. Oder auf einem Elektro-Roller, der eigentlich ein Mikrofonständer ist. Bei Helge Schneider ist das kein Durcheinander. Das ist das Programm.


