Hilflos im Krankenhaus: Wer entscheidet, wenn man es selbst nicht mehr kann?

Ein Notfall verändert alles – und plötzlich darf niemand entscheiden. Wenn Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht fehlen, stehen Angehörige vor der Frage: Wer entscheidet jetzt?

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Symbolfoto.
Symbolfoto. | Foto: Pixabay

Region. Ein Notfall, und plötzlich darf niemand entscheiden. Ein Mensch wird unerwartet ins Krankenhaus gebracht, der Zustand ist unklar. Keine Patientenverfügung, keine Vorsorgevollmacht, keine Regelung. Angehörige stehen vor Ärztinnen, Ärzten und im Zweifel auch vor dem Gericht, statt helfen zu können. Das passiert jeden Tag, weil entscheidende Dokumente fehlen. Was jetzt geregelt werden sollte, und warum es jede Familie und jeden Menschen in der Region betrifft.



Der Anruf kommt plötzlich. Eine Nummer, die man nicht kennt. Eine Klinik, nicht weit weg. Ein Angehöriger wurde unerwartet eingeliefert, der Zustand ist unklar. Innerhalb weniger Minuten fühlt sich alles verschoben an, der Ort, die Uhrzeit, der eigene Körper. Zuerst kreisen die Gedanken um Medizin. Was ist passiert, wie schlimm ist es, was kommt als Nächstes. Dann stellt jemand eine andere Frage, leise, fast nebenbei. Und sie bleibt hängen.

Wer darf jetzt eigentlich entscheiden?


Für viele Familien ist genau das der Moment, in dem Sorge in Ohnmacht kippt. Denn oft lautet die Antwort: Niemand, zumindest niemand mit klarer rechtlicher Befugnis. Es gibt keine Patientenverfügung, keine Vorsorgevollmacht, keine eindeutige Regelung. Nur Unsicherheit, und das nagende Gefühl, dieses Thema jahrelang weggeschoben zu haben.

„Dafür ist doch noch Zeit“


Vorsorge ist kein Nischenthema. Fast alle haben schon von Patientenverfügungen gehört, trotzdem ist der Anteil derer, die tatsächlich etwas schriftlich festgelegt haben, deutlich niedriger. Je nach Erhebung besitzen nur rund vier von zehn Erwachsenen eine Patientenverfügung, eine Vorsorgevollmacht oder vergleichbare Dokumente, bei Jüngeren ist der Anteil besonders gering.

Der Grund ist selten Gleichgültigkeit. Vorsorge zwingt dazu, sich mit Krankheit, Kontrollverlust und Sterben zu beschäftigen. Dinge, die im Alltag leicht verdrängt werden. Also sagt man: Dafür bin ich noch zu jung. Oder: Das regeln wir später. Oder: Meine Familie weiß schon, was ich will. Nur hält sich Krankheit nicht an solche Sätze.

Ein Unfall, ein Schlaganfall, eine schwere Infektion oder Komplikationen nach einer Operation können dazu führen, dass jemand plötzlich nicht mehr selbst entscheiden kann, ohne Vorwarnung.

Wenn plötzlich andere entscheiden müssen


Liegt keine Patientenverfügung vor, müssen Ärzte den mutmaßlichen Willen ermitteln, also herausfinden, was die betroffene Person in dieser Situation vermutlich gewollt hätte. Angehörige werden dann gefragt, was bekannt ist, welche Gespräche es gab, welche Haltung der Mensch hatte. Erinnerungen werden zu Argumenten, alte Sätze bekommen plötzlich Gewicht.

Existiert zusätzlich keine Vorsorgevollmacht, kann das Betreuungsgericht eingeschaltet werden. Es entscheidet, wer rechtlich handeln darf. Das kann ein Angehöriger sein, muss es aber nicht. Für Familien fühlt sich das oft nach weiterem Kontrollverlust an, in einer Lage, in der ohnehin alles brüchig geworden ist.

Dass Vorsorge selbst in Extremsituationen häufig fehlt, zeigt auch der Klinikalltag. In einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf konnte nur gut etwa jede zweite intensivmedizinische Patientin, jeder zweite Patient eine Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht vorlegen. Zusätzlich waren viele vorhandene Dokumente unklar oder widersprüchlich ausgefüllt. Dokumente allein lösen nicht alles, aber ohne sie fehlt häufig die rechtliche Grundlage, um Entscheidungen sicher und im Sinne der Betroffenen zu treffen.

Rechtlich klar, aber menschlich verdrängt


Die Patientenverfügung ist gesetzlich geregelt und verbindlich, wenn sie konkret formuliert ist. Es fehlt also nicht an Möglichkeiten, sondern an Vorbereitung.

Viele regeln zumindest finanzielle Dinge, etwa eine Kontovollmacht. Gesundheit bleibt oft außen vor. Im Ernstfall wird genau diese Lücke schmerzhaft sichtbar. Dann geht es nicht um Geld, sondern um die Frage, wer überhaupt Auskunft bekommt, wer sprechen darf, wer Verantwortung übernehmen kann.

Der eigentliche Schock kommt oft später, wenn klar wird: Man hätte sich selbst und den Menschen, die man liebt, viel Leid ersparen können.