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"Ich wurde geimpft" - Erfahrungsbericht einer Krankenpflegerin

In den Krankenhäusern können sich viele Ärzte und Pflegekräfte bereits impfen lassen. Stärker als irgendwelche Nebenwirkungen wiegen bei einer Impfung laut einer Krankenschwester aus der Region aber die positiven psychischen Effekte, die der Schutz mit sich bringe.

von Marvin König


(Symbolbild)
(Symbolbild) Foto: Rudolf Karliczek

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14.01.2021

Region. Die 46-jährige Anna Ries ist Anästhesieschwester im städtischen Klinikum Wolfenbüttel. Durch ihre Arbeit auf der Intensivstation konnte sie schon vorgestern die erste Dosis ihrer COVID-19 Impfung erhalten. Damit gehört sie zu den ersten 63.200 Menschen in Niedersachsen, denen die erste Impfdosis bereits verabreicht wurde - für sie ein Akt der Solidarität. Ries berichtet gegenüber regionalHeute.de nach dem starken Wunsch nach Normalität. Sie freue sich darauf wieder Menschen von Angesicht zu Angesicht zu begegnen - natürlich nur, wenn diese auch geimpft seien.



Niedersachsen liegt derzeit nur auf Platz elf der am meisten bislang verabreichten Impfungen in den 16 Bundesländern. Anna Ries ist eigentlich auch nicht ihr richtiger Name. Nach Rücksprache mit dem Klinikum Wolfenbüttel darf der Name des Arbeitgebers nun genannt werden (Aktualisiert am 14. Januar). Der Name soll auf Wunsch der Interviewpartnerin jedoch geändert bleiben. Ries ist seit 22 Jahren Anästhesieschwester und hat auch in ihrem Umfeld schon Fälle erlebt, in denen COVID-19 große gesundheitliche Schäden verursacht hat. Wie sie berichtet, auch langfristig.

Die zweite Dosis bringt den vollen Schutz



Ries warte nun auf ihre zweite Dosis, die am 21. Tag nach der ersten Dosis verabreicht werden soll. Mit beiden Impfdosen wird nach Studienergebnissen des Herstellers eine Schutzwirkung von bis zu 95 Prozent erreicht. Nach weiteren Studien zum Wirkstoff des Herstellers Biontech bestehe zwar nach einer Dosis grundsätzlich schon ein geringer Schutz, die Datenlage hierzu ist jedoch schwach. Von Nebenwirkungen spürt die Krankenpflegerin nichts, auch in ihrem Kollegium seien ihr keine Fälle bekannt: "Bis jetzt kenn ich noch keinen, der Nebenwirkungen hatte. Außer ein bisschen Druck an der Einstichstelle. Aber das hat man ja auch nach der Grippeschutzimpfung."

Ein Lichtblick für die Zukunft


Größer als die körperlich spürbaren Effekte der Impfung seien allerdings die psychischen. Nach fast einem Jahr Corona-Maßnahmen blicke man nun positiver in die Zukunft: "Das ist wirklich ganz cool. Ich hab gestern schon gedacht als ich mit meiner Tochter draußen war, bald kann dir im Prinzip einer auf die Pelle rücken und das kann mir nichts mehr anhaben. Dass ich mit dem Thema erstmal durch bin, ist schon abgefahren", berichtet Ries. "Ich gehe natürlich weiter mit Maske einkaufen. Meine Impfung macht die Gesamtsituation ja noch nicht besser. Ich freue mich darauf, wenn ich wieder mehr machen kann. Und ich hoffe, dass sich jemand damit beschäftigt, ob man mit der Schutzimpfung noch infektiös ist oder nicht."

Auch nach der Impfung kann man andere anstecken


Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es unzureichende Erkenntnisse darüber, ob man nach einer Impfung zwar selbst nicht erkrankt, aber noch andere mit dem Coronavirus infizieren kann. Das Paul-Ehrlich-Institut ist in Deutschland für die Überwachung von Impfstoffstudien zuständig. Bei Studien mit Affen sei nicht festgestellt worden, dass eine Impfung die Weitergabe des Virus an andere effektiv verhindern könne. Wie das Paul-Ehrlich-Institut dem SWR mitteilte, sei allerdings aufgrund des Versuchsaufbaus noch unklar, ob sich diese Hinweise aus Tierversuchen in der Praxis auch auf den Menschen übertragen ließen. Erst in den nächsten Monaten werde sich zeigen, ob Geimpfte andere Menschen anstecken können.


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Keine eiskalte Spritze im Arm


Die Impfung war für sie freiwillig und wie sie zugibt, läuft das Aufklärungsgespräch für Ottonormalverbraucher wohl auch anders als "unter Fachkräften": "Wir haben uns natürlich vorher wie die Weltmeister selber informiert. Man füllt vor der Impfung einfach einen Fragebogen aus mit Fragen zu Schwangerschaft, Dauermedikation, Vorerkrankungen und allem, was sonst noch einschränken könnte. Dem Arzt habe ich dann meine letzten Fragen gestellt." Sie erklärt: "Viele glauben, sie würden einen eiskalten Impfstoff mit -70 Grad verabreicht bekommen. Das ist natürlich nicht der Fall. Der Wirkstoff wird auf -70 Grad gekühlt und kann vor der Verabreichung fünf Tage im Kühlschrank aufbewahrt werden. Auf Zimmertemperatur kann er sechs Stunden bleiben und so wird er auch verabreicht. Also keine Angst. Das gibt keine Verbrennungen im Arm." Ries erklärt weiter: "So lang ist die Nadel auch nicht, ich habs nicht mal richtig gemerkt. Die Grippeschutzimpfung hat mehr gepikst. Das läuft dann alles ganz normal. Oberarm frei machen, arm hängen lassen, locker lassen, dann gibt es 0,3 Milliliter von der Impfdosis und dann ist es auch schon überstanden."

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Warum sollte man sich impfen lassen?


Die Berichte über mangelnde Impfbereitschaft bei Pflegekräften und Ärzten könne sie aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. "Bei mir in der Abteilung waren weniger Skeptiker als Mitmacher. Wir sitzen viel in den OP-Sälen aber die überwiegende Meinung ist insgesamt eher: 'wie kann man nur nicht'. Wenn es Zweifel gab dann darüber, wie das logistisch funktionieren soll. Über den Impfstoff direkt weniger." Auf die Frage, wieso sich andere Impfen lassen sollten nennt Ries zum einen Solidarität als Grund. Eine Freundin habe es jedoch ihrer Meinung gut auf den Punkt gebracht: "Was ist, wenn ich krank werde und ich kriege keinen Beatmungsplatz und ich muss meine zwei Jungs angucken und dann denken 'hätt ich doch'. Man muss gucken, was kann mir passieren. Viele denken zwar ich bin ja jung, es betrifft mich nicht. Aber aus dem Mist kommen wir nur raus, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen."

Aktualisiert - 14. Januar: Nach Rücksprache mit dem Klinikum Wolfenbüttel darf dies nun genannt werden. Nach erneuter Rücksprache mit der Interviewpartnerin soll der Name aber geändert bleiben.


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