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In Quarantäne: Ein Leben im Delirium



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In Quarantäne: Ein Leben im Delirium

Im zweiten Teil seiner Kolumne hält unser Redaktionsmitglied fest, wie die Corona-Erkrankung und die Quarantäne bei ihm verlaufen sind.

Symbolbild.
Symbolbild. Foto: pixabay

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Region. Vergangene Woche berichtete ein Mitglied unserer Redaktion anonym, dass er an Corona erkrankt war und wie die ersten Tage bei ihm verliefen. Diese Zeit war gerade vom Abwarten auf das Testergebnis und dem ständigen Hin und Her geprägt, wie Sie hier lesen können. Im zweiten Teil geht es um den Verlauf der Krankheit und Gefühle und Gedanken in der zweiwöchigen Quarantäne.



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Ich liege im Bett und starre die Decke an. Würde jetzt eine Kamera von oben auf mich blicken und jemand "The End" von The Doors im Hintergrund laufen lassen, könnte ich glatt als Martin Sheen in "Apocalypse Now" durchgehen. Doch statt tropischer Hitze, Hubschraubern und Vietnam, umgibt mich der deutsche, nasskalte Dezember, den ich zum größten Teil verpassen werde. Halb so wild – ist eh wieder alles zur Hälfte dicht. "Tolle Adventszeit", denke ich mir und um überhaupt in Stimmung zu kommen, zumindest ein bisschen, mache ich mir eine Adventsfolge der "Drei Fragezeichen" an, wobei mein Blick auf das Datum auf dem Bildschirm meines intelligenten, mobilen Fernsprechgerätes - kurz Inmofe - fällt, das mich über die zwei Wochen, die ich im Knast Marke Eigenbau verbringe, begleiten und meine einzige Verbindung nach draußen sein wird. Na gut, ich könnte aus dem Fenster schreien, aber da ist ein Telefon doch effektiver. Das Datum verrät mir allerdings: "Du bist schon eine Woche im Dauerdelirium". Eine Woche seit dem ich das erste Mal positiv getestet wurde – "regionalHeute.de berichtete"–? Wo ist bloß die Zeit geblieben? Wenn man den halben Tag schläft, ist es aber auch kein Wunder, wenn eine Woche wie ein Blitz an einem vorbeizieht.



Es läuft die dritte Adventsfolge der Kultreihe, doch wie bei so vielem, kann ich nach einer gefühlten halben Stunde oder weniger nicht mehr. Mein Körper macht schlapp und mein Kopf dicht und ich die Folge aus. Es tut mir leid, Justus, Peter und Bob. Wenn ich am Anfang noch positiv gedacht habe, "geil, zwei Wochen Zwangsurlaub", war dieser Eindruck schnell verflogen. Was hatte ich mir nicht alles vorgenommen: Bücher lesen, Filme schauen, alte Videospiele spielen und so weiter. Viel sollte ich davon allerdings nicht schaffen. Zumindest lese ich diese kurze Abhandlung Hermann Hesses über eine Weltbibliothek zu Ende, die nicht sonderlich spannend war, lege diese weg und fange die "Iphigenie auf Tauris" an. Doch liebe Iphigenie, es tut mir leid. Ich schaffe es nicht mehr.

Verschwörungstheoretiker hatten recht - zum Teil


Symbolbild.
Symbolbild. Foto: Pixabay


Denn die Verschwörungstheoretiker aus der individuellen Bewegtbildmaschinerie YouTube hatten mit einer Sache recht: Es fühlt sich an wie eine Grippe oder starke Erkältung. Doch hier kommt meine Verschwörungstheorie zu diesen Leuten: Sie haben (bewusst) vergessen zu erwähnen, dass diese Grippe oder Erkältung Steroide genommen haben muss. In den ersten Tagen hatte ich neben viel Husten, bekannte Symptome, wie Kopf- und Gliederschmerzen sowie eine laufende Nase und das bereits beschriebene Schwächegefühl. Doch alles fühlt sich viel stärker, beinahe schon unnatürlich an. Wenn ich Kopfschmerzen habe, so liege ich komplett flach, Gliederschmerzen sind wie Blitze, die durch den Körper jagen, die Nase läuft, zumindest am Anfang, wie ein Wasserfall und das Schlimmste ist: Ich kann nicht mehr richtig gehen. Denn mein Körper ist so geschwächt, dass ich beim Gehen mich teilweise abstützen muss. Essen kann ich auch kaum. Mit Mitte zwanzig, bin ich so, binnen weniger Tage, zu einem Greis mutiert, der nur noch die Hälfte mitbekommt - wie Opa Hoppenstedt.


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Ich revidiere an dieser Stelle meine Aussage: Das Schlimmste ist zwar, wenn das Bier alle ist, im Rahmen meiner Erkrankung jedoch dieser eklige Geruch, der einem die ganze Zeit in der Nase herumschwirrt und einfach nach einer Mischung aus Blut, Schleim und generell nach Erkältung riecht. Und so weit ist Bier oder Alkohol davon gar nicht entfernt, denn den Geruch und in der Folge auch den Geschmack so präsent zu haben, ist wie, wenn man am Abend zuvor etwas Alkoholisches getrunken hat, was am nächsten Morgen noch ordentlich nachhallt - widerlich. Ob es mir ohne die Impfung von Johannes und Johannes besser oder schlechter gegangen wäre? Oder mit einer anderen? Das weiß ich nicht. Ich kann es nicht beurteilen, da dies meine erste und hoffentlich einzige Corona-Erkrankung ist.

Oh, heilige Corona, du bist so heimtückisch!


Doch plötzlich geht es mir wieder gut - nach ein paar Tabletten, versteht sich. Ja, ich fühle mich zwar noch erkältet, aber eigentlich bin ich super drauf. Denkste: Kaum ist die Krankheit für einen Augenblick vergessen, so kommt sie auch schon wieder und flüstert: "Ab ins Bettchen". Heimtückisch, frech und einfach dreist nenne ich sowas. Derweil sind Stunden oder Tage vergangen, so richtig kann ich das nicht sagen, und nicht nur mein Wochenende aus dem ersten Teil wurde zerstört, sondern auch mein Geburtstag, den ich in der Zwischenzeit irgendwann mal hatte. Wie Loriots Opa Hoppenstedt möchte ich doch einfach nur mein Geschenk haben, was ich per Post auch bekomme: kein Atomkraftwerk, aber dafür eine Platte und ein 3D-Puzzle des Fußballstadions meines Lieblingsvereins zum Zeitvertreib in der Quarantäne. Es ist gut, gerade in so einer Situation gute Freunde zu haben, die für einen einkaufen und per WhatsApp auf dem Laufenden halten. Positiv bleiben, um nicht mehr positiv zu sein - das ist mein Motto.

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Doch wie auch bei anderen Dingen kriege ich mal wieder nur die Hälfte mit. Ich bekomme aber mit, dass Max Verstappen mit 24 Jahren Formel-1-Weltmeister wird, was mich natürlich für ihn freut, doch in einer depressiven Phase, die in den Pausen der wellenförmigen Krankheit kommt, frage ich mich, was ich derzeit so mit Mitte zwanzig mache: Völlig verrotzt "Drei Fragezeichen" hören. Klingt nicht schlecht, sogar ziemlich erfreulich, gerade dann, wenn man einfach nur einschlafen möchte. Später oder vorher, in einem fast schon hypnagogen Zustand, also zwischen Traum und Realität, bekomme ich mit, dass der neue Kanzler vereidigt wird und mit ihm auch eine neue Verteidigungsministerin, zu deren Ehren die Bundeswehr einen Marsch spielt. Leider weiß ich nicht, wie dieser heißt, –schreibt's in die Kommentare– doch als ich ihn höre, werden meine Lebensgeister wiedererweckt und ich denke mir: "Komm, diese Grippe auf Steroiden machst du auch noch platt. Denn ich habe keine Zeit zu sterben".


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