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Ministerpräsident rührt Werbetrommel für Grippeimpfung - Doch wie gut hilft sie wirklich?

Ministerpräsident Stephan Weil appelliert, sich besonders in diesem Jahr gegen die Grippe impfen zu lassen. Ines Eder, Inhaberin der Einhorn-Apotheke in Braunschweig, gibt Infos zu Hintergründen und Wirksamkeit des Grippeimpfstoffes.

von Marvin König


(Symbolbild)
(Symbolbild) Foto: Pixabay

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09.10.2020

Region. Ministerpräsident Stephan Weil appelliert an die Bürgerinnen und Bürger besonders in diesem Jahr an der Grippeschutzimpfung teilzunehmen. Er selbst habe sich bereits impfen lassen. Insgesamt 26 Millionen Impfstoffe stehen nach Informationen von regionalHeute.de zur Verfügung, auf Niedersachsen entfallen etwa 2,6 Millionen Dosen. Ines Eder, Bezirksapothekerin und Inhaberin der Einhorn-Apotheke berichtet von einer geringen Impfbeteiligung in den letzten Jahren - und hegt dennoch Zweifel, dass der große Vorrat in diesem Jahr ausreicht.



„Jedes Jahr lasse ich mich gegen Grippe impfen. Aber in diesem Jahr ist es besonders wichtig – das sagen alle Experten. Es muss möglichst vermieden werden, dass wir es zusätzlich zur Corona-Pandemie noch mit einer großen Influenzawelle zu tun bekommen", meint Ministerpräsident Stephan Weil in einer Pressemitteilung. Vor allem Menschen, die dem Personenkreis angehören, für die die Ständige Impfkommission eine Impfung dringend empfiehlt sollten laut Weil an der Influenzaschutzimpfung teilnehmen: vorerkrankte und ältere Menschen und Personen mit vielen Kontakten. "Wer sich impfen lässt schützt nicht nur sich und andere, sondern trägt auch dazu bei, dass unser Gesundheitswesen und die dort Beschäftigten nicht durch eine große Grippewelle zusätzlich belastet werden", so der Ministerpräsident abschließend.

Wie effektiv ist die Impfung?


Die Schutzwirkung von Grippeimpfstoffen betrage laut der Braunschweiger Bezirksapothekerin bei jungen erwachsenen gut 80 Prozent, "wenn eine gute Übereinstimmung zwischen den vorherrschenden Grippeviren und dem Impfstoff besteht", merkt Eder an. Die Wirksamkeit einer Impfung liege bei älteren Erwachsenen zwischen 41 und 63 Prozent. Wie effektiv der Impfstoff am Ende wirklich ist, variiere jedoch und hänge letztendlich davon ab, ob die in dem Impfstoff enthaltenen Virusstämme mit den Influenzaviren der Grippesaison bestmöglich übereinstimmen. "Tun sie das nicht, weil sich zwischenzeitlich andere Virusstämme durchgesetzt haben oder es zu genetischen Veränderungen beim Impfstamm gekommen ist, während der Impfstoff hergestellt wurde, kann die Schutzwirkung des Impfstoffes leiden", zitiert Eder das Robert-Koch-Institut (RKI). Der Grippeimpfstoff basiert auf einer Prognose, die die Weltgesundheitsorganisation jedes Frühjahr tätigt. Diese sage jedoch lediglich aus, welchen vorherrschenden Influenza-Stamm man für die kommende Grippesaison erwartet. Sicherheit gebe das nicht. "Inzwischen werden statt Dreifach-Impfstoffen nur noch Impfstoffe mit vier verschiedenen Stämmen angeboten, was die Trefferquote erhöhen soll", erklärt Eder.

Apotheken dürfen erstmals Reserve anlegen


In diesem Jahr kommt bei der Bestellung der Grippeimpfstoffe erstmals das im Frühjahr 2019 vom Bundestag verabschiedete Terminservice- und Versorgungsgesetz zum Tragen, das beim Bestellvorgang an vielen Apotheken Probleme verursacht haben soll (regionalHeute.de berichtete). Mit dem Gesetz sollen Impfstoff-Engpässe verhindert werden. "Ärzte dürfen jetzt bei der Bestellung von Impfstoffen in den Apotheken einen Sicherheitszuschlag einplanen und rund zehn Prozent mehr bestellen als sie letztlich vielleicht verimpfen. Bislang galt dies als unwirtschaftlich und konnte zu Regressen seitens der Kassen führen", erklärt Eder. Ob diese Reserve ausreicht, sei jedoch unklar. Denn die Bestellungen wurden zumeist bereits im Februar getätigt - Vor der Corona-Pandemie.

Nachfrage im Vergleich zu Vorjahren gestiegen


Trotz vielfältigen Impfkampagnen in jedem Herbst erreiche Deutschland mit einer Teilnehmerrate laut RKI von zirka 35 Prozent nicht einmal die Hälfte der von der Weltge­sund­heitsorganisation (WHO) vorgegebenen Zielmarke von 75 Prozent bei den über 60-Jäh­ri­gen. Zum Vergleich: 2008/9 lag die Quote bei 47,9 Prozent. Auch bei den chronisch Kranken liege die Impfquote bei nur 27 bis 40 Prozent. Trotz dieser Prognose und 20 Prozent mehr verfügbarer Impfdosen als im vergangenen Jahr sehe es in Sachen Verfügbarkeit laut Ines Eder bereits jetzt schlecht aus.

"Die Nachfrage ist höher als in den letzten Jahren. In vielen Apotheken gibt es schon keinen Impfstoff mehr."

- Ines Eder, Bezirksapothekerin und Inhaberin der Einhorn-Apotheke Braunschweig



Die Bezirksapothekerin erklärt: "Dieses Jahr könnten die zehn Prozent Zuschlag nicht ausreichend sein, da viel dafür plädiert wird, auch Nichtrisikogruppen zu impfen, um die Risikogruppen vor Ansteckung zum Beispiel durch Kinder zu schützen. Die Nachfrage ist höher als in den letzten Jahren. In vielen Apotheken gibt es schon keinen Impfstoff mehr. Eine Nachproduktion ist nicht möglich, zum einen dauert die Produktion lange und zum anderen produzieren die Hersteller jetzt für die kommende Grippesaison auf der Südhalbkugel." Einfach nachbestellen könne man ebenfalls nicht: "Man kann sich nur auf eine Art Warteliste setzen lassen. Die Hersteller geben uns Apotheken dazu keine Auskunft."

Wer sollte sich impfen lassen?


Das RKI empfiehlt eine Impfung für alle Personen ab 60 Jahren, für alle schwangeren ab der 14. Schwangerschaftswoche oder im Falle eines Grundleidens auch schon ab der ersten Schwangerschaftswoche. Ebenso empfohlen werde die Impfung für alle Personen mit chronischen Erkrankungen, die auch neurologische Grundkrankheiten wie beispielsweise multiple Sklerose mit einschließen. Medizinisches Personal, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sowie häuslich Pflegende wird ebenfalls die Schutzimpfung ans Herz gelegt. Wie das RKI betont, blieben diese ständigen Empfehlungen auch während der Corona-Pandemie uneingeschränkt gültig - solange der Vorrat reicht.


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