whatshotTopStory

Kampf um Existenz: Pandemie treibt Prostituierte an den Abgrund

Um Geld zu verdienen, bieten die Frauen ihre Dienste in Parkhäusern und Parks an.

von Anke Donner


Bruchstraße Bruchstrasse Rotlicht Braunschweig. Symbolbild.
Bruchstraße Bruchstrasse Rotlicht Braunschweig. Symbolbild. Foto: aktuell24 (bm)

Artikel teilen per:

19.11.2020

Braunschweig. Die SPD im Rat der Stadt, hatte einige Fragen zur Situation der Prostituierten in Braunschweig. Mit ihren Fragen wandten sich die Sozialdemokraten nun im Rat der Stadt an die Verwaltung und baten um Auskunft darüber, welche Unterstützungsangebote es für Prostituierte gibt, wie sich die Lage der Prostituierten in der Corona-Pandemie, vor allem während des Verbotes der Ausübung dieses Gewerbes, darstellt und welche Beratungsangebote für Prostituierte aus Sicht der Verwaltung wünschenswert wären.



Besonders das Berufsverbot der Prostituierten aufgrund der Corona-Pandemie würde die Lage der Frauen verschärfen und dazu führen, dass die Einnahmen ausbleiben und der Lebensunterhalt nicht mehr gesichert werde, so die SPD in ihrem Antrag. Viele der Frauen müssten zudem nicht nur ihren Lebensunterhalt finanzieren, sondern auch den ihrer Familien, die meist im Ausland leben. Hinzu komme, dass die Frauen nicht selten in einem Abhängigkeitsverhältnis zu männlichen Personen stünden, von denen sie unter Druck gesetzt werden. Aufgrund diverser Belastungen, die sich aus dieser Situation für die Frauen ergeben, seien viele von ihnen suchtabhängig, begründet die SPD ihr Anfrage, die von der Stadtverwaltung ausführlich beantwortet wurde.

Pandemie hat Situation verschärft


Die Corona-Krise habe auch in Braunschweig gezeigt, dass Frauen, die in der Prostitution arbeiten, häufig in prekären Lebensverhältnissen leben, teilte die Verwaltung mit und bestätigt auch die Aussage der SPD, dass die meisten Prostituierten aus Herkunftsländern kommen, in denen ihre Familien auf diese Einnahmen angewiesen seien und mit dem Verkauf ihres Körpers Lebensmittel, Miete und Schulausbildung der Kinder finanzieren. Die Frauen haben selten privaten Wohnraum, selten eine Krankenversicherung, sind weder angestellt noch angemeldet selbständig. Viele der Frauen, die zur Zeit der Corona-Pandemie in der Bruchstraße lebten, seien Armutsprostituierte, die nicht in ihre Heimatländer zurückkehren konnten. Nur sehr wenige Frauen hätten Anspruch auf finanzielle Unterstützung. Da sie keinerlei Absicherung oder Ansprüche erworben haben, werden sie auch durch offizielle Hilfsangebote nicht erreicht. Die Prostituierten wurden durch sehr engagierte Ehrenamtliche mit Lebensmitteln auf Spendenbasis versorgt. Die Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamtes waren mit den Prostituierten und den Ehrenamtlichen kontinuierlich in Kontakt und unterstützten bei Antragsstellungen und gesundheitlichen Problemen.

Vereine unterstützen


Schon zu Beginn wurden Kontakte zwischen ehrenamtlich Tätigen und den Prostituierten hergestellt, sodass eine Versorgung zunächst über die Braunschweiger Tafel und den Verein Schrill e.V. sichergestellt werden konnte, berichtet die Verwaltung. Im weiteren Verlauf des ersten Lockdowns kam das Aktionsbündnis Eintracht hilft hinzu. Das Aktionsbündnis hat gemeinsam mit weiteren Financiers, darunter beispielsweise der Rotary Club Hanse, die Kosten für die wöchentlich ausgegebene Suppe aufgebracht. Die Initiative wird neben dem Aktionsbündnis der Eintracht hilft, dem Verein Schrill e.V., inzwischen von Foodsharing e.V. Braunschweig, St. Michaelisgemeinde, die Bürgerstiftung Braunschweig: Das Goldene Herz und der Diakonie, finanziert und organisiert. Weitere Unterstützung für die Frauen gab es vonseiten des Kultviertels Friedrich-Wilhelm-Viertel e.V. Diese stellten den Kontakt zur Bürgerstiftung Braunschweig her, die ebenfalls Geld für die Frauen spendete. Ebenso wurde der Kontakt zur Initiative Cheers Kitchen hergestellt, die ein unentgeltliches Kochangebot veranstalteten und auch weiterhin die Frauen unterstützen möchten.

Derzeit seien mehr Frauen als zu Beginn der Pandemie zu versorgen, heißt es in der Antwort der Verwaltung. Waren es zu Beginn etwa 25, sei die Zahl inzwischen auf 40 bis 50 angestiegen. Die aktuelle Versorgung stehe auf drei Säulen: 1. Frischware, wie Obst und Gemüse, 2. Suppenversorgung sowie 3. die Versorgung mit Hygieneartikeln. Zu den Ehrenamtlichen ist inzwischen eine pensionierte Sozialarbeiterin hinzugestoßen, die die Prostituierten, neben den Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamtes, zu Arztbesuchen etc. sowie die wiederbeginnende Beantragung von ALG II-Anträgen begleitet. Außerdem wurde über die Michaelisgemeinde ein Spendenkonto eingerichtet.

Frauen bieten ihre Dienste in Parkhäusern an


Während des ersten Lockdowns hätten sich viele Frauen aufgrund ihrer prekären Lage dennoch in Parkhäusern und Parks prostituieren müssen. Dies sei durch die zuständigen Polizeibeamten bestätigt worden, berichtet die Verwaltung und fügt an, dass sich die Frauen in dieser illegalen Form der Prostitution damit erhöhten Gewaltrisiken, aber auch Ansteckungsrisiken ausgesetzt hätten. Ein gesundheitsbewusstes Arbeiten, vor allem im Kontext von Corona, sei unter diesen Bedingungen schlicht nicht möglich gewesen. Vor allem Frauen, für die kaum Aussicht auf Erfolg bei der Beantragung für Hartz IV bestand, griffen auf diese Möglichkeit zurück, um überleben zu können. Die Öffnung für Haus- und Hotelbesuche habe die Situation nicht großartig verändert, da viele Freier Familien haben und dementsprechend keine Hausbesuche wünschten. Auch sei die Kontaktanbahnung, gerade für Frauen die kaum Deutsch sprechen über das Internet oder ähnliche Plattformen kaum möglich. Es habe nach Einschätzung der Stadtverwaltung eher mehr Druck auf die Frauen ausgeübt, da sie jetzt offiziell arbeiten dürften und sie oft Angst hatten, dass die Vermieter, bei denen sie in dieser Zeit gratis wohnen durften, nun doch Mieten fordern würden. Dies sei auch zu einem gewissen Teil passiert. Auch würde die Prostitution in Haus- und Hotelbesuchen immer noch erhöhte Risiken mit sich bringen da beispielsweise keinerlei Alarmanlagen für Notfallsituationen zur Verfügung stehen und auch im Zweifelsfall niemand in der Nähe sei, der unterstützend eingreifen könnte. Trotzdem hätten viele Frauen diese Möglichkeit Geld zu verdienen wahrgenommen, um die Not zu überbrücken. Durch den derzeitigen Lockdown steigen die illegalen und prekären Aktivitäten wieder an. Die Beratungsangebote in Braunschweig decken viele Einzelaspekte der Notlagen von Prostituierten ab. Allerdings überfordert die Kombination von Bedarfen wie Wohnungslosigkeit, Gewalterfahrungen, Drogenprobleme, fehlende Krankenversicherung, mangelnde Sprachkenntnisse und Status der Selbstständigkeit das Fachwissen der einzelnen Disziplinen. Auch ein Ausstieg aus der Prostitution bedarf längerer und intensiver Begleitung. Dieses Angebot sei in Braunschweig noch nicht vorhanden, stellt die Verwaltung zusammenfassend fest.

Hauptamtliche Unterstützung sinnvoll


Hinzu komme, dass Prostituierte häufig die Stadt wechseln und selten ihren Arbeits-/Lebensort verlassen. Sie verfügen deshalb oft über keinerlei Ortskenntnisse. Für den Weg von der Bruchstraße zum Gesundheitsamt würden sie sich von Dienstleistern aus dem Milieu fahren lassen. Demnach sei der Zugang zu den Beratungsangeboten nicht gegeben. Deshalb wären aus Sicht der Stadt zwei Bausteine wichtig: Ein spezialisiertes Beratungsangebot vor Ort wie die Beratungsstelle Phoenix in Hannover und ein strukturiertes, begleitetes Ausstiegsangebot. Sollte die ehrenamtliche Arbeit langfristig fortgeführt werden, würden auch diese professionelle Unterstützung bei jedweder Beratungsleistung für die Prostituierten benötigen. Eine Beratungsstelle mit einer hauptamtlichen sozialarbeiterischen Besetzung sei sinnvoll, da die Belange der Prostituierten die Kompetenzen und die Kräfte der Ehrenamtlichen vollkommen überfordern würden.

Sprache als Barriere


Zwar sprechen einige der Ehrenamtlichen Spanisch und würden damit den Bereich der Herkunft einiger Frauen beispielsweise aus Südamerika abdecken, allerdings fehle es an Sprachkenntnissen aus Osteuropa, um die Frauen entsprechend ihrer Fragen und Nöte richtig zu beraten. Dolmetscher seien inzwischen eine Mindestvoraussetzung. Unterstützung würden die Prostituierten für Anträge für Arbeitslosengeld, sowie für Fragenkomplexe rund um die Themen Kranken- Sozialversicherung sowie für einen potenziellen Ausstieg bekommen. Alle diese Themen sowie das große Thema der Steuer (Erklärung, Zahlung, bzw. Verschuldung) und das Thema Schulden an sich kommen den Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamtes immer wieder zu Ohren. Für die Unterstützung in Fragen der Sozialberatung (zum Beispiel Wohnungssuche und Unterstützungsleistungen), der Schuldenberatung und der Organisation einer gewerblichen Selbstständigkeit gibt es Unterstützungsbedarf.


zur Startseite