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Problematische Straßennamen: Ist eine Umbenennung erforderlich?

In einer Pressemitteilung hat die Partei kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass einige Straßen ihrer Ansicht nach nach "problematischen" Persönlichkeiten benannt wurden. Zudem wären zu wenige Straßen nach Frauen benannt.

von Julia Fricke


Sollte die Martin-Luther Straße umbenannt werden?
Sollte die Martin-Luther Straße umbenannt werden? Foto: Privat

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28.07.2020

Wolfenbüttel. In einer Pressemitteilung der Partei "Die Partei" Wolfenbüttel, befeuerte diese erneut die immer wieder aufflammende Diskussion über Straßen, die ihren Namen nach Menschen erhalten haben, deren Lebenswerk aus der heutigen Sicht fraglich erscheinen könnte. Die Partei kritisiert dabei diesen "Unsympathen, Rassisten, Kriegstreibern, Kolonialisten, Misongynisten, Antisemiten und anderer Menschenfeinde gedenken zu wollen." Auch in Wolfenbüttel gebe es noch Straßennamen, die nach solchen "prominenten Unsympathen" benannt worden sein. Auf Nachfrage von regionalHeute.de meldeten sich auch die Linke sowie die FDP-Fraktion der Stadt Wolfenbüttel zu Wort.


Zu diesen "bedenklichen" Namensgebern würden nach Aussage der Partei unter anderem Martin Luther als Antisemit, Ernst-Moritz Arndt als Nationalist und Antisemit sowie Hermann Löns als Rassist und Antisemit gehören. "Oft wird als Rechtfertigung ins Feld geführt, besagte Personen würden ja nicht für ihre menschenverachtenden Aussagen geehrt, sondern für andere Leistungen. Schließlich sei auch niemand ausschließlich zum Beispiel Rassist oder Antisemit. Folgte man dieser "Logik", könnte aber auch zum Beispiel der Neue Weg seinen während des Dritten Reiches erhaltenen Namen bis heute behalten haben, denn schließlich ließ der Namensgeber ja auch die Autobahnen bauen. Das Beispiel zeigt die Löchrigkeit dieser Argumentation. Eins scheint bei der Diskussion klar: Den meisten Menschen und vor allem den Entscheidungsträgern scheint es egal zu sein, was für bedenkliche Namen die Straßenschilder Wolfenbüttels verunstalten. Den meisten Menschen, aber nicht allen", heißt es weiter in der Pressemitteilung.

Zu wenig Frauennamen



Zudem kritisiert die Partei weiter, dass es in Wolfenbüttel über 200 Straßennamen geben würde, die nach Männern benannt wurden oder männliche Namen abbilden. "Und in dieser Zählung sind noch nicht mal diejenigen Straßen enthalten, die rein männliche Berufsbezeichnungen abbilden, dann wären es noch etliche Schilder mehr, die die Existenz von Frauen im öffentlichen Raum ausblenden", so B. Kiehne-Weinreich, Schatzmeisterin des Kreisverbandes Wolfenbüttel. Diesen etwa 200 Namen stünden knapp zehn weibliche Straßennamen gegenüber.

Die Partei fordert daher die Entscheidungsträger in den Gemeinden daher auf, diese Diskriminierung abzustellen und umgehend mehr Straßen nach Frauen zu benennen, oder die Zahl der Männernamen zu reduzieren.



"Die Umbenennung von Straßennamen in Wolfenbüttel lehne ich ab. Ende der Vierziger Jahre verfasste George Orwell „1984“, einen zukunftspessimistischen Roman, in dem der Protagonist Winston Smith in einem Überwachungsstaat damit beschäftigt ist, die Vergangenheit so umzuschreiben, dass sie der geänderten offiziellen Sichtweise seines Staates entspricht. Wir scheinen auf dem Weg in diesen Staat zu sein, wenn wir beginnen, Straßennamen zu ändern oder Denkmäler abzureißen", äußert sich Rudolf Ordon, Fraktionsvorsitzender der FDP gegenüber regionalHeute.de.

"Wann endlich begreifen wir, dass es wohl keine herausragenden Persönlichkeiten mit blütenweißer Weste gibt?"

- Rudolf Ordon



Mit ihrer Forderung beteilige sich die Partei an Diskussionen, in denen nicht nur die Umbenennungen von Straßennamen gefordert werde, sondern auch der Abriss von Denkmälern, heißt es weiter in einer Pressemitteilung der FDP. Nicht nur in den USA, unter anderem auch in England und Deutschland würden Statuen von verstorbenen Politikern abgerissen, in Häfen versenkt oder es werde ihr Abriss gefordert, wie zum Beispiel in Hamburg, wo das Bismarck-Denkmal während seiner Sanierung durch NATO-Draht gesichert werden müsse. "Wann endlich begreifen wir, dass es wohl keine herausragenden Persönlichkeiten mit blütenweißer Weste gibt, für die Denkmäler errichtet wurden oder nach denen Straßen benannt wurden? Dass sie alle trotz ihrer Verdienste Menschen mit Fehlern waren? Inzwischen wird schon diskutiert, inwieweit Immanuel Kant oder Karl Marx von ihren Sockeln geholt werden müssen, da es auch von ihnen Äußerungen gibt, die heutzutage als rassistisch eingestuft werden könnten. Die Welt unserer Vorfahren können wir nicht auslöschen, wir sollten versuchen, sie zu verstehen, wir sollten uns bemühen, sie im geschichtlichen Kontext zu erklären", so Ordon weiter und spitzt die Forderungen der Partei weiter zu: "In Berlin soll die Mohrenstraße umbenannt werden. Offensichtlich ist den Initiatoren unbekannt, dass "Mohr" eine Bezeichnung ist, die aus dem Lateinischen "maurus" in das Althochdeutsche als "Mohr" übernommen wurde und einen Menschen dunkler Hautfarbe bezeichnet (Mauren). Hiervon ist auch der Vorname Moritz abgeleitet. Müssen wir nun nicht nur der Mohrenstraße einen neuen Namen verpassen, sondern auch der Moritzburg, den Familiennamen "Mohr" und den Vornamen "Moritz" ändern? Müssen wir die diplomatischen Beziehungen zu einem Land abbrechen, dass sich Mauretanien nennt? Wie illiberal sind denn Teile dieser Gesellschaft inzwischen geworden? Erteilen wir diesen intoleranten, freiheitsfeindlichen Bestrebungen eine klare Absage."

Änderungen könnten zu Frust und Verärgerung führen



Dass es problematische Straßenbenennungen nach Personen gibt, denen man nach heutigen Maßstäben nicht mehr die Ehre zuteil kommen lassen würde, dies räumt André Owczarek von der Linken gegenüber regionalHeute.de ein. Jedoch müsse von Fall zu Fall abgewägt werden, ob nicht ein Hinweisschild auf die politisch schwierigen Seiten einer Person die sinnvollere Variante sei. "Bei dem Umfang, den die Forderungen der Partei vermuten lassen, wären viele hundert, wenn nicht tausende Wolfenbüttlerinnen und Wolfenbüttler davon betroffen, ihre Adresse neu zu kommunizieren an allerlei Stellen quer durch Deutschland. Wir denken nicht, dass die vorgeschlagene Maßnahme den gewünschten Effekt einer kritischen Neureflektion der genannten schwierigen historischen Persönlichkeiten mit sich bringen würde, sondern im Gegenteil zu viel unnötigem Frust und Verärgerung aufgrund des genannten Adressproblems führen würde", so Owczarek weiter.

Darüber hinaus sei der indirekte Vergleich der Partei zwischen Luther und Hitler unangemessen. Ein antijudaistisch geprägter Theologe aus dem Mittelalter sei immer noch etwas Anderes als ein biologistisch antisemitischer Diktator der Neuzeit, auch wenn Ersterer kritisch betrachtet werden sollte. Luthers Hauptlebenswerk sei die Übersetzung der Bibel, Hitlers der opferreichste Krieg aller Zeiten und die industrielle Vernichtung von Millionen Menschen.

Von Zeit zu Zeit könne man - nach einem Prozess der Kommunikation mit den betroffenen Anwohnern - einzelne Straßen schon umbenennen, aber man müsse abwägen, ob nicht gerade in der Corona-Krise für lohnabhängige und arbeitslose Menschen andere Dinge gerade wesentlich wichtiger seien, so Owczarek abschließend.


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