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Radweg Braunschweig-Wolfenbüttel: Anwohner fürchten um Natur und Naherholung

Der Linienführungsvorschlag für den Radschnellweg über den Alten Weg stößt auf Widerstand.

Der geplante Radweg zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel stößt nicht überall auf Begeisterung.
Der geplante Radweg zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel stößt nicht überall auf Begeisterung. Foto: Alexander Panknin

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07.09.2020

Wolfenbüttel. Der geplante Radweg zwischen Wolfenbüttel und Braunschweig passt nicht allen. Mit einer Unterschriftensammlung machten zwei Anwohnerinnen an der Straße am Schiefen Berg sowie in der näheren Umgebung auf die Planungen aufmerksam.


Sie sprechen sich in ihrem Schreiben, das sie gemeinsam mit den Unterschriften an die Verantwortlichen der Stadt übergeben möchten, nicht etwa gegen gute und ausgebaute Radwege aus, lehnen aber die Linienführungsvariante vorbei am westlichen Lechlumer Holz ausdrücklich ab. Sie fürchten um die Attraktivität dieses Teils des wichtigen Naherholungsgebiets in direkter Stadtnähe – und um die Flora und Fauna am Lechlumer Holz, berichten die Initiatoren in einer Mitteilung am Montag. Die Mitteilung veröffentlichen wir nachfolgend unkommentiert und ungekürzt.

"Voraussichtlich 2023 soll der Bau des Radschnellwegs zwischen Wolfenbüttel und Braunschweig (mit Abzweig nach Thiede) beginnen. 13 Millionen Euro des insgesamt 17 Millionen teuren Wegs hat der Bund bereits bewilligt, weitere 4,3 Millionen sollen sich Braunschweig, Salzgitter und Wolfenbüttel teilen. So war es Ende Juni in der Presse zu lesen. Noch befindet sich das Projekt in der Planungsphase. Gegen eine der drei Varianten der geplanten Linienführung – nämlich die vom Alten Weg aus westlich vorbei am Lechlumer Holz – regt sich jetzt aber Widerstand von Anwohnern und vielen anderen, die das Naherholungsgebiet zum Spazierengehen, Joggen, Walken, Reiten oder anderen Sport- oder Freizeitbeschäftigungen nutzen.

Das Aus für einen der beliebtesten Wege im Naherholungsgebiet in der Stadt?


„Momentan wird der Waldweg in der Verlängerung des Alten Weges von vielen Menschen genutzt, z.B. zum Spazierengehen, Radfahren, Joggen Reiten oder Gassi gehen“, so das Schreiben. „Auch Menschen aus Braunschweig und Umgebung nutzen dieses schöne Naherholungsgebiet.“ Geht es nach den Forderungen des ADFC, dann werden gemütliche Spaziergänge am Waldesrand des historischen Weges mit Blick auf Salzgitter, Braunschweig und bei guter Sicht den Brocken bald der Vergangenheit angehören. Denn Radschnellwege müssen bestimmte Anforderungen erfüllen und zum Beispiel in vier Metern Breite asphaltiert, entsprechend ausgekoffert und möglichst durchgehend beleuchtet sein. Wo und ob dann überhaupt noch Platz für einen Fußweg bleibt, ist bisher nicht bekannt. Selbst wenn dort noch Flächen für einen Fußweg eingeplant seien, dann müsse man sich fragen, ob der Erholungswert mit vorbeirauschenden E-Bikes noch gegeben sei, so die Anwohnerinnen. Und auch, inwieweit dafür viele alte Bäume entlang des Waldrandes gefällt werden müssten. Gerade der Weg am Waldrand und dann weiter bis zur Autobahn und zurück über den Feldweg unterhalb des Wohngebietes Schiefer Berg sei zudem ein sehr beliebter Rundweg, der von vielen Erholungssuchenden und Sportlern genutzt werde.

Versiegelte Flächen, zerschnittene Landschaften


Insbesondere aber die Zerstörung des natürlichen Lebensraumes vieler Tiere und Pflanzenarten durch den asphaltierten Radschnellweg sowie eine mögliche, vierundzwanzigstündige Dauerbeleuchtung direkt am Rand des Lechlumer Holzes macht den Initiatoren und Befürwortern der Unterschriftensammlung Sorgen. So komme es durch den Bau zur Versiegelung von Flächen und zur Zerschneidung der Landschaften. Die Lebensbedingungen vieler Arten seien bereits jetzt schwierig, Wanderungsbewegungen immer weniger möglich. Das aber sei wichtig, um den Bestand von Populationen zu sichern oder sogar das Aussterben bestimmter Arten zu verhindern. Mit dem Radweg schaffe man nun eine neue Schneise, die Lebensräume der dortigen Wildtiere zerstören würde. Das sei umso bedenklicher, da bereits die Straße am Sternhausberg eine solche Schneise darstelle. Ein vier Meter breiter Radschnellweg würde auch Bemühungen zur Biotopvernetzung, wie sie bei uns im Landkreis Wolfenbüttel mit viel Engagement und hoher finanzieller Förderung betrieben werden, konterkarieren, so die Meinung der Initiatoren. Sie verweisen darüber hinaus auf Punkt 64. der Verordnung über das Landschaftsschutzgebiet Lechlumer Holz und angrenzende Forste in den Landkreisen Braunschweig und Wolfenbüttel*. Danach müssen Kollateralschäden, die Natur und Umwelt schädigen, vermieden werden. Ein Radweg, der ja unter anderem die CO2-Emissionen reduzieren solle, dann aber unter anderem genau diejenigen gefährdet, die diese Reduzierung schützen soll, nämlich die Tier- und Pflanzenwelt, führe sich selbst ad absurdum.


Streckenführung über den Alten Weg mit vielen Fragezeichen


Viele Bürger im näheren Einzugsbereich des westlichen Lechlumer Holzes hätten sich während der Unterschriftensammlung überrascht gezeigt, dass bereits Gelder bewilligt sind und es nur noch um die Streckenführung geht, berichtet eine Tanja Stantien, eine der Initiatoren der Unterschriften-Aktion. Und waren zum Teil irritiert, dass angesichts der bereits vorhandenen Radwege am Neuen Weg über den Sternhausberg sowie des recht frisch asphaltierten Radwegs unterhalb des Wohngebietes Am Schiefen Berg ein weiterer Radweg nötig sein soll, anstatt die bereits vorhandene Infrastruktur zu nutzen oder auszubauen. Auch die vom ADFC vorgeschlagene Wegführung über den Alten Weg warf zahlreiche Fragen auf, insbesondere der Vorschlag, den Alten Weg komplett zur Fahrradstraße zu machen (Stichwort: Krankenhaus sowie Kindergarten), die Notwendigkeit einer Brücke über die A 36 (ein Radweg unterhalb der Autobahnbrücke existiert ja bereits) sowie die Frage, wie denn die weitere Streckenführung in Stöckheim-Leiferde/Stöckheim möglich sei angesichts von Straßenbahnen und Naturschutzgebieten im weiteren Verlauf.

Wer soll den Radschnellweg nutzen?


Mehr Informationen wünschten sich auch viele zur Frage, ob der Radschnellweg insbesondere von Berufspendlern genutzt werden soll und wie in dem Fall das voraussichtliche Nutzungsverhalten aussieht. Beziehungsweise ob der Bedarf – auch angesichts vorhandener Wege – überhaupt da ist und wie viele wechselwillige Autofahrer es denn – insbesondere in Herbst und Winter – gebe. Hier wurde von Anwohnern unter anderem auf eine repräsentative Studie aus 2019 verwiesen, wonach lediglich sieben Prozent der Befragten das Fahrrad beruflich nutzen**. Eine Potenzialanalyse dazu war den Anwohnern nicht bekannt. Auch Fragen zum Thema Sicherheit und Sicherheitsgefühl bei einem Radweg am Waldrand und über einsame Wiesen kamen zur Sprache.

Einstige Heerstraße und Weg am ehemaligen Hohen Gericht


Auch auf die besondere kulturhistorische Bedeutung des Waldrandweges als der alten Straße und früheren Heerstraße zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel wurde während der Unterschriften-Sammelaktion seitens der Anwohner hingewiesen. Dort befindet sich auch das ehemalige Hohe Gericht. Die Richtstätte wurde im 16. Jahrhundert angelegt. Ab 1981 wurde das Gelände behutsam wiederhergestellt und später ein Gedenkstein verlegt. Weg und Gedenkstätte würden durch einen Radschnellweg sicher keine entsprechende Würdigung erfahren, so der Hinweis.

Die Initiatoren der Unterschriftensammlung wünschen sich, dass die vielfältigen Bedenken der Anwohner und aller, die das westliche Lechlumer Holz zur Naherholung nutzen, bei der Festlegung der Linienführung berücksichtigt werden. Und natürlich, dass der besondere Zauber der dortigen Landschaft erhalten bleibt."


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