Salzgitter. Seit 75 Jahren besteht die Patenschaft der Stadt Salzgitter für die ehemaligen deutschen Bewohner/innen der heute polnischen Stadt Kattowitz (Katowice). Dieses besondere Jubiläum würdigte die Stadt Salzgitter mit einem Festakt im Fürstensaal des Städtischen Museums Schloss Salder.
Die Veranstaltung fand in Kooperation der Stadt Salzgitter mit dem Obmann für die Patenschaft Salzgitter - Kattowitz, Gunter Kostorz statt. Im Rahmen des Festaktes hielt Christoph Lücke vom Fachgebiet Denkmalschutz der Stadt Salzgitter einen Vortrag über die erste Unterbringung der Flüchtlinge in Flüchtlingslagern, über den Bau von Siedlungshäusern, die Kirchenneubauten für die meist katholischen Flüchtlinge bis zu den Vertriebenen, die sich bereits in den Baracken der Lager in Salzgitter mit einem Gewerbebetrieb selbstständig machten, von denen manche bis heute existieren. Lücke stellte aber auch die Gedenkstätten in Salzgitter vor, die an diese Zeit erinnern, wie das Lichtkreuz auf dem Bismarckturm in Salzgitter-Bad.
Zahlreiche Gäste beim Festakt
Unter den Gästen waren neben Oberbürgermeister Frank Klingebiel und Gunter Kostorz, Sarah Krieger, in Vertretung für den Niedersächsischen Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe, Dr. Mehrdad Payandeh; Stephan Rauhut, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien – Nieder- und Oberschlesien; Heiko Schmelzle, Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen, Landesverband Niedersachsen; Maksymilian Michalek, 1. Vorsitzender des Deutschen Alpenvereins, Sektion Kattowitz in Salzgitter und Jacek Malcher, Schriftführer dieser Sektion des Deutschen Alpenvereins. Aber auch viele Vertreterinnen anderer Landsmannschaften waren beim Festakt dabei, sowie eine Zeitzeugin: Elisabeth Dierig, geborene Leczybil, die 1941 in Kattowitz geboren wurde und 1946 nach Salzgitter kam, wo sie zunächst im Lager in Immendorf untergebracht war, bis sie in Gebhardshagen ein neues Zuhause fand. Sie erinnert sich, dass sie 1951 eines von drei Kattowitzer Kindern war, denen von der Stadt Salzgitter - dank des Patenschaftsvertrages zwischen Salzgitter und Kattowitz - das Schulgeld für den Schulbesuch bezahlte wurde. Sie lebt immer noch in Salzgitter.
Salzgitter Vorbild für Erinnerungskultur an Flucht und Vertreibung
Oberbürgermeister Frank Klingebiel erinnerte in seiner Rede daran, wie es den Vertriebenen aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern, Rumänien, Jugoslawien, Ungarn, der Sowjetunion und weiteren Gebieten in ihrer neuen Heimat in der Bundesrepublik erging.
"Vielerorts begegneten ihnen die ansässige Bevölkerung mit Skepsis, teils mit Abneigung. Das war auch in Salzgitter so." Wohnraum sei anfangs knapp gewesen, ebenso Nahrungsmittel, vor allem in den ersten Jahren. Aber trotz traumatischer Kriegserfahrungen, trotz der Ausgrenzung und widrigster Bedingungen hätten Millionen deutscher Vertriebener in den 50er- und 60er-Jahren ihr Schicksal in die eigene Hand genommen. „Sie haben im zerstörten Deutschland Aufbauarbeit geleistet und an dem deutschen Wirtschaftswunder sowie dem wirtschaftlichen Fundament, das unser Land bis heute trägt, mitgearbeitet." Heute habe sich das Bild der Patenschaft Salzgitter - Kattowitz gewandelt, betonte Klingebiel. "Es geht um das Erinnern an die Herkunft der Mütter und Väter, die unsere Stadt aufgebaut haben. Es geht um das Gedenken an deren Leid auf der Flucht und um das Bewahren der alten Traditionen, die sie aus Schlesien und insbesondere Kattowitz mitgebracht haben.“ Städtepartnerschaften und -patenschaften seien wichtig für die Demokratiebildung. Er zog als Fazit: „Geschichte und Kultur der ehemaligen Ostgebiete gehören zu unserer Kultur. Wir haben für Frieden und Freiheit in der Völkergemeinschaft einzustehen." Salzgitter sei seit seiner Gründung eine Stadt des Zuzugs, die sich immer dadurch ausgezeichnet habe, dass ihre Bewohnerinnen und Bewohner offen auf die zugegangen seien, die hier eine neue Heimat gefunden haben.
Salzgitter sei ein Vorbild für andere Kommunen, die das Thema Flucht und Vertreibung nicht mehr so in den Focus ihrer Geschichtserinnerung stellen würden, lobte Stephan Rauhut, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien.
Der Landesvorsitzende des Bundes der Vertriebenen Niedersachsen, Heiko Schmelzle, forderte die Erinnerung hochzuhalten, „damit das was zwischen Polen und Deutschland damals passiert ist, nie wieder passiert." Er ergänzte: "Wie schön in Freundschaft zu leben - wie schrecklich in Zwietracht."
Gunter Kostorz, Obmann für die Patenschaft Salzgitter-Kattowitz betonte, er wünsche sich, dass die Patenschaft mit Kattowitz in eine Städtepartnerschaft mit Salzgitter umgewandelt werde. Der Vorsitzende des Deutschen Alpenvereins, Sektion Kattowitz, Maksymilian Michalek habe bereits beim Präsidenten des Rates der Stadt Kattowitz nachgefragt. Leider habe Kattowitz schon eine Städtepartnerschaft mit Köln, weshalb sich dieses Vorhaben schwierig gestalten könnte.
Die Geschichte der Patenschaft
Die Patenschaft hat ihre Wurzeln in der Nachkriegszeit. Initiator der Patenschaft Salzgitter-Kattowitz war Helmut Kostorz, der Vater von Gunter Kostorz. Es war die damalige zweite Städte-Patenschaft im Bundesgebiet. Goslar hatte ein paar Tage vorher für die ehemals ostdeutsche Stadt Brieg, heute Brzeg (Polen) die Patenschaft übernommen.
Viele Vertriebene aus der oberschlesischen Stadt Kattowitz hatten nach dem Krieg eine neue Heimat in Salzgitter gefunden. 1945 stellten die Flüchtlinge einen Anteil von 45 Prozent der Bevölkerung. Am 15. August 1951 beschloss der Rat der Stadt Salzgitter einstimmig, die Patenschaft für die oberschlesische Stadt Kattowitz und deren Bürgerinnen und Bürger zu übernehmen. Die Übergabe der Urkunde fand am 22. September 1951 statt.

