Region. Schmerzmittel, Beruhigungsmittel und Angstlöser: Suchtberatungsstellen in der Region berichten von einer alarmierenden Entwicklung. Immer häufiger greifen Kinder und Jugendliche zu starken Medikamenten – manche bereits mit 13 Jahren.
Sie sind gerade einmal 13 Jahre alt – eigentlich noch Kinder. Viele von ihnen gehen in die siebte oder achte Klasse, schreiben Klassenarbeiten, treffen sich nachmittags mit Freunden auf dem Schulhof oder scrollen durch TikTok. Und doch greifen einige bereits zu Medikamenten wie Oxycodon, Tilidin oder Xanax. Wirkstoffe, die eigentlich für starke Schmerzen, Angststörungen oder schwere Schlafprobleme gedacht sind.
Missbrauch beginnt immer früher
Für manche Kinder und Jugendliche werden sie jedoch zu einem Mittel gegen Druck, Angst oder Überforderung. Für manche wird der Griff zur Tablette zu einem Weg, Stress zu verdrängen oder belastende Gefühle zu betäuben.
Suchtberatungsstellen in der Region beobachten diese Entwicklung seit Jahren mit wachsender Sorge. Die Zahl der Anfragen steigt, gleichzeitig scheint der Einstieg in den Medikamentenkonsum immer früher zu beginnen.
Anders als klassische Drogen stammen viele dieser Substanzen aus Arztpraxen und Hausapotheken. Sie werden ärztlich verschrieben, liegen im Medizinschrank der Familie oder gelangen über Freunde und Bekannte in Umlauf. Gerade diese Nähe zum Alltag macht sie besonders tückisch. Medikamente wirken vertraut – und erscheinen deshalb oft weniger gefährlich als illegale Drogen.

Florian Kregel, Leiter der Jugend- und Drogenberatung DROBS in Braunschweig, Foto: Paritätische Sozialarbeit Braunschweig
Florian Kregel, Leiter der Jugend- und Drogenberatung Drobs in Braunschweig, erlebt diese Entwicklung regelmäßig. „Wenn wir wirklich über einen missbräuchlichen Konsum sprechen, dann beginnt er mit 14 Jahren. Der Probierkonsum oder der erste Konsum findet durchaus auch schon früher statt. Durchschnittlich liegt der Einstieg in den Konsum aber bei 13 bis 14.“
Zahlen phasenweise verdoppelt
Ein Befund, der selbst erfahrene Suchtexperten alarmiert. Denn er bedeutet, dass manche Kinder mit hochwirksamen Medikamenten in Kontakt kommen, lange bevor sie volljährig sind. Auch die Zahl der Beratungsfälle hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. „In Braunschweig erleben wir seit Jahren einen Anstieg beim Konsum verschreibungspflichtiger Schmerz- und Beruhigungsmittel. Dieser Anstieg war zuletzt sehr deutlich, sodass sich die Klientenzahlen phasenweise verdoppelt haben.“
Oxycodon, Tilidin und Benzodiazepine
Nach Beobachtung der Suchtberatungsstellen tauchen bestimmte Wirkstoffe besonders häufig auf. Dabei handelt es sich vor allem um Medikamente mit stark sedierender oder schmerzlindernder Wirkung. „Besondere Bedeutung haben dabei synthetische Opioide wie Oxycodon und Tilidin, aber auch Benzodiazepine wie Diazepam und Alprazolam. Hinzu kommen weitere Medikamente wie Pregabalin“, erklärt Kregel weiter.
Diese Wirkstoffe greifen direkt in das zentrale Nervensystem ein. Sie können Schmerzen lindern, Angst reduzieren oder eine beruhigende Wirkung entfalten. Genau diese Effekte machen sie für manche Konsumenten attraktiv – gleichzeitig bergen sie ein erhebliches Risiko für Abhängigkeit, insbesondere wenn sie ohne ärztliche Kontrolle eingenommen werden. Auch in anderen Regionen Deutschlands berichten Suchtberatungsstellen von ähnlichen Entwicklungen. Der missbräuchliche Konsum verschreibungspflichtiger Medikamente bei Jugendlichen rückt seit einigen Jahren zunehmend in den Fokus.
Psychische Belastungen und Social Media
Warum Kinder und Jugendliche zu solchen Medikamenten greifen, hat meist mehrere Ursachen. In vielen Fällen spielen Leistungsdruck in der Schule, Konflikte im sozialen Umfeld oder psychische Belastungen eine Rolle. „Die enthemmende, spannungslösende und angstlösende Wirkung der Substanzen löst bei vielen Konsumenten eine Euphorie und ein Wohlbefinden aus. Durch dieses Gefühl versuchen sie, ihren Alltagsbelastungen zu entfliehen“, so Drobs-Suchtexperte Florian Kregel.
Suchtexperten aus Beratungsstellen berichten zudem von zunehmenden psychischen Belastungen bei jungen Menschen. Leistungsdruck, Zukunftsängste oder psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen können dazu führen, dass Jugendliche nach schnellen Auswegen suchen. Für manche wird der Griff zur Tablette zu einer Form der Selbstmedikation.
Tabletten als Trend?
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: In sozialen Netzwerken tauchen immer wieder Videos auf, in denen der Konsum bestimmter Medikamente verharmlost oder als Teil einer popkulturellen Inszenierung dargestellt wird. Besonders auf Plattformen wie TikTok werden Tabletten teilweise als Teil eines Trends inszeniert – manchmal sogar in Kombination mit Alkohol. Suchtexperten warnen davor, dass solche Inhalte bei Jugendlichen den Eindruck verstärken könnten, der Konsum sei harmlos.
Frage der Verfügbarkeit
Eine zentrale Frage bleibt dabei: Wie gelangen 13- oder 14-Jährige überhaupt an Medikamente, die eigentlich nur auf Rezept erhältlich sind? Suchthilfeeinrichtungen berichten, dass die Tabletten häufig aus dem familiären Umfeld stammen. Medikamente liegen in Hausapotheken, werden ursprünglich wegen Schmerzen oder Schlafproblemen verschrieben und gelangen später in falsche Hände. Teilweise werden sie auch über ältere Freunde oder Bekannte weitergegeben.
Zudem berichten Suchtberatungsstellen immer wieder von Angeboten über soziale Netzwerke oder das Internet. Gerade für Jugendliche können solche Zugangswege niedrigschwellig erscheinen – obwohl es sich um hochwirksame Medikamente handelt.
Auch in Wolfenbüttel beobachten Beratungsstellen eine steigende Nachfrage nach Beratung. Fabienne Lohmann, Präventionsfachkraft und Sozialarbeiterin in der Fachambulanz Sucht des Lukas-Werks, berichtet: „Seit etwa zwei bis drei Jahren gibt es vermehrt Beratungsanfragen von Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Angehörigen zum Thema missbräuchliche Nutzung verschreibungspflichtiger Medikamente.“ Auch im Schulalltag werde das Thema sichtbarer. „Auch in Präventionsveranstaltungen in höheren Klassenstufen zeigen sich zunehmend Fragen der Schülerinnen und Schüler zu Medikamenten, insbesondere zu Schmerz- und Beruhigungsmitteln.“
Mischkonsum erhöht die Risiken
Unter den Betroffenen spielt derzeit vor allem ein Wirkstoff eine große Rolle. „Unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die wegen Medikamentenmissbrauchs eine Suchtberatung aufsuchen, spielt Oxycodon derzeit die größte Rolle. Häufig handelt es sich jedoch nicht um den Konsum eines einzelnen Suchtmittels, sondern um Mischkonsum“, so Lohmann weiter.
Besonders problematisch wird die Situation, wenn mehrere Medikamente gleichzeitig konsumiert werden. „Hierbei stellt insbesondere der gefährliche Mischkonsum ein großes Problem dar. Es ist immer seltener, dass Betroffene nur eine Substanz konsumieren, sondern es findet immer häufiger der riskante Konsum unterschiedlicher Substanzen statt“, sagt Florian Kregel.
Der Grund liegt in den Wechselwirkungen der Wirkstoffe. Werden etwa Opioide mit Beruhigungsmitteln kombiniert, kann dies die Atmung stark dämpfen oder das zentrale Nervensystem massiv beeinflussen. Kregel: „Die Wechselwirkungen sind dabei sehr gefährlich, und somit steigt auch die Mortalitätsrate.“
Kaum in der Polizeistatistik
Während Suchtberatungsstellen von steigenden Fallzahlen berichten, spiegelt sich diese Entwicklung in der Polizeistatistik kaum wider. „Der reine Konsum verschreibungspflichtiger Medikamente wie Tilidin, Oxycodon oder Benzodiazepine ist grundsätzlich nicht strafbar und wird daher polizeilich nicht systematisch erfasst“, erklärt Josephine Diederichs, Pressesprecherin des Landeskriminalamtes (LKA) Niedersachsen in Hannover, auf Anfrage.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik dokumentiert vor allem Straftaten wie unerlaubten Handel, Besitz oder Rezeptfälschungen im Zusammenhang mit Arzneimitteln. Für ganz Niedersachsen liegen die aufgeklärten Fälle mit jugendlichen oder heranwachsenden Tatverdächtigen im Zusammenhang mit Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz im mittleren zweistelligen Bereich. Aus diesen Zahlen lassen sich laut LKA auf regionaler Ebene kaum belastbare Trends ableiten
Prävention soll früher ansetzen
Für Betroffene und ihre Familien gibt es in der Region verschiedene Beratungsangebote, etwa bei der Jugend- und Drogenberatung Drobs in Braunschweig oder beim Lukas-Werk in Wolfenbüttel. Viele dieser Angebote sind anonym und kostenfrei zugänglich.
Suchtexperten betonen jedoch, dass Prävention eine zentrale Rolle spielt. Besonders Schulen könnten dabei eine wichtige Rolle übernehmen. „Wünschenswert wäre an dieser Stelle jedoch, wenn sich die Schulen stärker mit dem Thema mentale Gesundheit der Schülerinnen und Schüler beschäftigen würden“, sagt Kregel. Denn hinter dem Medikamentenmissbrauch steckt häufig mehr als nur Neugier. Viele junge Menschen versuchen damit, Stress, Angst oder Überforderung zu betäuben.
Dass dieser Weg für manche bereits mit 13 Jahren beginnt, ist für Suchtexperten ein alarmierendes Signal – und ein Hinweis darauf, wie früh manche Kinder mit Problemen konfrontiert sind, die eigentlich kein Kind tragen sollte.

