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Gastschüler in Quarantäne: So erlebt ein Italiener die Corona-Krise in Wolfenbüttel



Wolfenbüttel

Gastschüler in Quarantäne: So erlebt ein Italiener die Corona-Krise in Wolfenbüttel

Der 17-jährige Mattia Camattari aus Italien macht seit sieben Monaten ein Auslandsschuljahr in Deutschland. Nun kann er nicht zur Schule gehen und befindet sich auch noch in Quarantäne.

von Annabell Pommerehne


Der italienische Austauschschüler Mattia Camattari.
Der italienische Austauschschüler Mattia Camattari. Foto: Werner Heise

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Wolfenbüttel. Der 17-jährige Mattia Camattari aus Italien macht derzeit ein Auslandsschuljahr an der IGS Wallstraße in Wolfenbüttel. Eigentlich besucht er dort die elfte Klasse - in Zeiten der Corona-Krise fällt der Unterricht für ihn allerdings aus. Und damit noch nicht genug: Mattia gehört zu den über 1.300 Schülern, die noch bis diesen Mittwoch in Quarantäne bleiben müssen, weil einer ihrer Lehrer Kontakt mit einer infizierten Person hatte. Wie der 17-Jährige mit der Quarantäne und der Distanz zu seiner Familie im stark betroffenen Italien umgeht, haben wir ihn in einem Interview gefragt.



Seit sieben Monaten lebt Mattia Camattari nun schon in einer Gastfamilie in Wolfenbüttel. Dort befindet er sich auch jetzt, denn er darf sein Zuhause in Deutschland bis Mittwoch nicht verlassen: Quarantäne. Obwohl er wenigstens mit seiner deutschen Familie zusammen sein kann, muss er doch um seine leibliche Familie und auch seine Freunde in Italien bangen.

Angst um die Familie



Mattia kommt aus Ferrara, einer Stadt mit rund 130.000 Einwohnern im Norden Italiens zwischen Venedig und Bologna. Er weiß zu berichten, dass es in Ferrara bereits über 100 bestätigte Corona-Fälle gibt. Ein dpa-Foto, das viele deutsche Tageszeitungen veröffentlichten, zeigt Menschen in Schutzanzügen, die einen Sarg auf den Friedhof von Ferrara transportieren. Das Virus beginnt, sich dort auszubreiten. Die Provinz zählt zum Risikogebiet.

Der Austauschschüler hat Angst um seine Familie. Noch ist niemand infiziert, aber die steigende Zahl der Infektionen in Italien ist beunruhigend. Freunde und Familie befinden sich bereits unter einer Ausgangssperre. Sie dürfen ihr Zuhause nur verlassen, um Lebensmittel oder Medizin einzukaufen. Alle "nicht lebenswichtigen" Betriebe wurden geschlossen.

Ein Hoch auf das Internet



"Alle meine Freunde in Italien sind jetzt zu Hause", sagt Mattia. Die italienische Polizei kontrolliert die Ausgangssperre. Wer gegen sie verstößt, muss zahlen. Der 17-Jährige hat regelmäßig Kontakt zu seinen Freunden über Skype oder WhatsApp. Viel mehr bleibt weder ihm noch seinen Freunden übrig. "Wir haben Glück, dass wir Internet haben", lacht der Jugendliche. Er kann glücklicherweise auch mal in den Garten gehen oder mit seiner Gastfamilie spielen, aber ist auch froh, dass es Netflix gibt.

Keine Schule - kein Grund zum Feiern


Im Gegensatz zu Italien gibt es den Online-Unterricht für Schüler in Deutschland noch nicht. Mattia hat ein wenig Bedenken, dass er in der Schule viel verpassen könnte und hofft, dass sich die Situation in einem Monat wieder beruhigt. Er sagt, es wäre ja auch sehr schade, wenn er von seinen insgesamt elf Monaten in Deutschland drei Monate zu Hause bleiben müsste. Im Juli, wenn das deutsche Schuljahr zu Ende ist, geht es für ihn zurück nach Italien.

"Stark sein und warten"


Momentan hält der Italiener es nicht für sinnvoll, in sein Land zurückzugehen. Er könnte, wenn er wollte, aber seine Familie hat ihn bekräftigt, in Deutschland zu bleiben. Sie alle stimmen überein, dass die Situation hier besser ist als in Italien und man keine unnötigen Risiken eingehen muss. Mattia, der schon gut Deutsch und nebenbei auch noch Chinesisch sprechen kann, seufzt: "Ich muss stark sein und warten." Warten entweder darauf, dass sich das Virus zurückzieht oder eine "Heilung" entwickelt wurde. Er erzählt auch von zwei Freunden, die sich gerade in einem Schüleraustausch mit Australien und Dänemark befunden haben. Sie beide mussten ihr Auslandsjahr abbrechen und nach Italien zurückkehren.

Der gefährliche Italiener?


Auf die Frage, ob sich die Leute ihm gegenüber merkwürdig verhalten, weil er aus dem stark vom Coronavirus betroffenen Italien kommt, erzählt er, dass einige seiner Mitschüler in der Schule eine Mauer um seinen Platz gebaut haben. "Das war aber nur Spaß", betont er. Weiter: "Vielleicht haben die Leute Angst vor mir, wenn ich nach Mittwoch rausgehe und sage, ich bin Italiener." Aufgrund der aktuellen Situation sprachen wir mit Mattia nur am Telefon, aber sein Lächeln bei diesen Worten konnte man fast hören.

Internationale Klopapier-Krise?


Der Austauschschüler wirkt sehr offen und beschreibt sich meistens auch so. Über die Deutschen sagt er: "Sie sind sehr freundlich, aber sie brauchen Zeit. Sie sind nicht so offen wie Italiener." Hamster-Einkäufe haben Italiener und Deutsche aber wohl gemeinsam. "Vor der Ausgangssperre gab es auch Hamster-Einkäufe in Italien. Pasta und Essen, aber kein Toilettenpapier", lacht Mattia und sagt, dass es in Italien überall Bidets zur Reinigung gibt.

Auch über ein Video über den Nachbarschaftsvergleich von Italien und Deutschland können wir gemeinsam lachen: Während Italien seine berühmten Balkonparties mit Live-DJ feiert, droht man einem Deutschen, der auf seinem Balkon Nenas 99 Luftballons anstimmt, mit einer Anzeige. Wir sind froh, dass der 17-jährige Schüler auch in Quarantäne seinen Humor noch nicht verloren hat und hoffen mit ihm, dass seine Freunde und seine Familie gesund bleiben.


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