Stele in Göttingen erinnert an NS-Opfer der Wolfenbütteler JVA

Mindestens 217 Leichen von im Strafgefängnis Wolfenbüttel Hingerichteten und Verstorbenen seien in der Zeit des Nationalsozialismus zu Lehr- und Forschungszwecken an das Anatomische Institut der Universität Göttingen abgegeben worden.

Martina Staats, Prof. Dr. med. Wolfgang Brück, Prof. Dr. med. Christoph Viebahn, Stadträtin Petra Broistedt.
Martina Staats, Prof. Dr. med. Wolfgang Brück, Prof. Dr. med. Christoph Viebahn, Stadträtin Petra Broistedt. Foto: Tomke Blotevogel / Gedenkstätte Wolfenbüttel

Wolfenbüttel/Göttingen. Im Rahmen des Projekts „outSITE Wolfenbüttel“ der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel wurde nun in Göttingen eine Stele errichtet. Sie soll der Erinnerung der Opfer der NS-Justiz in Göttingen dienen, wie Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel nun mitteilte.


Mindestens 217 Leichen von im Strafgefängnis Wolfenbüttel Hingerichteten und Verstorbenen seien in der Zeit des Nationalsozialismus zu Lehr- und Forschungszwecken an das Anatomische Institut der Universität Göttingen abgegeben worden, berichtet die Gedenkstätte. Die Abgabe der Leichen sei oftmals ohne die Zustimmung der Betroffenen und ihrer Angehörigen erfolgt. Heute, 76 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde mit der feierlichen Einweihung einer Stele gegenüber des ehemaligen Standortes des Anatomischen Instituts Göttingen ein Informations- und Gedenkort geschaffen.

„Die Stele ist für mich wichtig. Es ist ja so, dass man außer der Tafel in der Gedenkstätte Wolfenbüttel, wo der Name darauf steht, überhaupt nichts hat. Es ist ja nix. Wenn ich jetzt sozusagen davon ausgehe, wie letztens bekannt wurde, dass von 217 Hingerichteten, die nach Göttingen gegangen sind, am Ende der Verbleib unbekannt ist, dann muss es wenigstens eine Stelle geben, um zu sagen, hier an dieser Stelle ist das Gedenken möglich.“

- Auszug aus dem lebensgeschichtlichen Interview mit Hilmar Zänkert, dem Enkel von Friedrich Zänkert (1905-1941), aus dem Jahr 2018.


Friedrich Zänkert wurde am 28. Januar 1941 durch das Sondergericht Magdeburg zum Tode verurteilt und am 4. April 1941 im Strafgefängnis Wolfenbüttel hingerichtet. Sein Leichnam wurde ohne Kenntnis oder Einwilligung der Familienangehörigen an die Anatomie Göttingen abgegeben. Das Strafgefängnis Wolfenbüttel war in der Zeit des Nationalsozialismus die zentrale Haftanstalt des ehemaligen Freistaates Braunschweig. Das Gefängnis verfügte über ein großes Netzwerk von Außenorten, Arbeitskommandos sowie weiteren Haft- und Hinrichtungsstätten, die über das ganze Land Braunschweig verteilt waren, vom Harz bis in die südliche Heide. Das Strafgefängnis war also keine abgeschlossene Haft- und Hinrichtungsstätte, sondern in der Gesellschaft fest verankert.


Ziel des Forschungsprojektes „outSITE Wolfenbüttel“ (Laufzeit: 2018-2021) an der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel ist die Erforschung, Dokumentation und Sichtbarmachung dieser Außenorte. Mit einer interaktiven Medienwand im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte, einer Buchpublikation sowie durch die Aufstellung von acht Gedenk- und Informationsstelen wird das Netzwerk historischer (Tat-)Orte sichtbar.
Die Stelen an den historischen Orten leisten einen wichtigen Beitrag zur historisch-politischen Bildung, um das Wissen über Ursachen und Folgen der nationalsozialistischen Verbrechen, sowie zur Reflexion über diese anzuregen.

Ein Ort der Trauer und Erinnerung


„Es ist nicht nur ein Projektergebnis, welches wir heute hier enthüllen. Für die Familienangehörigen schafft die Stele - endlich - einen konkreten Ort für ihre Trauer, ihr Gedenken. Für unsere Gesellschaft kann die Stele ein Ort der Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen sein“, ist Martina Staats, Leiterin der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel, überzeugt.

Das Projekt wurde von der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel in Trägerschaft der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten konzipiert und realisiert. Die Gestaltung der Stele erfolgte durch das Leipziger Büro KOCMOC. Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, Die Braunschweigische Stiftung und die Stiftung Zukunftsfonds Asse förderten das Projekt mit insgesamt 165.000 Euro.

Vor Ort unterstützte das Institut für Anatomie und Embryologie der Universitätsmedizin Göttingen, hier insbesondere Herr Prof. Dr. med. Christoph Viebahn, der Dekan der Medizinischen Fakultät und Sprecher des Vorstands der Universitätsmedizin Göttingen Prof. Dr. med. Wolfgang Brück sowie der Leiter des Fachbereichs Kultur der Stadt Göttingen Hilmar Beck.


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