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Umgestaltung des Domplatzes: Gesichtspunkte zur Bewertung



Goslar

Umgestaltung des Domplatzes: Gesichtspunkte zur Bewertung

Helmut Liersch und Günter Piegsa haben Gesichtspunkte entwickelt, die dabei helfen sollen, die Entwürfe für die Umgestaltung des Domplatzes zu bewerten.

Temporäre Rekonstruktion von Stiftskirche und Kreuzgang zum Welterbetag 2007.
Temporäre Rekonstruktion von Stiftskirche und Kreuzgang zum Welterbetag 2007. Foto: Thomas Moritz

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Goslar. Die zehn Wettbewerbsbeiträge zur Umgestaltung des Domplatzes in Goslar (ehemaliger Standort der Stiftskirche Heinrich III) werden am Donnerstag, den 16. Januar ab 19 Uhr im Museum der Stadt Goslar in Anwesenheit des Preisgerichts-Vorsitzenden und des Preisträgers von der Stadt Goslar vorgestellt. Sie seien dann bis zum 15. März im Museum zu begutachten. Zur Beurteilung der Beiträge haben Helmut Liersch, Propst im Ruhestand und Vertreter der AG "resurrectio II", und Günter Piegsa, Vorsitzender des Geschichtsvereins Goslar e.V., Gesichtspunkte zusammengestellt und diese in einer Presseinformation übermittelt.



Historie des Domplatzes



Der Pfalzbezirk sei ausschlaggebender Impuls für die Entstehung der Stadt Goslar gewesen. Gegenüber der Pfalz habe Kaiser Heinrich III 1047 bis 1051 das kaiserliche Domstift errichtet. Die Stiftskirche sei der Jungfrau Maria, dem Heiligen Simon und Judas und später auch dem Heiligen Mathias, einem der Schutzpatrone der Stadt Goslar, geweiht gewesen. Dieser „Goslarer Dom“ habe als erster die Form eines neuen Bauideals aufgewiesen und mit den Domen der Bischofsstädte Hildesheim und Halberstadt gewetteifert . 1819 habe die Stadt Goslar aus Mangel an Unterhaltungsmitteln den nicht mehr genutzten Dom zum Abbruch versteigert. Auch die benachbarte Kirche St. Thomas, eine der Goslarer Pfarrkirchen, sei beseitigt worden. Der Abbruch sei von Kunstexperten schon damals als Verlust wahrgenommen worden und habe sich dem Gedächtnis der Stadt als Fehler eingeprägt. Nach Nutzung des Geländes als Exerzierplatz sei es zum Parkplatz geworden – und ist es bis heute.


Domplatz in unwürdigem Zustand



Die Beseitigung dieses unwürdigen Zustandes sei seit Jahren überfällig und nun möglich. Unter dem Titel „Stiftsgarten im Kaiserpfalzquartier Goslar“ habe die Stadt einen Wettbewerb ausgeschrieben. Der von der Jury ausgewählte Entwurf von „nsp christoph schonhoff landschaftsarchitekten stadtplaner“ verfehle in grundsätzlichen Punkten den Anspruch, die Geschichte beziehungsweise die mittelalterlichen Strukturen zu vermitteln: Eine als „Lupe“ bezeichnete Betonstufe ziehe einen Kreis über das Gelände. Innerhalb dieses Kreises sollen Messergebnisse der Georadar-Untersuchungen aus 2,5 Metern Tiefe als Bodenbelag nachgebildet werden. Ein dreißig Meter hoher Bronzepfahl soll die Höhe des Doms andeuten. Die ausführliche Kritik der Arbeitsgruppe „resurrectio II“, der Anliegervertreter, des Behindertenbeauftragten des Landkreises Goslar, des Geschichtsvereins Goslar e.V., der katholischen Kirche Nordharz, der Kulturinitiative Goslar e.V. und der Stadtführergilde sei unter www.gv-goslar.de nachzulesen.


Kritik am von der Jury gewählten Entwurf



Die zehn Wettbewerbsbeiträge werden vom 16. Januar bis 15. März im Goslarer Museum ausgestellt. Hier bestehe für die Bürger der Stadt Goslar nach der Entscheidung des Preisgerichtes die Möglichkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden. Für die Beurteilung der Beiträge, insbesondere des ersten Preises, bieten sich laut Helmut Liesch und Günter Piegsa folgende Gesichtspunkte an:

1. Wird der Wunsch, die Kirche wieder erlebbar zu machen, erfüllt?

2. Vermittelt der Entwurf dem zukünftigen Besucher eine Ahnung von der Ausdehnung und Gestalt des Domes? Wird deutlich, dass es sich um eine Kirche handelte?

3. Gibt der Entwurf dem Ort einen Teil seiner Würde zurück und trägt er so dem ursprünglichen Stiftungsgedanken Rechnung, über den Bau an dessen Stifter Kaiser Hinrich III zu erinnern?

4. Ist es angemessen, mit einem Wettbewerbsbeitrag wie dem erstplatzierten die Zerstörung des Domes, den Abbruch bis auf die Fundamente und deren zusätzliche Schädigung durch Planierung und Leitungsbau zu visualisieren? Wird damit nicht der unwürdige Umgang mit diesem herausragenden mittelalterlichen Bauwerk dauerhaft vor Ort dokumentiert statt seine baukünstlerischen Besonderheiten sichtbar anzudeuten?

5. Erfüllt die Darstellung der in 2,50 Metern Tiefe ermittelten Fundamente auf Bodenniveau tatsächlich die in der Ausschreibung geforderte Thematisierung des Grundrisses?

6. Wie wird vom Preisträger die Kreisform begründet?Sie erscheint willkürlich, zumal sie substantielle Teile des Bauwerkes wie das Westwerk ignoriert.

7. Sind die Gestaltungsansprüche der Wettbewerbsbeiträge nach deren Verwirklichung auch aus Augenhöhe erkennbar oder wirken sie mit ihrer Plangrafik nur bei Draufsicht auf Papier? Die zweidimensionale „bruchstückhafte Nachzeichnung“ der Fundamente im Entwurf des Preisträgers wird, zumal eingebettet in eine Wiese, kaum erkennbar sein.

8. Warum sollte der erstplatzierte Beitrag mit Kreisform, Georadar-Ausschnitt und Bronzestange „zeitgemäßer und nachhaltiger“ sein als die überwiegende Anzahl der Wettbewerbsbeiträge, die den Grundriss der Kirche darstellen?

9. Werden mit der Äußerung der Stadtsprecherin(GZ20.12.2019),es solle mit der Umgestaltung „weder zu einer die Nostalgie befriedigenden 'heilen Welt' noch zu einem geschichtlichen Disneyland führen“, die Entwürfe anderer Wettbewerbsteilnehmer nicht diskreditiert?

10. Trifft diese Kritik auch auf die prämierten Arbeiten (z.B. den 3. Preis) zu, die tatsächlich auf den Grundriss eingehen und ihn in modernen Formen darstellen?

11. Ist der erhebliche Eingriff in den Untergrund des Westwerkes für die Fundamentierung der im ersten Preis vorgesehenen 30 Meter hohen Stange archäologisch vertretbar?

12. Ist der Bau von mehreren 100 Metern Betonstufen für den Kreisring und offensichtlich auch für die Betonung der Höhenlinien eine sinnvolle finanzielle Ausgabe? Wie werden diese Stufen in zehn Jahren aussehen? Wie steht es um Pflege und Langlebigkeit? Hier bietet sich ein Blick auf die Stufenanlage von St. Michaelis in Hildesheim, 2011 ausgeführt von den Trägern des ersten Preises, vor Ort an.

13. Überzeugt die optische und fußläufige Anbindung des Domplatzes an den Hohen Weg und den Kulturmarktplatz?

Die Investitionen in das Projekt sollen sich auf die Sichtbarmachung der tatsächlichen historischen Substanz konzentrieren und nicht auf kostspielige bauliche „Zutaten“ wie Kreis und Stange. Es stelle sich die grundsätzliche Frage, ob angesichts archäologischer Ausgrabungen in Südniedersachsen das als alternativlos dargestellte Verbot von Grabungen in ausgewählten Bereichen wie der ehemaligen Krypta richtig sei.

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