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Wege der Erinnerung(en) - Auf den Spuren der Wolfenbütteler Juden



Wolfenbüttel

Wege der Erinnerung(en) - Auf den Spuren der Wolfenbütteler Juden


In einem leerstehenden Geschäft auf der Langen Herzogstraße 28 werden in dieser Woche die Ergebnisse des Projektes „Wege der Erinnerung(en) präsentiert.“ Foto: Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel
In einem leerstehenden Geschäft auf der Langen Herzogstraße 28 werden in dieser Woche die Ergebnisse des Projektes „Wege der Erinnerung(en) präsentiert.“ Foto: Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

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Wolfenbüttel. Die Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel hat zum Jahrestag der Reichspogromnacht 1938 ein Projekt mit Schülerinnen und Schülern unter dem Motto "Wege der Erinnerung(en) – auf den Spuren der Wolfenbütteler Juden" veranstaltet. Darüber berichtet die Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel in einer Pressemeldung.



Auch in Wolfenbüttel fanden die Ereignisse der Reichspogromnacht 1938 vor aller Augen statt, mitten in der kleinstädtischen Gesellschaft. Heute wird daran jedoch meist nur in Form von Gedenkveranstaltungen am Gedenkstein vor der Herzog August Bibliothek erinnert. Um die Erinnerung wieder dorthin zurückzubringen, wo die Taten stattgefunden haben, in die Einkaufsstraßen der Stadt, wurde im Rahmen der Gedenkwoche der Stadt Wolfenbüttel ein Projekt mit Schülerinnen und Schülern entwickelt, dass vollkommen neue Wege geht.

Unter der Leitung von Conny Schmidthals und Robert Heldt von der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel waren daran zwei Geschichtskurse des 12. Jahrgangs der IGS Wallstraße in Wolfenbüttel beteiligt. Als Kooperationspartner konnten das Niedersächsische Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel, das Bürgermuseum Wolfenbüttel und die Stadt Wolfenbüttel gewonnen werden. Das Projekt wird auch auf der Gedenkveranstaltung der Stadt Wolfenbüttel am 9. November in Anwesenheit des ehemaligen Bundesaußenministers Sigmar Gabriel vorgestellt.


Fotoinstallation im öffentlichen Raum


Zentrales Ergebnis des Projektes war eine Fotoinstallation im öffentlichen Raum, die nicht nur an die Ereignisse der Novemberpogrome 1938, sondern auch an die Ausgrenzung und Verfolgung von Juden in der NS-Zeit im Allgemeinen erinnert. In einem leerstehenden Geschäft der städtischen Fußgängerzone in der Langen Herzogstraße 28 wurden Fotos auf eine Leinwand in einem Schaufenster projiziert. Die Art der Installation diente dabei nicht nur dazu, ein breites Publikum zu erreichen. Mit der Schaufensterscheibe sollte auch ein Gegenstand aufgegriffen werden, der in der Erinnerung der Zeitzeugen eine zentrale Rolle spielt und für viele zum Symbol dieser „Kristallnacht“ geworden ist. Obwohl die Schaufensterscheibe nicht zerstört ist, macht die Installation Geschichte sichtbar und trägt zur Reflexion über Erinnerung bei.

Die Schüler der IGS Wallstraße hatten sich im Vorfeld mit der Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Wolfenbüttel beschäftigt. Sie recherchierten Lebenswege der betroffenen Menschen, dokumentierten diese und setzten sich dabei mit der Praxis der Entrechtung und Verfolgung während des Nationalsozialismus im Allgemeinen und ganz konkret mit der Lebenswirklichkeit der jüdischen Bevölkerung in der Region auseinander. Auch die Umsetzung der NS-Maßnahmen durch lokale Akteure und damit der Handlungsspielraum vor Ort spielten eine wichtige Rolle.



Präsentation auch in "zeitgemäßer" Form


Neben Projekttagebüchern erfolgte die Dokumentation der Recherche- beziehungsweise Projektergebnisse in zeitgemäßer und damit schüleraktivierender Form über die Internetplattform Instagram: die Schüler veröffentlichten Fotobeiträge in dem Projekt-Account und kommentierten ihre „Posts“. Dabei wurde die Kommentarfunktion nicht nur dazu genutzt, knappe Hintergrundinformationen zur Verfügung zu stellen, sondern mitunter auch, um den eigenen Emotionen während der Recherche Ausdruck zu verleihen.

Recherchen erfolgten im Bürgermuseum in Wolfenbüttel, in dem die Biographien von zwei Wolfenbütteler Juden aufbereitet sind, die die NS-Verfolgung überlebten und nach dem Krieg nach Wolfenbüttel zurückkehrten, sowie im Niedersächsischen Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel. Dort wurden den Schülern verschiedene Akten zur NS-Zeit beziehungsweise Judenverfolgung in Wolfenbüttel zugänglich gemacht, nicht zuletzt die Nachlässe der oben genannten Überlebenden. In der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel konnten die Schüler anhand der Ein- beziehungsweise Ausgangsbücher der Haftanstalt in Wolfenbüttel nachvollziehen, dass die verhafteten jüdischen Männer eine Nacht im Strafgefängnis Wolfenbüttel zubringen mussten, bevor sie in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht wurden.

Fahrt nach Buchenwald


In der Gedenkstätte hatte die Gruppe zudem die Möglichkeit, zwei Interviewsequenzen der Shoah Foundation auszuwerten. Bei den Interviews handelt es sich um die Aussagen von zwei Überlebenden einer ortsansässigen jüdischen Familie, die nicht nur eine Nacht im Gefängnis, sondern auch mehrere Monate im KZ in Buchenwald zubringen mussten. Auf den Spuren dieser Wolfenbütteler Juden wurde als Projektabschluss eine Fahrt nach Buchenwald organisiert. Der Schwerpunkt der Besichtigung der KZ-Gedenkstätte Buchenwald lag aufgrund der Ausrichtung des Projekts auf der Geschichte der 10.000 jüdischen Häftlinge, die unmittelbar nach den Novemberpogromen im KZ Buchenwald inhaftiert waren.

Das Projekt habe in der Fachwelt großen Anklang gefunden. Conny Schmidthals und Robert Heldt stellen es am 13. November auf Einladung der Konrad Adenauer Stiftung auf einer Tagung vor.

Der Instagram-Account des Projektes ist unter folgendem Link einsehbar:
https://www.instagram.com/wege_der_erinnerungen_projekt/


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