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Weniger Geld, mehr Freiheit: Das Geheimnis zufriedener Lehrer


Lehrerin Susan Donker (links) mit ihren Kollegen im Lehrerzimmer der Binckhorst-Außenstelle. Quelle: Focus, Petra Apfel/FOL
Lehrerin Susan Donker (links) mit ihren Kollegen im Lehrerzimmer der Binckhorst-Außenstelle. Quelle: Focus, Petra Apfel/FOL Foto: Focus, Petra Apfel/FOL

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26.10.2018

In den Niederlanden arbeiten Lehrer länger und werden schlechter bezahlt als in Deutschland. Warum ihnen die Arbeit dennoch mehr Spaß zu machen scheint, erzählt eine junge Lehrerin FOCUS-Online-Reporterin Petra Apfel.


Schon seit neun Jahren ist Susan Donker (29) Grundschullehrerin: „Nach der Highschool bin ich gleich an die Pädagogische Hochschule. Im vierten Studienjahr habe ich dann als 'Lehrerin in Ausbildung' schon völlig eigenständig unterrichtet.“ Seit zwei Jahren ist sie Stellvertreterin der Direktorin an der „Binckhorst-Basisschool“ in Laren, einer idyllischen Kleinstadt mit vielen Reetdach-Häusern südöstlich von Amsterdam.

Die junge Frau mit den langen dunklen Haaren hat vielleicht besonders schnell Karriere gemacht, aber auch ihre Kollegen für die rund 100 Kinder der Gruppen 7 und 8 sind alle um die 30 und wirken fast ein bisschen wie die großen Geschwister ihrer Zöglinge. Hollands Lehrer sind tatsächlich im Durchschnitt jünger als ihre deutschen Kollegen, die zu den ältesten in Europa gehören.

Lehrer lernen auch von ihren Schülern


Susan Donker wurde Lehrerin, weil ihr gefallen hat, was sie bei ihrer Mutter erlebte, die ebenfalls Grundschullehrerin war. „Ich mag die Dynamik von Kindern, ihre Lernbegierde. Es ist schön, sie wachsen und klüger werden zu sehen“, beschreibt sie ihre Begeisterung für das Lehramt. „Und mir gefällt es auch, von den Schülern zu lernen, ihre Sicht der Dinge zu verstehen.“

Dass Lehrer in Deutschland besser verdienen oder auch mehr Fortbildungen finanziert bekommen, hat Susan Donker gehört. Aber die Abhängigkeit von Planstellen, die in den Kultusministerien der Bundesländer beschlossen und zugewiesen werden, findet sie dann doch ziemlich abschreckend. „Wir bekommen nur die Praktika während des Studiums zugewiesen. Nach dem Abschluss können wir uns bewerben, wo wir wollen.“ Und da es auch in Holland einen Lehrermangel gibt, seien die Job-Aussichten ausgesprochen gut. Das Bildungsministerium ist dabei völlig außen vor.

Schlechtes Image? Haben Lehrer nur in Deutschland


Noch mehr als über die Gängelung der Schulen durch die jeweiligen Länderbehörden staunen Holländer über das schlechte Image von Lehrern in Deutschland:

Ein gut bezahlter Halbtagsjob mit zwölf Wochen Urlaub und am Ende die Frühpensionierung wegen Burnout – dieses verbreitete Stammtisch-Vorurteil belegt, wie wenig Respekt Lehrer in Deutschland heute genießen. Es tut zwar vielen engagierten Pädagogen Unrecht, aber das Studium zum Grundschullehrer gilt als Verlegenheitslösung und die Verbeamtung als ideale Basis für Menschen mit vielen Freizeitinteressen. Dabei schallt es aus allen Kultusministerien: „Nur die Besten sollten Lehrer sein!“

Praxis gehört von Anfang an zum Studium


Auch in Holland sammelt sich an den Pädagogischen Hochschulen nicht unbedingt die Elite der Nation – aber zumindest Studenten, die ein Talent fürs Unterrichten haben und mit Schülern umgehen können. Denn dort dürfen und müssen sich angehende Lehrer vom ersten Semester an in der Praxis beweisen.

Von der Assistenz an einem Tag pro Woche im ersten Jahr bis zur kompletten Unterrichtsgestaltung als Lehrer in Ausbildung im letzten Studienjahr haben sie ständig Kontakt mit dem Schulalltag. Hollands Lehrer merken nicht erst nach vier Jahren Studium, ob sie Lehrer überhaupt können. So etwas wie ein Referendariat gibt es nicht in den Niederlanden.

Talentierte Pädagogen machen erfolgreiche Schüler


Im Zentrum der Lehrerausbildung stehen weniger die einzelnen Fächer, die ein Grundschullehrer alle unterrichten soll, sondern Didaktik und Pädagogik. Die künftigen Lehrer lernen primär, Schüler zu motivieren, individuell zu fördern und Probleme zu lösen.

Diese Forderung an die Lehrerausbildung stellen auch deutsche Bildungsexperten. So hat der Pädagogik-Professor Klaus Zierer von der Uni Augsburg in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung geschrieben: „Die Lehrerbildung muss überholt werden. Wichtig sind nicht nur Wissen und Können, sondern auch Herz und Charakter.“ Neben fachlicher Kompetenz müssten im Studium viel mehr didaktische und pädagogische Kompetenzen vermittelt werden.

„Wir haben Vorgaben vom Bildungsministerium, welches Lernziel die Schüler erreichen müssen. Das wird auch in den landesweit einheitlichen Cito-Tests geprüft“, sagt Susan Donker. „Aber das Schöne an der Arbeit ist, dass wir Lehrer sehr frei sind, wie wir den Unterricht bis dahin gestalten.“

Dazu gehört auch, die Schüler sehr viel selbstständig und mit digitalen Medien arbeiten zu lassen. „Wir müssen sie schließlich auf die digitale Zukunft vorbereiten“, sagt die junge Lehrerin. Die Ausstattung ihrer Schule mit Laptops für alle und großen Touch-Screens in jedem Raum macht das ziemlich einfach. Und für sie und ihre jungen Kollegen sind Internet und Social Media ohnehin Teil des Alltags.

Die Schüler-Smartphones wandern morgens trotzdem in den Spind und bleiben dort bis zum Schulschluss - ganz ohne Gezeter.

Teamgeist und offene Kommunikation


Für Holländer sind flache Hierarchien, die informelle Kommunikation auf Augenhöhe oder das Duzen von Lehrern und Schülern ganz selbstverständlich. Deutsche, die in Holland unterrichten, finden ihre diskutierfreudigen Schüler erst einmal gewöhnungsbedürftig, schätzen es dann aber, dass sie offener und lockerer sind als in Deutschland. Und sie gewöhnen sich schnell daran, dass Lehrer und Schüler ein Team mit dem gleichen Ziel sind – wie eine Sportmannschaft aus Coach und Athleten.

So sehr sich eine Grundschule wie die Binckhorst auch bemüht, die Kinder zwischen vier und zwölf Jahren zu starken und selbstbewussten Menschen zu machen, ihre geistige Entwicklung mit modernen digitalen Methoden zu fördern – am Ende des Schuljahrs steht in Holland immer ein Musical. „Dass diese Aufführung gelingt, ist unseren Schülern wichtiger als der perfekte Cito-Test“, sagt Susan Donker. Sie lacht. Man darf sich nicht zu ernst nahmen. Nicht einmal als Lehrer.

Von den Niederlanden lernen


10 Dinge, die an Hollands Schulen besser laufen als bei uns

Um fit für die Zukunft zu sein, muss Deutschland in Bildung investieren – darüber sind sich alle einig. Dafür könnte es sich bei anderen Ländern einiges abschauen. Unsere holländischen Nachbarn haben an den Grundschulen bereits Dinge umgesetzt, die auch viele deutsche Bildungsexperten als nötige Reformen einfordern.

  1. Die Grundschule beginnt früh, schon ab vier Jahren. Die Differenzierung erfolgt erst nach acht Jahren gemeinsamen Lernens mit zwölf.

  2. Eltern haben von Anfang an freie Schulwahl, unabhängig von der Adresse.

  3. Der Unterricht beginnt überall erst um 8.30 und endet um 14.30 oder 15.00 Uhr. Hausaufgaben gibt es nicht.

  4. Fast alle Schulen werden vom Staat finanziert, auch die der privaten Träger.

  5. Jeder Schule steht es frei, nach welcher Methode sie unterrichten will.

  6. Das Bildungsministerium gibt landesweit einheitliche Lernziele sowie die Tests vor, welche diese abrufen. Der wichtigste „Cito“-Test erfolgt am Ende der Grundschulzeit.

  7. Nicht allein die Lehrer entscheiden über die weitere Schullaufbahn, sondern deren Beurteilung plus der Cito-Test.

  8. Es gibt keine Lehrer-Beamten. Lehrkräfte bewerben sich, wo sie wollen. Schulen stellen ein, wen sie wollen.

  9. Schulpraxis gehört vom ersten Tag an zur Lehrerausbildung.

  10. Holland hat landesweit die perfekte Infrastruktur für digitales Lernen. Die Schulen sind überwiegend mit der nötigen Hard- und Software ausgestattet. Lehrer setzen sie auch ein.



14 Länder, 14 Reporter


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