Wolfenbüttel. Während der Bauarbeiten zum Windpark Ahlum/Dettum wurden auf der Fläche archäologische Untersuchungen durchgeführt. Diese brachten eine Vielzahl von Relikten aus längst vergangenen Zeiten zutage. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurden die wertvollen Funde nun vorgestellt und begutachtet, berichtet die Stadt Wolfenbüttel.
Stadtbaurat Klaus Benscheidt begrüßte am gestrigen Donnerstag die Anwesenden im Rathaus und nutzte die Gelegenheit, um sich ausdrücklich für die Zusammenarbeit mit allen Projektbeteiligten zu bedanken. In seiner Ansprache betonte er die besondere ethische Dimension des Bauvorhabens. Wer Verantwortung die unsere Zukunft übernimmt – insbesondere durch zukunftsweisende Projekte wie diesen Windpark –, könne dies nur glaubwürdig tun, wenn er gleichzeitig bereit sei, Verantwortung für die Vergangenheit zu tragen. „Und genau das tun wir hier“, so Benscheidt. Er räumte ein, dass die Bergung dieser bedeutenden historischen Funde unweigerlich zu Bauverzögerungen führten. Dennoch hielt er fest, dass der Blick in die Geschichte diesen Aufwand absolut wert sei. Die Stadt Wolfenbüttel freue sich ausdrücklich über diese sehr wertvollen Bergungen, die einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Erbe der Region leisten.
Wertvolle Funde freigelegt
Im Bereich der Gemarkungen Ahlum und Dettum wurden durch die SAB WindTeam GmbH 19 Windenergieanlagen errichtet. Im Rahmen der behördlichen Prüfung fiel auf, dass, obwohl im unmittelbaren Baugebiet bisher keine archäologischen Fundstellen bekannt waren, die Wahrscheinlichkeit sehr hoch war, bisher unbekannte Fundstellen zu berühren. Entsprechend beauftragte die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt Wolfenbüttel in Abstimmung mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege eine archäologische Baubegleitung. Mit deren Durchführung beauftragte die SAB WindTeam die in Braunschweig ansässige Firma Arcontor Projekt GmbH.

Depotfund von Ahlum (1500–1300 v. Chr.): Auswahl an Funden, Halskragen und Fragmente, Bernsteinperlen, Lockenspirale, Nadelfragmente und Fragmente einer Armspirale. Foto: Wehrstedt, NLD
Eingetaktet in den Bauablauf wurden zwischen August 2024 und September 2025 92.780 Quadratmeter Fläche archäologisch geprüft. Dabei konnte ein beeindruckender Querschnitt der Prähistorie des Braunschweiger Landes in 412 erhaltenen Befunden gewonnen werden, darunter einige sehr gut erhaltene Ausnahmefunde von hohem wissenschaftlichem Wert.
So konnten im Süden zwei weitergehend erhaltene Hausgrundrisse der Linearbandkeramik – der ersten bäuerlichen Kultur in Niedersachsen – entdeckt werden. Zahlreiche Funde und umfangreiches Probenmaterial können damit Aufschluss auf die Erstbesiedlung der Region seit der Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. geben.
Auch aus den Jahrhunderten nach Christi Geburt konnten mehrere Siedlungsstellen identifiziert werden. Dabei stechen mehrere Gruben hervor, die wohl bewusst zusammengestellte Ensembles aus hier bestatteten Hunden, nach römischem Vorbild hergestellter Drehscheibenkeramik und Metallobjekten enthielten. Ein besonderes Highlight stellt ein nahezu komplett erhaltener sogenannter Dreilagenkamm des 4./5. Jahrhunderts n. Chr. mit Kreisaugenzier und Bronzenieten dar. Entsprechende Kämme waren persönlicher Besitz und sind als Grabbeigaben bekannt, wurden dort aber mit auf den Scheiterhaufen gegeben und sind im Regelfall nur in Kleinstfragmenten erhalten.
Bronzezeitlicher Schatzfund
Beim Aufzug einer Windradstellfläche kam isoliert der wohl bedeutendste Fundkomplex der Grabung zum Vorschein. Schon beim ersten Baggeraufzug traten eng beieinander liegende Objekte aus Bronze und Bernstein auf. Die sofort hinzugezogene Restaurierung des NLD begleitete eine Blockbergung, bei der die fragilen Funde mit umliegendem Erdreich geborgen wurden, um sie unter Laborbedingungen freilegen zu können. Das hochsensible Ensemble entpuppte sich als die Schmuckausstattungen von mindestens drei weiblichen Individuen, die aus teilweise verzierten Halskragen, Armspiralen, Blechschmuck und mindestens zwei Scheibennadeln bestanden. Sie stammen aus dem Zeitraum zwischen 1500 und 1300 v. Chr.
Einzigartig ist eine Kette aus mehr als 156 Bernsteinperlen. Bernstein spielte nach einer 2025 veröffentlichten Studie der Universität Arhus eine zentrale Rolle im Fernhandelsnetzwerk der frühen und mittleren Bronzezeit, das von Südskandinavien bis nach Assur reichte. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem hier vorliegenden Schatzfund um eine religiös motivierte Niederlegung der lokalen Elite. Der Fund ist der bisher größte Einzelfund von bronzezeitlichem Bernstein in Niedersachsen. Für das niedersächsische Nordharzvorland ist es der erste bronzezeitliche Depotfund seit 1967 und der einzige, der nach modernen wissenschaftlichen Standards ausgegraben wurde. Die Erforschung und Restaurierung der hochsensiblen Objekte beginnen gerade erst. In Kooperation mit der TU Clausthal sind eine Reihe von weiterführenden Materialanalysen geplant.





