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Kinobetreiber kritisieren Regierungspläne: "Schlimmer geht's nicht"

Viele Kinos könnten sich aufgrund der angekündigten Auflagen zur Wiedereröffnung am kommenden Montag dazu entscheiden, ihre Türen geschlossen zu lassen.

von Marvin König


(Archivbild)
(Archivbild) Foto: Anke donner

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17.06.2020

Region. Am gestrigen Dienstag wurden erstmals Details zu den Plänen der weiteren Lockerungen im Zuge der Corona-Pandemie bekannt (regionalHeute.de berichtete). Für die Kinobetreiber eigentlich ein Grund zur Freude - Sie könnten ihre Lichtspielhäuser ab dem 22. Juni wieder öffnen. Allerdings nur unter drakonischen Auflagen. Wenn es so kommt, wie es kommen soll, wollen viele Kinobetreiber ihre Türen weiter geschlossen halten. Obendrauf kommt auch noch der seltsame juristische Fall eines Betreiberpaares aus Essen, welches auf Wiedereröffnung ihrer Kinos in Salzgitter und Osnabrück geklagt hatten. In Osnabrück dürfen sie öffnen - in Salzgitter nicht.


Nach den Plänen der Landesregierung dürften Kinos ab dem kommenden Montag wieder öffnen, wenn ein Abstand von eineinhalb Metern zwischen den Besuchern gewährleistet werden kann. Ähnlich wie im Restaurant soll auch eine Erfassung der Kontaktdaten erfolgen. Der Hammer: Alle Besucher sollen während der gesamten Vorstellung eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen.

"Ein Ausschlusskriterium"


"Für alle Kinos in Niedersachsen wäre das eine Benachteiligung gegenüber anderen Standorten. Das würden wir so nicht akzeptieren wollen", stellt Frank Oppermann, Theaterleiter des Astor-Filmtheaters in Braunschweig klar. Ganz egal wie die Auflagen seien, ein wirtschaftlicher Betrieb werde in den ersten Spielwochen ohnehin nicht möglich sein. "Damit können wir nur zeigen `Wir sind wieder da´, um uns dann auf die attraktiven Filme vorzubereiten, die hoffentlich wieder Besucher anziehen. Damit werden wir im Zusammenspiel mit den Hygieneauflagen an wirtschaftliche Grenzen kommen", meint Oppermann.

"Die Maskenpflicht während der Vorstellung ist ein Ausschlusskriterium für uns. Es macht bei den geforderten Abständen im Saal auch überhaupt keinen Sinn", findet Florian Wildmann, Betreiber des Cineplex-Kinos in Goslar. Er argumentiert, dass Nordrhein-Westfalen (NRW) gerade die Mindestabstände in den Kinosälen auf einen Meter reduziert habe und keine Maske im Saal verlange. Wildmann: "Maskenpflicht im Saal bedeutet auch den Verlust der Nebeneinnahmen von Popcorn, Cola und so weiter, welches einen erheblichen Einnahmeverlust bedeuten würde. Zusätzlich sehe ich die fehlende Akzeptanz der Besucher für das Tragen einer Maske während des Films."


Das Cineplex in Goslar will weiter geschlossen bleiben, sollte die Maskenpflicht während des Filmes so kommen wie geplant. Foto: Anke Donner



"Schlimmer geht's nicht"


Derweil in Essen: Das Betreiberpaar Anja und Meinolf Thies hatte sich den Weg zur Öffnung ihrer Kinos in Niedersachsen freiklagen wollen - Und ist jetzt in einer seltsamen Situation. Mit der Klage hatten die Unternehmer ein Hygienekonzept eingereicht und auf sofortige Öffnung ihrer zwei Kinos in Osnabrück und der Filmpassage in Salzgitter geklagt. "Die Hygienekonzepte lassen sich ja im Kino wahnsinnig leicht umsetzen. In Salzgitter haben wir zum Beispiel ein riesiges Foyer", argumentiert Anja Thies im Gespräch mit regionalHeute.de.

Laut dem Hygienekonzept bleibt jede zweite Reihe frei, um die Abstände zu wahren. Pfeile weisen den Weg durch das Kino in "Einbahnstraßen". Das Kassensystem lässt zwar eine ganze Familie zusammensitzen, drei Plätze rechts und links davon bleiben frei. Die Maske kann am Platz abgenommen werden. Ergänzt wird das ganze durch Desinfektionsmittelspender und Spuckschutzwände.

"In Osnabrück haben wir schriftlich vorliegen, dass wir das Kino so wie wir es dargestellt haben betreiben dürfen. Für Salzgitter wurde der identische Antrag abgelehnt", stellt Thies fest und kann sich nicht erklären, wie so etwas im selben Bundesland passieren kann: "Wir haben an beide Gerichte ein und denselben Antrag gestellt." In Osnabrück eröffnet das Kino am morgigen Donnerstag mit dem eigenen Hygieneplan. "Wenn die Maskenpflicht so durchkommt, werden wir in Niedersachsen nicht öffnen. Man sitzt drei Stunden mit Maske im Kinosaal und muss da heimlich Popcorn essen, schlimmer gehts nicht. Es muss doch auch noch ein Gleichheitsprinzip geben", sagt Thies im Hinblick auf die vollen Flieger, das Essen in Restaurants und vor allem die anderen Bundesländer.

Alles zu kurzfristig


Ein Blick auf die Karte gibt ihr recht: In Mecklenburg-Vorpommern und NRW durften die Kinos bereits ende Mai wieder öffnen - ohne Maskenpflicht. Niedersachsen hinkt nicht nur gewaltig im "Auflagen- und Regelwildwuchs", wie Florian Wildmann es nennt, hinterher, sondern gebe die Öffnungen auch viel zu kurzfristig bekannt.


Astor-Inhaber Nico Flebbe und Theaterleiter Frank Oppermann im großen Saal des Astor-Filmtheaters in Braunschweig. (Archiv) Foto: Marvin König



Eine Öffnung am Montag sei unrealistisch, meint Frank Oppermann: "Das ist abseits jeglicher Realität, was da seitens der Regierung vorausgesetzt wird. Für uns unverständlich, dass man kein Gefühl dafür hat, wie diese Mechanismen und Lieferketten funktionieren, wir haben ja auch keine Waren mehr im Haus, weil wir seit drei Monaten nichts mehr verkauft haben. Diese ganzen Lieferketten müssen erstmal wieder anlaufen." Nicht einmal Filme seien im Haus. "Die stehen hier nicht einfach so im Regal", erklärt der Theaterleiter.

Neue Filme frühestens im Juli


Florian Wildmann vom Cineplex in Goslar macht auf einen ganz anderen Aspekt aufmerksam: Es gibt schlicht keine neuen Filme: "Filmverleiher benötigen im normalen Zustand etwa acht Wochen Vorlaufzeit, um einen neuen Film zu platzieren und entsprechendes Marketing zu machen", erklärt der Kinobetreiber. Die Filmverleiher hätten klargemacht, dass es sich aber erst lohne, wenn 75 Prozent der Kinobesucher in der Bundesrepublik wieder Zugang zu ihren Lichtspielhäusern hätten: "Durch den Wildwuchs der Öffnungstermine und der Restriktionen ist aktuell der für den 16. Juli anberaumte Christopher-Nolan-Film „Tenet“ auf Ende Juli verschoben worden. Wir können also nicht vor Mitte Juli mit neuen Filmen rechnen. Und das Land Niedersachsen, als viertwichtigstes Bundesland, was die Besucher betrifft, positioniert sich als letztes!"


Das Autokino in Goslar. Foto: aktuell24/BM



Alles, was es vor Corona gab, sei in den Autokinos rauf- und runtergespielt worden. Ob man damit noch Zuschauer in die Kinos locken kann, sei fraglich. Doch nicht nur darauf komme es an: "Das Allerwichtigste aber bleibt der Besucher. Wir brauchen den Zuspruch und das Handeln unserer Kinogäste, denn für unsere Gäste machen wir Kino und sie sind und bleiben der Schlüssel zum Erfolg und dem Bestehen der Kinolandschaft!"

Wieso urteilen die Gerichte so?


Bei Klagen gegen die Schließung sei der Knackpunkt für die Gerichte immer wieder der Mindestabstand im Saal. So geht aus einem Urteil hervor, dass beim Aufsuchen der Plätze und beim Toilettengang während der Vorstellung der geforderte Mindestabstand aufgrund des Abstandes zwischen den Sitzreihen durch die Besucher regelmäßig unterschritten werde. Genaueres zum Ablehnungsschreiben des Gerichte wollte Anja Thies zwar nicht nennen, jedoch gehe auch die Begründung des Amtsgerichtes in Braunschweig in diese Richtung.

Verstehen könne sie es nicht: "Wenn man am sitzenden Gast vorbeigeht, hat man ja schon Abstand. Wenn der Vorbeigehende noch eine Maske dreht und sich auch noch nach vorne dreht glaube ich nicht, dass ausgerechnet da das Risiko besteht, dass das Virus überspringt." Auch unter normalen Umständen würden nicht so viele Leute auf die Toilette gehen - Mit der Maskenpflicht wahrscheinlich aus Bequemlichkeit sogar noch weniger: "Es geht ja nicht permanent jemand zur Toilette während des Films, gerade weil man die Maske wieder aufsetzen muss. Das ist nervig. Überflüssige Toilettengänge werden vermieden. Dass die Leute sich diszipliniert verhalten können, das haben sie die letzten Monate ja gezeigt."

"Die Kinos gehen kaputt, genau wie die Theater."

- Anja Thies, Kinobetreiberin der Filmpassage in Salzgitter



Schlimmer gewesen sei laut Thies nur das Urteil eines Gerichtes in Bayern mit der Aussage, dass man Kinobesuche ja nachholen könne und kein wirtschaftlicher Schaden entstanden sei: "Nachholen kann ich ja nachvollziehen, die Leute gehen aber nicht sechs mal ins Kino, wenn sie dann mal wieder können." Wegen solcher Fälle habe sie bei der letzten Pressekonferenz all ihre Mitarbeiter in den Saal gebeten, damit Presse und Politik sehen, dass hinter den Kinos auch Menschen stehen. Dies sei oft vergessen worden. "Die Kinos gehen kaputt, genau wie die Theater", so Thies abschließend.


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