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Neue Gedenkstätte an der JVA bietet interaktive Zeitreisen

von Marvin König


André Charon vor der Häftlingskleidung seines gleichnamigen Vaters. Dieser spielte bei der medizinischen Versorgung der Gefangenen vor der Befreiung des Gefängnisses eine entscheidende Rolle. Fotos: Marvin König

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15.11.2019

Wolfenbüttel. An der JVA Wolfenbüttel gibt es ab kommendem Sonntag ein absolutes Novum zu bestaunen. Ein Durchbruch durch die historische Gefängnismauer gibt den Weg frei in das neu errichtete Dokumentationszentrum der Gedenkstätte in der JVA, welches sich modernster Technik bedient, um dem Thema "Recht, Verbrechen, Folgen: Das Strafgefängnis Wolfenbüttel im Nationalsozialismus" für die Besucher Leben einzuhauchen.


Die Gedenkstätte bestehe seit 1990, sei aber jahrzehntelang vernachlässigt worden, erklärt Dr. Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstättenbei der Pressekonferenz zur Vorbesichtigung der 300 Quadratmeter großen Ausstellung. "Wir standen immer im Schatten der Gedenkstätte Bergen Belsen, das ist jetzt vorbei." Die Ausstellung vermittle den Besuchern vor allem einen Eindruck davon, "in welcher Gesellschafts- und Rechtsordnung wir nicht leben wollen", erläutert der Geschäftsführer weiter. Noch hallen die Geräusche von Bohrmaschinen durch die großzügige, moderne Architektur der barrierefrei angelegten Gedenkstätte. Am Sonntag, 17. November, soll es dann so weit sein - im Lessingtheater lockt ein großer Festakt zur Eröffnung des brandneuen Dokumentationszentrums.

Verlorene Biografien zum Leben erweckt


Anhand zahlreicher Quellen, von denen viele erstmals präsentiert werden, zeigt die Ausstellung, wie weitreichend Justiz und Strafvollzug in das nationalsozialistische Terror- und Verfolgungssystem eingebunden waren. Im Strafgefängnis Wolfenbüttel befand sich zwischen 1937 und 1945 eine der zentralen Hinrichtungsstätten in Norddeutschland. Mehr als 500 Menschen aus vielen Ländern Europas, darunter viele Widerstandskämpfer, starben hier durch das Fallbeil. Weitere 500 Gefangene starben an den Folgen von Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und Auszehrung. Verantwortlich dafür waren Staatsanwälte, Richter und Strafvollzugsbeamte. Ihre Biografien werden in der Ausstellung ebenso präsentiert wie Selbstzeugnisse ihrer Opfer.


Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Zeit des Nationalsozialismus. Doch dieser wird nicht isoliert betrachtet. Auch die Vor- und Nachgeschichte wird geschildert – der Reformstrafvollzug der Weimarer Republik etwa oder die Befreiung durch die Amerikaner im April 1945 und die folgende britische Besatzungszeit, in der erneut Todesurteile in Wolfenbüttel vollstreckt wurden.Ein eigenes Kapitel ist den Familienangehörigen der Menschen gewidmet, die während des Nationalsozialismus in Wolfenbüttel inhaftiert waren oder hingerichtet wurden.



Eine interaktive Zeitreise



In einer Nachbildung des Hinrichtungsbuches können die Besucher blättern und sich die Lebenswege, Bilder und Zitate zu den Namen auf der Liste anschauen - das ist einzigartig in Deutschland. Zu den Opfern, welche von den Nazis nur als Zahl aufgeführt wurden, hat die Dokumentationsgruppe um Martina Staats die Namen und Geschichten recherchieren können. Foto:




Gedenkstättenleiterin Martina Staats. Foto:



Für die Ausstellung wurden teilweise neuartige Technologien speziell für das Museum entwickelt. Besonders eindrucksvoll ist die Nachbildung des Hinrichtungsbuches. Namen und Datum der Hinrichtungen sind hier vermerkt - sogenannte "Nacht und Nebel" Gefangene, die spontan hingerichtet wurden, sind sogar nur als Zahl aufgeführt. Links und rechts des Buches befinden sich Monitore mit den Namen in Druckschrift. Ein Computer erkennt, auf welcher Seite der Besucher blättert und passt diese für jede Seite an. Die Namen lassen sich mit dem Finger antippen und geben Zugriff auf - je nach Person - umfangreiches Material zu den NS-Opfern auf einem weiteren, großen Bildschirm. Dem Dokumentationsteam um Martina Staats ist es sogar gelungen, die Namen der nur als Zahl aufgeführten Hinrichtungsopfer zu recherchieren: "Die Gedenkstätte gibt es seit 1990, Datengrundlagen waren also vorhanden, aber im Laufe der Zeitsind bestimmte Archivalien freigegeben worden. Wir haben in ganz Europa nochmal geforscht, haben systematisch die Archive aufgesucht, um neue Erkenntnisse zu bekommen und das ist ja hier auch sichtbar." Eine Erfahrung, die nahe geht. Und auf beklemmend persönliche Weise mit dem düsteren Kapitel der Hinrichtungsstätte Wolfenbüttel verbindet.

Mit Augmented Reality in verschlossene Bereiche



Dr. Jens-Christian Wagner führt die Möglichkeiten von "Augmented Reality" im Museumskontext vor. Auf dem Bildschirm zu sehen ist der virtuelle Rundgang durch das Hinrichtungsgebäude. Im Hintergrund das zurzeit undurchsichtige Fenster, welches normalerweise den Blick auf den ehemaligen Hinrichtungsort freigibt. Sind Insassen der JVA auf dem Innenhof, wird das Fenster elektrisch undurchsichtig geschaltet. Foto:



Auch das interaktive Modell des Gefängnisses auf dem Stand von 1940 ist ein technologisches Wunderwerk. Um das Modell herum sind Tablet-Computer aufgestellt. Durch die Linse dieser betrachtet, erscheinen Erläuterungen zu den historischen Orten. "Augmented Reality" nennt sich dieses Format. Auch ist es möglich, mit den Tablets einen virtuellen Rundgang durch Bereiche zu machen, die im Herzen der Justizvollzugsanstalt sind - und auch weiterhin nur mit Anmeldung von Gruppen besichtigt werden können. Ein großes Fenster, welches bei "Gefangenenbewegungen" auf dem Innenhof elektrisch blind geschaltet werden kann, gibt den Blick frei auf die ehemalige Hinrichtungsstätte im Innenhof. Dass diese Scheibe undurchsichtig wird, sobald Inhaftierte der Anstalt auf dem Hof sind, sei zur Wahrung der Privatsphäre absolut notwendig.

Vielfältige Audiomitschnitte, Medienberichte und O-Töne runden die Reise für den Besucher ab. Auf die Frage, obsie denn auch ein persönliches Highlight innerhalb der Ausstellung habe, antwortet die Gedenkstättenleiterin nach kurzem Überlegen: "Natürlich habe ich persönlich immer meine Lieblingsstellen, ich habe auch einen Bereich kuratiert, da habe ich ein anderes Verhältnis zu - aber meine Lieblingsstellebleibt der O-Ton, den Karl Spilker, ein Gefangener kurz nach seiner Entlassung 1945 gehalten hat, als erzum ersten Mal nach Hause kommt, seine Frau sieht und dann in das Mikrofon spricht." Spilker wurde 1944 in Braunschweig von der Gestapo verhaftet und war bis zu einer Befreiung in Wolfenbüttel als politischer Gegner der Nationalsozialisten inhaftiert.

Karl Spilker kurz nach seiner Befreiung im Jahr 1945 zu einem Reporter der BBC. Podcast:Gedenkstätte JVA Wolfenbüttel

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Herausforderungen beim Bau



Der Blick vom Innenhof zeigt, wie man mit dem geringen Platzangebot umgegangen ist. Die Gravuren auf dem Beton sind Einritzungen aus den Gefangenenzellen, die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen. Foto:



Aufgrund der geringen für den Bau verfügbaren Grundfläche entschied man sich dafür, das Ausstellungsstockwerk überstehen zu lassen - dies kam der Gesamtfläche der Ausstellungsetage zugute. "Es ist natürlich auch ungewöhnlich im laufenden Betrieb einer JVA auf dem Gelände der JVA zu bauen. Da müssen bestimmte Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Die Architekten und die mit dem Bau betrauten Menschen sprechen immer von dem "Faberget-Ei", wenn sie über das Dokumentationszentrum reden. Weil der Bau so kompliziert war, aber weil er eben auch seine kleinen besonderen Einzelheiten hat",berichtet Gedenkstättenleiterin Staats.Abschließend erklärt sie, warumsie einen Besuch des Dokumentationszentrums für förderlich hält:"Ich finde, es ist immer wichtig, sich mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen, und man setzt sich natürlich an den historischen Orten damit auseinander - das sind ja Gedenkstätten, Gedenkstätten sind mehr als nur ein Museum. Hier sind die Verbrechen passiert und hier kann man und soll man sich auseinandersetzen. Und ich finde die Ausstellung ist so überzeugend in verschiedenen Bereichen, dass es zumindest zum Nachdenken anregen wird."

Ab Dienstag, 19. November, ist das neue Dokumentationszentrum für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Kosten für den Neubau und für die Ausstellung in Höhe von insgesamt zirka fünf Millionen Euro haben sich das Land Niedersachsen und der Bund hälftig geteilt.


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