Rund 70 Frauen suchen jährlich Zuflucht im Frauenschutzhaus

von Anke Donner


Andrea Reinhardt-Ziola und Tanja Friese erzählen über ihre Arbeit im Frauenschutzhaus Wolfenbüttel. Fotos: Anke Donner
Andrea Reinhardt-Ziola und Tanja Friese erzählen über ihre Arbeit im Frauenschutzhaus Wolfenbüttel. Fotos: Anke Donner Foto: Anke Donner

Wolfenbüttel. Seit 2002 gibt es in Wolfenbüttel ein Frauenschutzhaus. Wo es genau ist, soll zum Schutz der Frauen möglichst verborgen bleiben. regionalHeute.de sprach mit den Mitarbeiterinnen des Frauenschutzhauses, Andrea Reinhardt-Ziola und Tanja Friese, über ihre Arbeit und wie sehr Frauen und Kinder unter Gewalt leiden.


Das Frauenschutzhaus Wolfenbüttel bietet Platz für neun Frauen und zwölf Kinder. Pro Jahr suchen etwa 70 Frauen, meist mit ihren Kindern, Zuflucht in dem Haus. "Wir sind jedes Jahr zu 70 Prozent ausgelastet. In diesem Jahr hatten wir sogar schon sehr viel mehr Frauen, als in den vergangenen Jahren", erklärt Andrea Reinhardt-Ziola, Leiterin der Einrichtung. Das Jahr ist noch nicht vorbei und dennoch wurden schon 75 Frauen aufgenommen. "Dabei waren auch viele Kurzaufenthalte. Die Frauen bleiben dann so eine Woche", erklärt Tanja Friese. Im Schnitt aber bleiben die Frauen etwa drei Monate. Manchmal schaffen sie es, sich zu trennen und auf eigenen Beinen zu stehen. "Manchmal vermitteln wir die Frauen auch an andere Frauenschutzhäuser in der Region. Gerade, wenn die Betroffenen direkt aus Wolfenbüttel kommen, ist es leicht sie aufzuspüren oder abzufangen. Dann ist Wolfenbüttel einfach zu klein und sie sind an einem anderen Ort sicherer", wissen die beiden Frauen, die sich schon viele, viele Jahre um Frauen kümmern, die Opfer von Gewalt werden. "Das ist nicht immer körperliche Gewalt. Oft sind die Frauen auch Psychoterror ausgesetzt, werden erniedrigt und klein gehalten. Es gibt Schuldzuweisungen von den Partnern und Selbstzweifel bei den Frauen", so Andrea Reinhardt-Ziola. Nicht selten leiden nicht nur die Frauen unter ihren gewalttätigen Partnern, sondern auch die Kinder. "Für uns ist die indirekte Gewalt genau so schlimm. Oft bekommen die Kinder alles hautnah mit, was zuhause los ist. Sie geben sich die Schuld daran, wenn die Mutter misshandelt wird und sind oft lange traumatisiert. Gewalt hinterlässt immer Spuren - körperlich und seelisch ", erklärt Reinhardt-Ziola.

Ein langer Leidensweg


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"Es ist wirklich erschreckend, wenn man sich die Zahlen anschaut. Jeden dritten Tag stirbt eine Frau an den Folgen häuslicher Gewalt. Hinzu kommen jährlich über 300 versuchte Tötungen. Weltweit ist häusliche Gewalt die größte Menschenrechtsverletzung. Statistisch gesehen, braucht eine Frau acht Jahre, ehe sie sich von ihrem gewalttätigen Partner trennt, erzählen Andrea Reinhardt-Ziola und Tanja Friese.

Die Gründe aber, warum Frauen trotz Schlägen und psychischem Terror bei ihren Partnern bleiben, sind so unterschiedlich wie die Frauen selbst. "Das Dramatische dabei ist, dass Gewalt ja aus einem eigentlich positiven Gefühl entspringt, das die Menschen einmal verbunden hat - der Liebe", sagt Tanja Friese. Doch irgendwann wird aus diesem Gefühl dann Hass und blinde Wut. Die Frauen sind oft so eingeschüchtert, dass sie den Absprung einfach nicht schaffen und immer wieder zu ihren Partnern zurückkehren. "Nicht zuletzt entscheiden sich Frauen zum Bleiben, weil sie ihren Kindern nicht den Vater nehmen wollen oder an dem Bild der heilen Familien festhalten wollen", so Andrea Reinhardt-Ziola.

Gewalt in der Partnerschaft zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft. "Es ist nur so, dass einige Frauen andere Mittel haben, um aus diesen Partnerschaften auszubrechen. Sie haben vielleicht die finanziellen Mittel, um auszuziehen und sich ein neues Leben aufzubauen. Oder sie haben Rückhalt innerhalb der Familie. Das macht viel aus. Hier im Frauenschutzhaus landen meist die Frauen, die entweder kein festes soziales Umfeld haben oder aus finanziell schwachen Verhältnissen kommen. Das kann man schon so sagen", wissen Tanja Friese und Andrea Reinhardt-Ziola. Der Auslöser, warum sich Frauen letztendlich dann doch Hilfe suchen, sind nicht selten die Kinder. Denn wenn die Gewalt im Haus auch unmittelbar die Kinder trifft, sie geschlagen oder erniedrigt werden, brechen die Frauen ihr Schweigen und suchen sich Hilfe. "An den Kindern sieht man besonders schnell wie sich der Aufenthalt bei uns auswirkt und wie sehr es sie entlastet. Sie sind nicht mehr ständig dem Stress und der Angst ausgesetzt. Es wirkt sich beruhigend auf sie aus, dass sie wissen, dass sich jemand um die Mutter kümmert. Andererseits vermissen sie aber auch ihre Väter und ihr gewohntes Umfeld", so Andrea Reinhardt-Ziola.

Nach außen eine heile Welt


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Andrea Reinhardt-Ziola und Tanja Friese betreuen auch die BISS im Frauenschutzhaus. Foto:



Nicht selten wirken gewalttätige Männer nach außen eher unscheinbar, anständig, gutbürgerlich und eloquent. Doch der Eindruck trügt oft, wissen Andrea Reinhardt-Ziola und Tanja Friese. "Hinterher hört man aus dem Familien-oder Bekanntenkreis oder auch von Nachbarn, dass man solch ein Verhalten von den Männern nicht erwartet hätte", erklären die Frauen. Die Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, werden oft von ihren Männern ganz gezielt isoliert. Das geschieht nicht selten aus dem Grund, dass die Partner verhindern wollen, dass sich die Frauen einer anderen Person anvertrauen. Und natürlich soll der Schein einer heilen Familie aufrecht erhalten werden. "Oft kommt es auch vor, dass den Frauen einfach nicht geglaubt wird oder sie als psychisch krank abgestempelt werden. Vor allem dann, wenn der Mann nach außen einen ganz normalen und netten Eindruck macht", weiß Andrea Reinhardt Ziola.

Ein Großteil der Frauen, die im Frauenshutzhaus aufgenommen werden, haben ausländische Wurzeln. Das habe sich besonders in den vergangenen Jahren verändert. Derzeit haben rund 50 Prozent der Frauen in der Einrichtung einen Migrationshintergrund. Häufig erleben die Frauen hier in Deutschland eine vollkommen andere Kultur, sie entdecken Möglichkeiten und Freiheiten, die sie aus ihren Heimatländern nicht kennen. Besonders die Männer, die in ihren Heimatländern als Familienoberhaupt eine weitaus größere Rolle innehaben, haben ein Problem damit, wenn die Frauen selbständig werden und vielleicht auch die Sprache lernen wollen. Die Frauen aus diesen Beziehungen hingegen, entdecken hier in Deutschland andere Möglichkeiten, sich aus den gewalttätigen Beziehungen zu befreien, weiß Andrea Reinhardt-Ziola. "Auch hier gilt: Sprache ist der Schlüssel. Je besser die Frauen unsere Sprache sprechen, desto größer ist für die Männer die Gefahr, dass sie sich aus den Beziehungen lösen und eine Kultur entdecken, die weitaus freier ist. Das führt innerhalb der Familien zu Konflikten und zu Gewalt", sagt Reinhardt-Ziola.

Zuflucht im Frauenhaus


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Die Zimmer im Frauenschutzhaus sind zwar klein, aber sie bieten eine wichtige Zuflucht für misshandelte Frauen. Foto: Anke Donner



Wo genau sich das Frauenschutzhaus in Wolfenbüttel befindet, soll möglichst geheim bleiben. Nur die betroffenen Frauen erfahren, wo sie Zuflucht suchen können. Sie können entweder über die Polizei Schutz im Frauenschutzhaus suchen oder mit einem Anruf bei der Einrichtung direkt. "Wenn sich eine Frau an uns wendet, treffen wir uns mit ihr und dann nehmen wir sie auf. Ohne große Bürokratie. Außerdem herrscht eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei und anderen Einrichtungen. Rund 120 Fälle von häuslicher Gewalt werden jährlich im Landkreis Wolfenbüttel bei der Polizei gemeldet. Aber das ist nur die Spitze des Eisberges - es sind eben nur die Fälle, die polizeilich erfasst worden sind", so Andrea Reinhardt-Ziola.

Um die misshandelten Frauen kümmert sich auch die BISS, die Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt und Stalking. Die Stelle in Wolfenbüttel wird von Tanja Friese betreut. Die im Frauenschutzhaus angesiedelte Einrichtung wendet sich als ambulante Beratungsstelle an alle Opfer, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, als auch an die Opfer von Stalking. Die BISS wird über Fälle häuslicher Gewalt beispielsweise durch die Polizei informiert und nimmt dann zeitnah Kontakt zu den betroffenen Personen auf oder die Betroffenen können selbsttätig Kontakt zur Beratungsstelle aufnehmen. Diesen Part übernimmt Tanja Friese.

Zwischenstation und Neubeginn


Das Haus gleicht einer Wohngemeinschaft. Die Frauen leben hier zwar mit ihren Kindern in separaten, etwa 15 Quadratmeter großen Zimmern - gekocht wird aber in zwei gemeinsamen Küchen. Auch die beiden Bäder müssen sich die Frauen teilen. Zudem gibt es einen Aufenthaltsraum. "Das Zusammenleben der Frauen ist nicht immer einfach. Oft treffen hier unterschiedliche Charaktere und Kulturen aufeinander. Ein positiver Aspekt ist aber auch, dass sich die Frauen hier austauschen können und merken, dass sie nicht alleine sind mit ihrem Kummer", weiß Tanja Friese.

Das Frauenhaus sei laut Friese und Reinhardt-Ziola oft der Beginn von etwas Neuem. "Viele Frauen erleben hier die größte Krise ihres Lebens. Aber es ist dennoch kein düsterer oder bedrückender Ort hier bei uns. Es gibt auch schöne Momente, die die Frauen hier erfahren. Hier werden die kleinen Dinge des Lebens plötzlich zu etwas ganz Großartigem, weil genau diese "normalen" Dinge im Leben der Frauen oft keine Rolle mehr gespielt haben. Es ist Zwischenstation und Neubeginn", so Tanja Friese.

Kontakt auch nach dem Auszug


Es gibt im Frauenschutzhaus einen regelmäßigen Austausch mit ehemaligen und aktuellen Bewohnerinnen. "Es ist wichtig, dass wir auch nach dem Auszug Kontakt halten und sehen, wie es den Frauen geht. Außerdem ist der Austausch untereinander wichtig für die Frauen. So sehen sie, dass es besser werden kann und es einen Ausweg gibt", erklärt Andrea Reinhardt-Ziola. Manchmal wird sie noch viele Jahre später von den Frauen oder auch deren Kindern kontaktiert. Dann erzählen sie, wie es ihnen ergangen ist und dass sie positive Erinnerungen an die Zeit im Frauenschutzhaus haben. "Wir bekommen oft ein positives Feedback. Die Frauen und auch Kinder bedanken sich dafür, dass sie hier aufgenommen worden sind. Neulich hatten wir gerade so einen Fall. Der Sohn einer Bewohnerin wollte uns gerne besuchen und sich noch einmal bedanken. Er war als Kind hier bei uns und hatte das Bedürfnis, uns zu treffen, weil es ihm hier gut ging", freuen sich Tanja Friese und Andrea Reinhardt-Ziola.

Hilfe rund um die Uhr


Die Mitarbeiterinnen des Frauenschutzhauses sind rund um die Uhr erreichbar. Der Kontakt kann entweder über das Frauenschutzhaus selbst erfolgen, über andere Einrichtungen oder über die Polizei. "Wann und wie oft auch immer eine Frau unsere Hilfe braucht, sind wir da. Auch wenn sie vielleicht schon einmal hier aufgenommen worden und zu ihren Partnern zurückgekehrt sind. Wir nehmen sie dann ohne Vorwürfe oder große Reden wieder auf. Das ist etwas, was uns ganz wichtig ist. Wann und warum auch immer die Frauen das Haus verlassen - sie sind hier immer willkommen. Uns ist sehr wichtig, dass die Frauen das auch wissen", versichert Andrea Reinhardt Ziola.
Erreichbarkeit Frauenschutzhaus und BISS:
FrauenschutzHaus Wolfenbüttel, Postfach 1303, 38283 Wolfenbüttel, Telefon 05331/41188 oder 881461, Email:frauenschutzhaus@awo-wolfenbuettel.de


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