Wenn die Kröten auf Wanderschaft sind, haben die Sammler alle Hände voll zu tun

von Anke Donner


Foto: Anke Donner)



Wittmar. Zwischen März und April ist die Familie Onkes aus Kissenbrück auf Krötensammlung. Denn im Wittmarer Wäldchen kreuzen um diese Jahreszeit bis zu 9.000 Kröten die Straße.

Ab März, wenn die Temperaturen in der Nacht über acht und tagsüber über 15 Grad liegen, geht für Andrea, Katharina und Alexander Onkes, samt Helfer aus der Umgebung, die tägliche Sammelei los. Morgens und abends, und in machen Fällen auch mittags, werden in der Asse die rund 30 Eimer entlang der Zäune ausgeleert. Zum Vorschein kommen je Sammlung zwischen 200 und 300 Kröten.

Um sie vor dem Überfahren zu retten, werden die Kröten während ihrer Frühlingswanderung von den Sammlern an das rettende Ufer des Teiches gebracht. Im Gewässer legen die Tiere um diese Jahreszeit ihren Laich ab und produzieren so bis zu 5.000 Eier je Kröte.

Zäune und Eimer schützen die Tiere


Damit die Tiere unbeschadet den Teich erreichen, wurden entlang der Straße kleine Zäune errichtet. Im Abstand von einigen Metern sind Eimer in die Erde gelassen, in die die Kröten auf ihrem Weg hinein plumpsen. Dort warten sie dann auf ihre "Retter", die sie befreien und umsiedeln. Auch der Pfad, der aus dem Wäldchen führt, ist auf die Krötenwanderung abgestimmt. Ein Rost hält die Tiere auf, indem sie in die Rinne fallen. Von dort aus werden die Kröten unterirdisch auf den richtigen Weg zu den Zäunen geleitet. Die Gullys sind mit Gage oder feinen Gittern abgedeckt, damit sie nicht zur Krötenfalle werden. "Über die Abdeckungen auf den Gullys hat sich Katharina sehr gefreut. Das ist zum Beispiel ein Ergebnis ihres Projekts. Die Naturschutzbehörde hat die Anschaffung übernommen. Wir bekommen von dort sehr viel Unterstützung. Sie schaffen viele Dinge, wie Zäune, Eimer und Abdeckungen an", freut sich Andrea Onkes.

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Lange Zäune fangen die Kröten ab. Foto: Anke Donner


Einsammeln, zählen, dokumentieren


Bei Einbruch der Dunkelheit hört man das laute Quaken der Kröten (es könnten aber auch Möwen sein). Überall im Laub raschelt es, wenn sich die Tiere auf ihren Weg machen. Nur mit Taschenlampe und vorsichtigen Schritten können sich die Sammler fortbewegen. Und je später der Abend, desto mehr wanderlustige Kröten kommen zum Vorschein. "Immer wenn man glaubt, man hat alle eingesammelt, tauchen irgendwo wieder welche auf", erzählt Amphibien-Sammlerin Andrea Onkes. Es scheint ein Fass ohne Boden zu sein. Doch das Wohl der Tiere ist den Helfern das aufwendige Sammeln wert. "Wir möchten nicht, dass die Tiere überfahren werden. Deshalb werden sie eingesammelt und am Teich frei gelassen. Und wir freuen uns wirklich über jeden, der uns hilft", sagt sie. Rund zwei Stunden verbringen die Sammler je Sammlung am Waldrand und retten die Kröten.

Jedes Tier, das eingesammelt wird, wird dokumentiert. Art, Menge und Geschlecht werden notiert. Auch Tag, Uhrzeit und Temperaturen werden vermerkt. Manchmal werden sie auch vermessen und gewogen. Das dient aber eher der Dokumentation von Katharina Onkes, die sich intensiv mit den Amphibien beschäftigt.

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Andreas Onkes lässt die eingesammelten Paare am Teich frei. Foto: Anke Donner)


Anstrengende Wanderung


Die Amphibien treten während der Laichzeit ihren beschwerlichen Weg aus dem Wald zum nahegelegenen Teich an. Besser gesagt, die Weibchen laufen und die Männchen lassen sich „abschleppen“. So läuft das bei den Kröten. Die großen und robusten weiblichen Tiere nehmen die zierlichen Männchen auf den Rücken und tragen sie zum Wasser. „Wir haben es sehr oft, dass auf einem Weibchen zwei oder mehr Männchen sitzen. Das liegt daran, dass wir einen `Männerüberschuss` haben. Auf ein Weibchen kommen ungefähr fünf männliche Kröten. Manchmal sogar bis zu zehn. Dann sind es richtige Kröten-Knäule. Die müssen wir dann trennen. Es kommt auch vor, dass Männer sich auch auf den Rücken anderer Männer festkrallen“, erklärt Andrea Onkes. Die Männchen nehmen während der Laichzeit so ziemlich alles, was einer Kröte auch nur ähnelt. Und wenn es sein muss, lassen sie sich eben auch von einem Mann zum Teich schleppen. Meist merken sie jedoch, dass sie sich im Geschlecht geirrt haben und lassen von ihrem "Fortbewegungsmittel" los.

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Männerüberschuss. Nicht selten krallen sich zwei oder mehr Männer an einem Weibchen fest. Foto: Anke Donner


Die Männer kommen zurück in den Wald


Um den Überschuss einigermaßen auszugleichen und den Weibchen das Leben etwas zu erleichtern, werden die Solo-Männchen schon vor dem Teich aussortiert und zurück in den Wald gebracht. „Das haben wir mit der Naturschutzbehörde so abgesprochen. Denn für die weiblichen Kröten ist der Weg ohnehin schon sehr anstrengend. Wenn sie dann auch noch mehrere Männchen gleichzeitig auf dem Rücken transportieren müssen, leiden sie sehr“, so Andrea Onkes. Manchmal sind die Weibchen nach der Wanderung und dem Laichen so erschöpft, dass sie sterben. "Die Männchen lassen den Weibchen einfach keine Ruhe. Sie lauern richtig auf ein weibliches Tier, um sich dann festzukrallen. Manchmal erwischen sie auch ein Weibchen, das schon gelaicht hat", so Andrea Onkes weiter. Bei den Damen haben sie dann allerdings keine Chance mehr. Die sind nämlich froh, dass sie ihre Pflicht erfüllt haben. Die Männer sehen das oft anders, merken aber rasch, wenn sie sich eine Dame gekrallt haben, die bereits gelaicht hat. "Woran sie das erkennen können, wissen wir auch nicht genau. Vermutlich riechen sie es"

Und so gibt es an der Sammelstelle verschiedene Eimer. In den einen Einen kommen die „Doppeldecker“, also die Paare, die zum Teich wollen. In einen weiteren Eimer kommen die Solo-Männchen - das sind die Junggesellen, die kein Weibchen abgekriegt haben. Für sie geht die Reise zurück in den Wald. In den dritten Eimer werden die Weibchen gesammelt, die bereits gelaicht haben, auch sie werden wieder im Wald ausgesetzt. In einem vierten Eimer werden die Lurche gesammelt. Auch für die kleinen Amphibien geht es in den Teich.

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Katharina interessiert sich für die Amphibien. Foto: Anke Donner)


Katharina forscht


Die kleinen, wie Echsen aussehenden Lurche haben es besonders Katharina Onkes angetan. Sie kann unterscheiden, welche Art von Lurch sich zwischen die Kröten gemischt hat und ob sie ein Männchen, oder Weibchen in den Händen hält. Die Zwölfjährige kennt sich mit Amphibien gut aus und untersucht die Lebensräume- und Gewohnheiten der Tiere. Während der Krötenwanderung misst und wiegt sie die Tiere und untersucht Art und Geschlecht. Berührungsängste mit den glitschigen Tieren kennt sie nicht. Mit ihrem Forschungsprojekt „Vorsicht Krötenwanderung“ hat die Schülerin sogar den regionalen Jugend forscht / Jugend experimentiert-Wettbewerb gewonnen (WolfenbüttelHeute.de berichtete). Katharinas Projektarbeit mit vielen Details über Amphibien finden Sie hier.

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Nach dem Laichen geht es zurück in den Wald. Foto: Anke Donner)


Alles auf Anfang


Andrea Onkes schätzt, dass die Wanderung noch bis Sonntag andauert. Dann sind fast alle Tiere am Laichort angekommen und haben ihre Eier abgelegt. Ohne Männchen machen sich die Weibchen dann auf den Rückweg zurück in den Wald. Ihren Nachwuchs lassen sie im Teich. Der wird nun heranwachsen und sich im Spätsommer auf die Reise auf die andere Seite der Straße machen. Dort werden sie bis zur Geschlechtsreife, die nach etwa vier Jahren einsetzt, verbleiben, um sich dann zum Laichen wieder auf den Weg zum Teich zu machen. "Das können wir leider nicht begleiten, weil es Unsummen von Jungtieren sind. Wir werden aber in den nächsten Tagen die Rückwanderung der Kröten unterstützen. Dann werden die Zäune auf der Teichseite heruntergelassen und die Eimer geöffnet. So fangen wir die Weibchen vor der Straße ab, die wieder in den Wald müssen", erklärt Andrea Onkes abschließend. Dann ist die Kröten-Sammel-Saison erstmal abgeschlossen - bis zum nächsten Jahr. Dann werden sich wieder unzählige Krötenweibchen auf die Wanderung begeben, ihre Männchen tragen, laichen und anschließend wieder in den Wald entschwinden...


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Tiere