40 Jahre Tschornobyl: So erinnern sich unterschiedliche Generationen daran

Das Reaktorunglück liegt 40 Jahre zurück. Das Bundesamt für Strahlenschutz legt Ergebnisse einer mehrteiligen Studie dazu vor.

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat eine großangelegte Studie zum Reaktorunglück von Tschornobyl durchgeführt.
Das Bundesamt für Strahlenschutz hat eine großangelegte Studie zum Reaktorunglück von Tschornobyl durchgeführt. | Foto: Alexander Panknin

Region. Rund 40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschornobyl (russ.: Tschernobyl) blicken die verschiedenen Generationen in Deutschland unterschiedlich auf die Ereignisse zurück. Ältere Menschen, die den Unfall vom 26. April 1986 bewusst erlebt haben, verbinden damit Gefühle der Unsicherheit und konkrete Alltagsängste, etwa vor kontaminierten Lebensmitteln, wie erste Ergebnisse einer mehrteiligen Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) mit Sitz in Salzgitter-Lebenstedt zeigen.



Ostdeutsche hatten zum Teil andere prägende Erlebnisse als Menschen im Westen, heißt es in der Pressemitteilung des BfS zu dem Thema weiter. Dabei spielte die jeweilige Informationsvermittlung von Behörden und Medien in der DDR und in der Bundesrepublik eine Rolle. Für die Jüngeren ist Tschornobyl ein Teil des kulturellen Gedächtnisses und vorwiegend aus Serien, Jugendromanen und Dokumentationen bekannt.

Menschen wünschen sich transparente Informationen – auch für den Eigenschutz


„Viele Menschen in Deutschland sehen den Reaktorunfall von Tschornobyl bis heute als Symbol für unsichtbare Gefahren von Strahlung und für Risiken der Kernenergie. Das belegt unsere Untersuchung“, sagt BfS-Präsidentin Inge Paulini. „Zugleich verdeutlicht sie, wie wichtig transparente Kommunikation ist. Die Menschen möchten frühestmöglich, klar und konkret wissen, was passiert ist und warum Behörden wie handeln. Sie möchten auch wissen, wie sie selbst im Ernstfall wirksam handeln können.“ Das Bedürfnis nach Informationen gebe es nicht erst in einer Krise, sondern es bestehe immer, etwa wenn Schutzmaßnahmen geplant würden.

„Heute ist Deutschland in vieler Hinsicht deutlich besser auf mögliche Unfälle in Kernkraftwerken im Ausland vorbereitet“, sagt die BfS-Präsidentin. Die Messnetze der Behörden seien leistungsfähiger und die Pläne für den Notfallschutz seien kontinuierlich verbessert worden. Der Staat könne aber vielfach noch klarer und besser verständlich darüber informieren.

Generationenübergreifende Untersuchung


Das BfS hatte für seine „Analyse kollektiver Erinnerung an Tschornobyl“ 2025 an vier Standorten in Deutschland (Nürnberg, Leipzig, Köln, Berlin) acht wissenschaftlich begleitete Gruppengespräche durchführen lassen. Darin waren Menschen aus drei Generationen vertreten: die heutige Großelterngeneration, dann Menschen, die damals Kinder und Jugendliche waren, sowie die junge Generation ohne eigene Erinnerung an den Reaktorunfall. Diese qualitative Forschungsarbeit kann zwar nicht als repräsentativ bezeichnet werden, die Ergebnisse lassen sich aber dennoch aufgrund der wissenschaftlichen Methodik verallgemeinern.

Verunsicherung über Risiken durch Lebensmittel


Für die beiden älteren Gruppen nimmt in den Erinnerungen der Umgang mit Lebensmitteln – etwa Pilzen, Beeren, Salaten, Milchprodukten – viel Raum ein. Berichtet wurde von großer Verunsicherung, was man essen durfte. Angst und Unsicherheit allgemein werden vielfach bis heute mit Tschornobyl verbunden. Jüngere Menschen, die das Thema aus Erzählungen und Medien kennen, sehen der Studie zufolge in dem Geschehen eher ein Symbol für technologische Risiken und die Notwendigkeit von Schutz.

Unterschiedlicher Zugang zu Informationen in Ost und West

In der damaligen DDR erlebten die Befragten der Studie zufolge eine restriktive Informationspolitik. Das Thema wurde klein gehalten, westliche Berichte als übertrieben und gar Panikmache dargestellt. Die Skepsis, welchen Angaben man trauen konnte, wird als groß erinnert.

Für Westdeutschland wird zwar von einer anfänglich breiten Medienberichterstattung erzählt. Aber belastbare Zahlen sowie Informationen zu Langzeitrisiken wurden den Angaben nach vermisst. Teilnehmende erinnern sich an beruhigende Botschaften aus der Politik mit dem Tenor „Bei uns kann das nicht passieren“. Das habe man aber nicht unbedingt geglaubt. Der folgende Aufstieg der Anti-Atom-Bewegung wird laut der Studie eher der Gesellschaft und weniger der Politik zugeordnet.

Hintergrund: Der Reaktorunfall in Tschornobyl


Am 26. April 1986 kam es in Block 4 des Kernkraftwerks Tschornobyl in der Sowjetunion (in der heutigen Ukraine) zu einem schweren Unfall. Dabei wurden erhebliche Mengen radioaktiver Substanzen freigesetzt, die aufgrund hoher Temperaturen des brennenden Reaktors in große Höhen gelangten. Mit Wind und Wetter verteilten sie sich über weite Teile Europas, darunter Deutschland.

Der Unfall ist bis heute das schwerste Unglück in der zivilen Nutzung der Kernenergie. Er markiert eine Zäsur für den nuklearen Notfallschutz, den Strahlenschutz und die Umweltpolitik.

Schon wenige Wochen nach dem Unfall wurde im damaligen Westdeutschland das Bundesumweltministerium gegründet. Drei Jahre später folgte das Bundesamt für Strahlenschutz. Maßnahmen des nuklearen Notfallschutzes wurden überprüft, zum Teil neu geschaffen und die Überwachung der Umwelt auf Radioaktivität systematisiert und deutlich ausgeweitet.

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