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Analphabetismus: Wenn Buchstaben einfach nicht zusammenpassen

Niedersachsenweit sind es 620.000 Menschen, die eine Lese-und Schreibschwäche haben.

von Anke Donner


Buchstabensalat: 620.000 Menschen in Niedersachsen können nicht richtig lesen und schreiben.
Buchstabensalat: 620.000 Menschen in Niedersachsen können nicht richtig lesen und schreiben. Foto: Anke Donner

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15.09.2020

Region. In Niedersachsen können laut des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur schätzungsweise rund 620.000 Menschen auch kürzere Texte nicht richtig lesen und schreiben. Sie gelten als funktionale Analphabeten. Das bedeutet, dass knapp acht Prozent der Bevölkerung in Niedersachsen, eine mehr oder weniger ausgeprägte Lese- und Rechtschreibschwäche haben. Bricht man diese Zahlen lokal herunter, zeigt sich, dass schätzungsweise allein in Braunschweig 15.000 Menschen davon betroffen sind.


Absolut verlässliche Zahlen gibt es aber nicht, erklärt Ute Koopmann vom regionalen Grundbildungszentrum Braunschweig und betont, dass es sich hierbei lediglich um heruntergerechnete Zahlen auf die Braunschweiger Einwohnerzahl handelt. "Mit den Zahlen muss man also äußert achtsam umgehen", sagt sie. Ebenso sorgsam müsse man mit dem Ausdruck und der Differenzierung von Analphabetismus umgehen. Denn leider, so Kopopmann, werde Analphabetismus immer gleich mit einer sehr ausgeprägten Lese-und Schreibschwäche gleichgesetzt. Doch die Zahl derer, die wirklich nur wenig oder gar nicht lesen und schreiben können, sei sehr gering. Daher unterteile man laut einer LEO-Studie in vier Alpha-Levels.

Die Alpha-Levels


Level 1 umfasst all jene, die nur einzelne Buchstaben erfassen können, Level 2 bedeutet, dass ein Mensch in der Lage ist, zwar einzelne Wörter
zu lesen oder zu schreiben, jedoch keine vollständigen Sätze. Beim Alpha-Level 3 sind können Menschen einzelne Sätze lesen und schreiben, jedoch keine zusammenhängende Texte. "Dieses Level kommt am häufigsten vor", sagt Ute Koopmann und betont, dass es auch diese Gruppe ist, die man für Kursangebote erreichen möchte. Denn viel eben dieser Gruppe fühlen sich bei dem doch eher stigmatisierendem Begriff Analphabetismus gar nicht angesprochen, da ihre Lese-und Schreibschwäche nicht so stark ausgeprägt ist und im privaten und beruflichen Alltag nicht so sehr ins Gewicht fällt. Verständlich irgendwie. Wer möchte schon als Analphabet bezeichnet werden, "nur" weil es schwer fällt, ganze Texte fehlerfrei zu verfassen. Denn auch das ist eine Art des Analphabetismus - die fehlerbehaftete Schreibweise in langen Texten. Die gar nicht so sehr auffällt und auch deshalb nur wenig Beachtung findet.

Level 4 beschreibt eine eine "auffällig fehlerhafte Rechtschreibung auch bei gebräuchlichem und einfachem
Wortschatz. Die Rechtschreibung, wie sie bis zum Ende der Grundschule unterrichtet werden sollte, wird nicht hinreichend beherrscht", heißt es in der Leo-Studie. "Es ist wichtig, dass man das auch so differenziert", sagt Ute Koopmann.

Zahlen sind beschämend für unser Bildungssystem

- Björn Försterling


Verlässliche Zahlen für die Region gibt es also nicht. Doch allein die Zahl im gesamten Niedersachsen sei alarmierend, sagt Björn Försterling, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Landtag Niedersachsen. Und umso unverständlicher regiert er auf die Ablehnung eines Antrags seiner Partei im Landtag. Die FDP hatte eine Deutschstunde pro Woche gefordert, um der wachsenden Lese-und Schreibschwäche entgegenzuwirken. "So hohe Zahlen sind beschämend für unser Bildungssystem. Lesen ist eine Grundkompetenz - wenn unsere Schulen diese nicht vermitteln können, läuft etwas schief. Angesichts der Wichtigkeit des Lesens und der vielen Analphabeten in Deutschland, erstaunt es uns noch immer sehr, dass der FDP-Antrag auf eine Stunde mehr Deutschunterricht und andere Maßnahmen zur Leseförderung abgelehnt wurde", sagt Försterling auf Nachfrage.

Man muss aber an dieser Stelle auch anmerken, dass die Landesregierung Maßnahmen ergreift und insbesondere in der Erwachsenenbildung
Förderprogramme installiert. So unterstützt die Landesregierung die Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit als wichtige bildungspolitische Aufgabe der niedersächsischen Erwachsenenbildung. Lesen und Schreiben seien wichtige Voraussetzungen für die eigene Selbstbestimmung und die individuelle Geschäftsfähigkeit, teilte das Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur mit. Durch das Niedersächsische Erwachsenenbildungsgesetz würden Maßnahmen für Alphabetisierung/Grundbildung mit rund 1,4 Millionen Euro jährlich gefördert. Die Landesregierung hat darüber hinaus Regionale Grundbildungszentren eingerichtet. An acht Standorten in Niedersachsen - darunter eines in Braunschweig - übernehmen sie eine Ansprechpartnerfunktion für die Betroffenen, entwickeln und erproben neue Bildungsansätze zur Bekämpfung des Analphabetismus, die die Lebenswirklichkeit der Betroffenen in besonderer Weise berücksichtigen.

Mehr zum Thema Analphabetismus und Kurs-Angebote gibt es unter www.rgz-nds.de.


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