Arbeiten bei 40 Grad: Wie sich Betriebe auf Hitzewellen einstellen

Fast jeder Dritte in Deutschland hatte zuletzt gesundheitliche Probleme durch Hitze, zeigt der aktuelle Hitzereport der Krankenkasse DAK. Handwerksbetriebe, Pflegeeinrichtungen, Industrie und Gastronomie in Niedersachsen stellen sich auf immer heißere Sommer ein. Doch was tun sie bereits und was fehlt noch?

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Symbolfoto. | Foto: Pixabay

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Region. Auf dem Dach brennt die Sonne schon am Vormittag, in der Restaurantküche staut sich neben der Außenhitze auch noch die Wärme von Herd und Fritteuse, im Pflegeheim werden die Vorhänge zugezogen, damit sich die Zimmer nicht weiter aufheizen. Drei Orte, ein Problem: Erst Ende Juni gab es in Niedersachsen einen historischen Hitzerekord, jetzt naht schon die nächste Welle. Doch was bedeutet das für den ganz normalen Arbeitsalltag – und wie gut sind Betriebe darauf vorbereitet?



Arbeitgeber müssen ihre Beschäftigten vor gesundheitlichen Gefahren schützen, dazu zählt inzwischen auch Hitze. Wird es am Arbeitsplatz zu warm, müssen Betriebe reagieren: mit besserem Sonnenschutz, kühleren Räumen, mehr Trinkpausen oder angepassten Arbeitszeiten. Ein pauschales Recht auf „Hitzefrei“ gibt es dabei zwar nicht, wohl aber die Pflicht, etwas zu unternehmen, sobald es gefährlich heiß wird.

Warum gute Ratschläge allein nicht mehr reichen


Für alle, die draußen arbeiten – auf dem Bau, auf dem Dach oder im Garten- und Landschaftsbau – klingt der Ratschlag meist ähnlich: viel trinken, sich eincremen, Pausen im Schatten machen. „Die Liste der Open-Air-Jobber in Braunschweig ist lang. Sie brauchen intensiven Schutz vor praller Sonne“, heißt es in einer Mitteilung der IG BAU Braunschweig-Goslar. Der Gewerkschaft ist dabei vor allem eines wichtig: dass Arbeitgeber ihren Beschäftigten passende Sommerausrüstung stellen, etwa luftdurchlässige Helme oder Sonnenbrillen – und das nicht nur auf dem Bau, sondern überall, wo draußen gearbeitet wird. Eine verbindliche Regelung, ab welcher Temperatur auf Baustellen gar nicht mehr gearbeitet werden darf, gibt es bislang allerdings nicht, Betriebe müssen selbst einschätzen, wann es zu gefährlich wird, und tragen damit auch die Verantwortung dafür.

So gehen Betriebe in der Region das Thema an


Im Handwerk haben einzelne Gewerke bereits eigene Lösungen entwickelt. Dachdecker und Gerüstbauer etwa bekommen einen Teil ihres Lohns weiterbezahlt, wenn wegen großer Hitze nicht gearbeitet werden kann, ähnlich wie beim Schlechtwettergeld im Winter, das Ausfälle durch Frost oder Schnee abfedert. Die Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen geht noch einen Schritt weiter und fordert flexiblere Arbeitszeiten an heißen Tagen. „Wenn Arbeiten bei großer Hitze früher beendet, zeitlich verlagert oder an anderen Tagen ausgeglichen werden können, profitieren Beschäftigte und Betriebe gleichermaßen“, heißt es in einer Stellungnahme von Kammerpräsident Delfino Roman. Pflegeeinrichtungen setzen dagegen vor allem auf Vorsorge. Viele Heime arbeiten inzwischen mit eigenen Hitzeschutzplänen, die genau festlegen, wer im Ernstfall wofür verantwortlich ist. Dazu gehören feste Trinkzeiten, konsequent verdunkelte und gekühlte Zimmer sowie der Verzicht auf anstrengende Aktivitäten während der heißesten Tagesstunden, zum Schutz von Bewohnerinnen, Bewohnern und Personal gleichermaßen.

In der Industrie ist Hitze vor allem ein technisches Problem: Maschinen laufen bei großer Wärme schlechter, Kühlanlagen fallen häufiger aus, und selbst die Qualität von Produkten kann darunter leiden. Viele Betriebe lassen ihre Kühl- und Klimatechnik deshalb inzwischen schon im Frühjahr überprüfen, statt erst im Sommer zu reagieren, wenn es dann schon zu spät ist. In der Gastronomie ist es vor allem die Küche, die zur Belastung wird – zwischen Herd, Fritteuse und Geschirrspüler heizt sich der Raum oft deutlich stärker auf als jeder andere Bereich im Betrieb. Kleinere Restaurants setzen deshalb auf einfache, kostengünstige Lösungen: kostenloses Wasser für die Beschäftigten, kurze Pausen an kühleren Orten und mobile Sonnensegel für den Außenbereich.

Wo es noch hakt


Besonders kleine Betriebe im Handwerk und in der Gastronomie haben oft weder das Geld noch das Personal, um in teure technische Lösungen wie zusätzliche Kühlsysteme zu investieren. Das Analyseinstitut Prognos hat im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums berechnet, dass allein ein einzelner Hitzetag mit mehr als 30 Grad die deutsche Wirtschaft rund 431 Millionen Euro kostet – vor allem, weil Beschäftigte in der Hitze langsamer arbeiten, nicht weil besonders viele krankheitsbedingt ausfallen. Vorschriften allein ändern daran wenig, solange die Umsetzung an fehlenden Ressourcen scheitert. Deshalb fordert die IG BAU auf Bundesebene schon seit Jahren ein ganzjähriges Klima-Kurzarbeitergeld nach demselben Prinzip, damit Beschäftigte bei hitzebedingtem Arbeitsausfall nicht auf ihr Einkommen verzichten müssen.

Umgesetzt ist die Forderung bislang nicht. Durch den menschengemachten Klimawandel gebe es im Sommer inzwischen langanhaltende Hitzephasen, aber auch Starkregen und schwere Stürme über das ganze Jahr verteilt – nicht mehr nur im Herbst, erklärte Carsten Burckhardt, Vize-Bundesvorsitzender der IG BAU, in einer Stellungnahme, über die die Nachrichtenagentur dpa berichtete. „Es ist unsere Pflicht, die Beschäftigten davor zu schützen“, sagte er. Wie viele Betriebe dieser Pflicht in den kommenden Sommern tatsächlich nachkommen, dürfte sich schon bei der nächsten Hitzewelle zeigen.

Hilfe für Betriebe und Beschäftigte


Pflegeeinrichtungen, Kitas und Gesundheitsämter in Niedersachsen können sich beim Deutschen Wetterdienst kostenlos für Hitzewarnungen per E-Mail anmelden – der Hitzewarndienst informiert automatisch, sobald gefährliche Temperaturen drohen. Für die praktische Umsetzung stellt das Niedersächsische Landesgesundheitsamt einen Muster-Hitzeaktionsplan bereit, den Pflegeeinrichtungen für den eigenen Betrieb anpassen können. Auch andere Branchen finden Unterstützung: Handwerkskammern und Berufsgenossenschaften beraten Betriebe bei der Gefährdungsbeurteilung für Hitze am Arbeitsplatz, kostenlos auch für kleinere Unternehmen. Wer sich bei der Arbeit durch Hitze überfordert fühlt, sollte das offen gegenüber dem Arbeitgeber ansprechen – Betriebe sind verpflichtet, auf solche Hinweise zu reagieren.