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Ausgehungerte Tauben - Stadt verteidigt "rigides Vorgehen"



Braunschweig

Ausgehungerte Tauben - Stadt verteidigt "rigides Vorgehen"

Einen endgültigen Zeitplan für die Errichtung von Taubenschlägen gibt es noch immer nicht.

von Marvin König


(Symbolbild)
(Symbolbild) Foto: Pixabay

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Braunschweig. Mit der Corona-Pandemie ist die Welt der Stadttauben ins Straucheln geraten. Bis heute erreichen unsere Redaktion zahlreiche Meldungen von hungernden Tauben. Fütterungen sind jedoch verboten - die Stadt Braunschweig hat eine Ausnahmegenehmigung für die Fütterung an den Verein Stadttiere Braunschweig e.V. für die Fütterung erteilt, der die Kosten dafür kaum stemmen kann. Die Stadt Braunschweig verspricht seit über einem Jahr "zeitnah" Taubenschläge. Ein Zeithorizont wird jedoch auch auf eine aktuelle Anfrage von regionalHeute.de nicht genannt.



Ein Leser wandte sich an uns mit der Frage, weshalb er vom Ordnungsamt für das Füttern von Tauben bestraft wird. Aussage des Ordnungsamtes sei gewesen, dass der Verein Stadttiere Braunschweig unter der Vorsitzenden Beate Gries füttert. Alle Tiere seien versorgt. Dass das nicht stimmt, erklärt Gries selbst in einer Antwort gegenüber regionalHeute.de. Etwa 75 Prozent der Tauben werden erreicht: "Wir verfüttern an den genehmigten Futterstellen monatlich 1,8 Tonnen Brieftaubenfutter. Morgens zwischen 7:30 und 9 Uhr je nach Helligkeit. Alles streng nach einem Dienstplan organisiert", so Gries.

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Ehrenamtlich, aber nicht kostenlos


Die positiven Effekte seien offensichtlich: "Die Tiere sind an die Fütterungszeiten gewöhnt und warten. Nach 15 bis 20 Minuten sind die dann gesättigten Tiere für den Rest des Tages nicht mehr im öffentlichen Raum sichtbar. Das wird inzwischen als positiver Effekt auch von Kritikern wahrgenommen." Seit Beginn der Fütterungen im März 2020 sei kein Tag ausgefallen. Auch nicht im Extremwinter, wo man die Futterstellen erst habe freischaufeln müssen. All das geschieht ehrenamtlich - aber nicht kostenlos: "Die Kosten für Futter und Lagermiete belaufen sich auf mehr als 1.200 Euro jeden Monat. Das ist für unseren kleinen Verein eine große Herausforderung. Daher sind wir dankbar, dass es tierfreundliche Braunschweigerinnen und Braunschweiger gibt, die uns regelmäßig finanziell unterstützen."

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Wozu das Fütterungsverbot?



Wenn 75 Prozent aller Tauben in der Stadt erreicht werden und es nach eigenen Zählungen des Vereins Stadttiere Braunschweig bis zu 2.000 Tauben in der Innenstadt gibt, bedeutet das Hunger für hunderte Tiere. Nur mit Mühe sei es dem Verein gelungen, die Verwaltung überhaupt von einer Fütterung zu überzeugen. Beate Gries: "Unsere Haltung ist, dass aus Tierschutzsicht ein Vorenthalten von Nahrung nicht als Regulativ zur Populationskontrolle eingesetzt werden darf. Darum haben wir in Braunschweig dafür gekämpft und sind nun gemeinsam mit der Verwaltung dabei, mit einem neuen Gesamtkonzept einen guten Weg zu gehen." Doch wieso musste ein Verein dafür kämpfen, dass in Braunschweig keine Tiere verhungern, für die der Mensch historisch verantwortlich ist? Wie Gries im Jahr 2018 anmerkte, tauge das Aushungern nicht mal zur Populationskontrolle: "Die Stadttauben als Nachfahren der vom Menschen genutzten Tauben wurden so gezüchtet, dass sie ganzjährig brüten. Wenn sie längere Zeit hungern, brüten sie sogar noch mehr."

Die Stadt Braunschweig behauptet das Gegenteil: "So ridige ist das Vorgehen der Stadtverwaltung nicht. Richtig ist, dass es ein Taubenfütterungsverbot gibt, das zur Regulierung und Steuerung der Taubenpopulation in den vergangenen Jahren beigetragen hat und weiter beiträgt. Eine zu dichte Taubenpopulation ist mit erheblichen Leiden und Schäden für das einzelne Tier verbunden. Daher trägt das Fütterungsverbot auch dem Gedanken des Tierschutzes Rechnung."

Ewigkeitsprojekt Taubenschläge


Die Stadt hebt lobend hervor, dass die Futterstellen auch eine Steuerungswirkung gezeigt hätten, dass die Einführung eines Stadttaubenmanagements erleichtere. Ein Modelltaubenschlag, in dem Fütterung und Populationskontrolle zusammengeführt werden sollen, ist bereits seit Mai 2019 an der Salzdahlumer Straße in Betrieb und gilt als voller Erfolg. Die Kotmenge durch Stadttauben habe sich erheblich reduzieren lassen. Die Populationskontrolle in den Taubenschlägen erfolgt durch einen Austausch der Taubeneier durch Gipsattrappen. Im November 2020 sagte die Stadt Braunschweig dann zu, "zeitnah" drei bis vier weitere Taubenschläge bauen zu wollen und die Notfütterungen dann auslaufen zu lassen: "Nichts Vergleichbares ist in den letzten 50 Jahren für die bestehende Problematik auf den Weg gebracht worden", zeigt sich Gries begeistert und hofft noch im Jahr 2021 auf die ersten weiteren Schläge.

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Neue Standorte erst im dritten Quartal 2022?


Diese Hoffnung spiegelt sich jedoch nicht in der Antwort der Stadt Braunschweig nach einem konkreten Zeitplan wider. Allein die Standortsuche sei eine Herausforderung: "Leider stehen in den benötigten Bereichen nur selten geeignete Objekte oder Flächen in städtischem Besitz zur Verfügung, sodass hierzu mitunter recht zeitintensive Kontaktaufnahmen und Abstimmungen mit den Eigentümerinnen und Eigentümern innerstädtischer Gewerbeobjekte erforderlich werden." Aktuell gebe es solche Abstimmungen mit der privaten Betreibergesellschaft eines Parkhauses im Umfeld der Bruchstraße, da sich in einem Abrisshaus etliche Tauben niedergelassen hätten, die dort nicht bleiben könnten. "Ein Lösungsansatz hierfür ist ein Containerschlag in Analogie zur Ausführung des Mustertaubenschlages auf einem Flachdach. Ziel ist eine zeitnahe Realisierung, sobald die Rahmenbedingungen der Standortbereitstellung geklärt werden konnten", so die Stadt. Das ist jedoch nur einer von bis zu vier "zeitnah" angekündigten Schlägen - was ist mit dem Rest? "Ergänzend werden in enger Abstimmung mit Stadttiere e.V. weitere Standorte ausgewählt und deren Ausbau geplant. Die Umsetzung wird für das dritte Quartal 2022 geplant, da zu Jahresbeginn ein neuer Fördermitteltopf in Aussicht gestellt ist. Die Stadt Braunschweig plant für alle Standorte Fördermittel zu beantragen und der Projektstart darf erst nach Fördermittelzusage erfolgen", so die Stadt weiter. Erstmals zur Sprache kamen tierschutzgerechte Lösungen für die Tauben übrigens im Jahr 2017 - dass vier Taubenschläge ausreichen, ist ebenfalls fraglich. Nach Angaben etlicher Tierschutzvereine haben Stadttauben nur einen Aktionsradius von 200 Metern. Nur deshalb funktionieren Taubenschläge überhaupt.

Wer trägt die Kosten?


Auf die Frage, ob und wie sich die Stadt Braunschweig an der finanziell und personell aufwändigen, ehrenamtlichen Notfütterung der Taubenpopulation beteiligt, verweist die Stadt lediglich auf die Fördermittel für den Modelltaubenschlag: "Hierfür wurden bisher Projektförderungsmittel in Höhe von 10.000 Euro gewährt, ein Antrag über weitere 11.500 Euro wird den zuständigen Ratsgremien in der nächsten Sitzung zur Entscheidung vorgelegt. Parallel sind derzeit noch Anträge auf weitere institutionelle Förderung in Höhe in der Prüfung. Die tatsächlichen Fördersummen wird abhängig von dem Fortschritt bei der Umsetzung des Gesamtkonzepts zum Stadttaubenmanagement sein."

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Wildfüttern ist auch keine Lösung


Bis es so weit ist, geht die monatlich 1.200 Euro teure Hängepartie für die Tierschützer also weiter. Zufüttern von privater Seite sei jedoch auch keine Lösung, wie Gries auf Anfrage erklärt: "Wir möchten nicht falsch verstanden werden, aber einige Wildfütterer boykottieren regelrecht die Futterstellen und werfen einfach alle paar Meter eine Handvoll Weizen auf den Boden und locken die Tauben bewusst zu sich. Das ist nicht wirklich hilfreich für die Tiere." Die Tierschützerin holt aus: "Diese Menschen meinen es sicher gut, aber ihnen ist nicht klar, unter welchen Bedingungen die einstigen Haustiere leben müssen, weil wir Menschen sie genetisch verändert haben. Sie leben in einem unvorstellbaren Elend, solange wir keine Taubenschläge haben, in denen regelmäßig gereinigt werden kann. Wir als Verein sehen das Elend, wenn wir Nester auf Baustellen räumen: Kein Lebewesen sollte auf seinen toten Geschwistern aufwachsen müssen. Das ist der hauptsächliche Grund für die hohe Sterblichkeit bei Stadttauben." Auch das für Tauben tödliche Paramyxovirose-Virus sei kürzlich am Friedrich-Wilhelm-Platz/Bruchstraße wieder ausgebrochen. "Diese Futterstelle konnten wir wegen der Wildfütterung nicht mehr bedienen. Damit war es auch nicht möglich, Vitamine und Minerale für die Verbesserung der Immunabwehr der Tiere unter das Futter zu mischen. Jungtiere aller Gattungen haben es immer schwer dem Überlebenskampf zu trotzen. Die Stadttauben sind da keine Ausnahme. Das müssen auch wir als Tierschützer zur Kenntnis nehmen", so Gries abschließend.

Der Verein suche dringend ehrenamtliches Personal, das mit "Mitgefühl, starkem Verantwortungsbewusstsein und Ausdauer unterstützt, die Tauben zu versorgen. Interessierte können sich über die Website an die Stadttiere Braunschweig wenden.


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