Braunschweig. Eine Erkrankung hatte Pohlmann ausgebremst und seine Tourpläne durchkreuzt. Am Freitagabend erzählte der Singer-Songwriter im KufA Haus Braunschweig, wie er durch seine eigenen Lieder wieder Mut fasste. Dabei ging es auch um einen Bauernhof im Wendland, eine Mücke und die Widersprüche des Lebens.
„20 Jahre lang große Schnauze, jetzt kommt’s drauf an.“ Der Satz fällt am Freitagabend im KufA Haus zwischen zwei Liedern. Ingo Pohlmann erzählt gerade von einer Zeit, in der ihm wenig Grund zum Lachen geblieben war. Seine Hand hatte nicht mehr richtig funktioniert, die geplante Tour musste verschoben werden. Irgendwann war er, wie er selbst sagt, am Boden zerstört. Und ausgerechnet seine eigenen Songs sollten ihm schließlich dabei helfen, wieder herauszufinden.
Ein Bandscheibenvorfall im Bereich der Halswirbelsäule hatte den Musiker ausgebremst. Ein Arzt habe ihm erklärt, dass es ein bis zwei Jahre dauern könne, bis er seine Hand wieder richtig zur Faust machen könne. Für jemanden, dessen Leben sich seit Jahrzehnten um die Musik dreht, eine schwer zu verdauende Nachricht. Pohlmann erzählt, wie er begann, seine eigenen Lieder noch einmal zu hören. All die Gedanken, die er darin über schwierige Zeiten, Zuversicht und das Weitermachen verarbeitet hatte, musste er nun plötzlich auf sein eigenes Leben übertragen. Leichter gesagt als getan. Aber irgendwann habe er begonnen, sich wieder aufzurichten. Rund ein Jahr später steht er nun mit seinen Musikern in Braunschweig auf der Bühne. Als er „Wenn es scheint, dass nichts gelingt“ ankündigt, bekommt der Song vor dem Hintergrund seiner Geschichte eine ganz persönliche Bedeutung.
Ein Supportmusiker, der einfach bleibt
Dass der Abend nicht allein Pohlmann gehört, zeigt sich bereits vor dessen Auftritt. Jonathan Kluth eröffnet das Konzert mit eigenen Songs und begrüßt die Braunschweiger mit großer Freude darüber, dabei sein zu dürfen.
Wie es dazu kam, erzählt er gleich selbst: Ingo habe ihn vor einiger Zeit angerufen und gefragt, ob er Lust habe, mit auf Tour zu fahren und Gitarre zu spielen. Kluth war gerade damit beschäftigt, neue Lieder aufzunehmen. Nach längerer Zeit möchte er wieder ein eigenes Album veröffentlichen. Aus der Anfrage wurde eine gemeinsame Tour, die sich für ihn inzwischen ein wenig wie eine Klassenfahrt anfühlt. „Das sind so tolle Leute dabei. Es macht einfach Riesenspaß. Ich bin sehr dankbar“, sagt er.
Neben „Sleeping with Eyes Wide Open“, für ihn eine Art persönlicher Weckruf, stellt Kluth auch neue Musik vor. Und er spricht ein Problem an, das viele Musiker kennen: Über Instagram und andere soziale Netzwerke erreiche man längst nicht mehr zuverlässig diejenigen, die sich für die eigene Musik interessieren. Deshalb wirbt er für seinen E-Mail-Verteiler, in den sich Besucher am Eingang eintragen können.
Zum Abschluss bedankt er sich nicht nur bei Pohlmann, sondern ausdrücklich auch beim Technikteam. Dann ist seine Arbeit allerdings keineswegs beendet. Als Pohlmann auf die Bühne kommt, steht Kluth erneut dort – jetzt als Gitarrist in dessen Quartett.
Wie eine Mücke zum Teil eines Liedes wurde
Pohlmann hat an diesem Abend einiges zu erzählen. Dass dabei nicht jede Geschichte mit einer schweren Lebenskrise zu tun haben muss, beweist er mit einer Erinnerung an einen Aufenthalt auf einem Bauernhof im Wendland. Dort wollte er einst neue Lieder schreiben. Einen Tag lang saß er daran, dann noch einen. Doch was dabei herauskam, gefiel ihm überhaupt nicht. Er sei schließlich regelrecht verzweifelt.
Bis plötzlich doch ein Song entstand, mit dem er zufrieden war. Endlich wieder dieses Gefühl, etwas Gutes geschrieben zu haben. Gleich darauf folgte ein weiteres Lied mit dem bezeichnenden Titel „Geplatzter Knoten“. Am Abend war Pohlmann so glücklich über den Durchbruch, dass er sich eine Flasche Rotwein öffnete und ans Fenster setzte. Vor dem Bauernhof lag ein Wald. Dann kam eine Mücke. Das Tier landete auf seiner Hand und begann zu saugen. An einem anderen Tag hätte die Begegnung wahrscheinlich ein schnelles Ende genommen. Aber Pohlmann war derart guter Laune, dass er die Mücke einfach gewähren ließ.
„Nimm dir deinen Teil.“
So glücklich sei er lange nicht gewesen. Nicht einmal die Mücke konnte ihm in diesem Moment die Laune verderben. Den Satz schrieb er sich auf. Später fand die kleine Begebenheit ihren Weg in „Lebensgefühl“. Es ist eine jener Geschichten, bei denen Pohlmann mit wenigen alltäglichen Details mehr über die Entstehung eines Liedes erzählt, als es eine ausführliche Erklärung je könnte. Und im KufA Haus erweist sich das Erzählen ohnehin als fester Bestandteil seines Konzerts.
Niemand ist so konsequent, wie er gerne wäre
Zwischen den Songs wird es auch gesellschaftlich und politisch. Besonders ausführlich spricht Pohlmann über persönliche Verantwortung und die Widersprüche, in die Menschen zwangsläufig geraten, wenn sie versuchen, ihr Leben bewusster zu gestalten.
Er berichtet von seinen eigenen Erfahrungen in der Fleischindustrie. Obwohl er dort das Leid der Tiere gesehen habe, habe er selbst noch lange Fleisch gegessen. Erst später begann er, sein Verhalten zu hinterfragen.
Doch mit jeder Veränderung kamen neue Fragen. Wer auf etwas verzichtet, erwartet irgendwann vielleicht auch von anderen, dass sie ihr Verhalten ändern. Gleichzeitig muss er sich fragen lassen, wie konsequent er eigentlich selbst lebt. Pohlmann macht daraus keinen Hehl. Schließlich reise auch er mit einem Tourbus Tausende Kilometer durch Deutschland, um seiner Arbeit nachzugehen.

Die Nähe zwischen Musikern und Zuschauern und das Zusammenspiel des Quartetts schafften eine unmittelbare Clubatmosphäre. Foto: @fotobully
„Niemand kann so konsequent sein, wie er gerne wäre für diesen Planeten.“ Anderen deshalb ständig Vorwürfe zu machen, erscheint ihm wenig sinnvoll. Vielmehr gehe es darum, die eigenen Widersprüche zu erkennen. Als jemanden, der ihn bei diesen Gedanken beeinflusst habe, nennt er den Kabarettisten Hagen Rether. Aus solchen Überlegungen entstand der Song „Glashaus“. Pohlmann spricht über Gewohnheiten, die Sicherheit geben, aber Veränderungen verhindern können. Über das Wissen, eigentlich etwas ändern zu müssen, und die Schwierigkeit, es tatsächlich zu tun. „Wir sitzen da in unseren Gewohnheiten und das ist unser Glashaus und das müssen wir einreißen.“
Dann folgt die Musik. Was zuvor noch ein langer Gedankengang über Verantwortung, Verzicht und persönliche Widersprüche war, bekommt mit „Glashaus“ seinen musikalischen Ausdruck. Im KufA Haus begleitet das Publikum den gesamten Auftritt begeistert. Das warme und immer wieder blau durchbrochene Bühnenlicht, die Nähe zwischen Musikern und Zuschauern und das Zusammenspiel des Quartetts schaffen eine unmittelbare Clubatmosphäre. Die ausführlichen Geschichten zwischen den Liedern gehören ebenso zu diesem Abend wie die Musik selbst.
Und während Pohlmann mit seinen Musikern auf der Bühne steht, bekommt seine Erzählung vom Anfang noch einmal ein anderes Gewicht. Vor rund einem Jahr wusste er nach eigener Schilderung nicht, wann seine Hand wieder richtig funktionieren würde. Jetzt ist er zurück auf Tour, hat Jonathan Kluth an seiner Seite und ein Publikum vor sich, das ihn den ganzen Abend begeistert begleitet.


