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Landkreis Helmstedt stoppt Erstimpfungen: Droht ein neues Impfchaos?



Erster Kreis stoppt Erstimpfungen: Droht ein neues Impfchaos?

Als erster Landkreis der Region stoppt Helmstedt die Erstimpfungen in seinem Impfzentrum bis in den Juli hinein. Als Grund hierfür gibt der Landkreis fehlenden Impfstoff an. Der soll nämlich vornehmlich an die Hausärzte gehen - aber auch die sind nicht begeistert von der Situation. Nun droht auch in anderen Landkreisen ein Impfchaos.

von Niklas Eppert


Symbolbild
Symbolbild Foto: Rudolf Karliczek

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Region. Wer einen Termin zur Erstimpfung im Impfzentrum des Landkreises Helmstedt buchen will, der landet aktuell auf einer Infoseite, in der der Kreis angibt, bis in den Juli keine Termine mehr zu vergeben. Grund hierfür sei die nach wie vor nicht ausreichende Menge an Impfstoff. Ein altes Problem, das jetzt wieder verschärft würde, weil der Bund die Impfungen bei Hausärzten forciere. Die Impfzentren blieben dabei auf der Strecke, meint der Helmstedter Landrat Gerhard Radeck. Auch in anderen Kreisen und Kommunen ist man wenig begeistert von den Plänen des Bundes. Auf die Hausärzte rolle nun eine Welle von impfwilligen Patienten zu, die kaum zu handeln sei. regionalHeute.de hat nachgefragt.



Gerhard Radeck (CDU), Landrat des Kreises Helmstedt, hält die neue Regelung des Bundes für "unglücklich". Der will nämlich die Hausärzte die Hauptlast der Impfkampagne tragen lassen. Die Impfzentren sollen nur noch eine Grundlast abdecken, trotz einer Kapazität von etwa 400 Impfungen täglich, allein in Helmstedt. Die, so Radek, könnte aber auch auf bis zu 1.000 Impfungen täglich hochgefahren werden. Bei etwa 90.000 Einwohnern im Kreisgebiet. Und doch muss der Landkreis seine Erstimpfungen einstellen, mangels Impfstoff. "Reine Ressourcenverschwendung", findet Radek. Nur zusätzlicher Impfstoff könnte die Situation verbessern, glaubt der Landkreis. Der sei jedoch erst einmal nicht in Sicht: Curevacs Vakzin soll erst Ende Juni zugelassen werden, das britisch-französische Novavax erst im dritten Quartal. Gleichzeitig verlängert die EU ihre Verträge mit AstraZeneca nicht. Die Landkreise könnten zudem auch erst ab dieser Woche mit neuen Lieferungen der aktuell zugelassenen Impfstoffe planen. Für eine Auslastung der Kapazitäten reichten die jedoch nicht.

Dabei ist der Landkreis Helmstedt nicht die einzige Körperschaft der Region, der die Regelung sauer aufstößt. Wie etwa der Landkreis Peine auf Anfrage von regionalHeute.de mitteilte, sehe man dort die Verschiebung der Impflast kritisch. Die sorgsam aufgebauten Kapazitäten der Zentren könnten durch die veränderte Verteilung der Vakzine nicht mehr genutzt werden. Zeitgleich stiege die Belastung der Hausärzte. Gerade im ländlichen Bereich seien die aber ohnehin überlastet. Nun müssten sie auch noch den Ansturm der Impfwilligen aushalten.

Die Wartelisten sind voll


Dabei sind die Wartelisten voll. Allein in Braunschweig sind nach Aussage des ersten Stadtrats Dr. Thorsten Kornblum rund 21.000 Menschen auf der Warteliste, in Goslar, bei deutlich weniger Einwohnern, zirka 12.000, auch in Helmstedt sind es noch über 8.000. Dass nun die Impfpriorisierung aufgehoben werden soll, dürfte hier nicht helfen. Hinzukommt, dass die Landkreise und die Arztpraxen kaum Datenaustausch betreiben. In den meisten Kreisen und Städten helfen die niedergelassenen Ärzte zwar stundenweise in den Impfzentren, ein Datenaustausch findet trotzdem nicht statt. Dazu übernimmt der Bund die Belieferung der Arztpraxen mit Impfstoff, für die Impfzentren dagegen ist das Land zuständig.

Der Helmstedter Landrat Gerhard Radeck hält die neuen Impfvorgaben des Bundes für
Der Helmstedter Landrat Gerhard Radeck hält die neuen Impfvorgaben des Bundes für "Ressourcenverschwendung". Im Impfzentrum Helmstedt könnten deswegen bis in den Juli keine Erstimpfungen mehr vorgenommen werden. Foto: Alexander Dontscheff


Es kommt zu Überschneidungen der Wartelisten, geimpfte Patienten sagen ihren Termin beim jeweils anderen nicht ab. Wenn ein Termin also kurzfristig ausfalle, sei es umso schwerer ihn nachzubesetzen. Das führe im Endeffekt zu mehr Arbeit für die Helfer in den Zentren und die Mitarbeiter der Praxen. Für Braunschweigs Oberbürgermeister Ulrich Markurth weckt die Aufhebung der Impfpriorisierung falsche Hoffnungen. Jetzt jeden fürs Impfen freizugeben sei falsch, immerhin sei die Impfstoffknappheit noch lange nicht gelöst. Im Gegenteil. Mit der Aufhebung der Impfpriorisierung steigert man die Nachfrage, bei gleichbleibendem Angebot.



Falsche Erwartungen führen zu Enttäschungen


Dr. Carsten Gieseking, Vorsitzender der Landesgruppe Braunschweig des Hausärzteverbandes, schlägt in eine ähnliche Kerbe wie Markurth. Er wird nur deutlicher: "Dass jeder sich jetzt impfen lassen kann, ist eine Schwachsinnsaussage, solange nicht ausreichend Impfstoff vorhanden ist. Das müsste sogar Herr Spahn wissen", sagt der niedergelassene Arzt im Interview mit regionalHeute.de. Die Arztpraxen seien schon jetzt an der Belastungsgrenze. Doppelstrukturen und Bürokratie führten zu Belastungen, die die Arzthelferinnen kaum leisten könnten. "Wir können nicht einfach 20 Patienten einladen und durchimpfen", erklärt Gieseking, "Allein mit der 15-minütigen Wartezeit sind wir zusätzlich belastet. Wir können durch die Coronaregeln nur ein oder zwei Patienten ins Wartezimmer setzen." Die Impfungen großer Gruppen sei dadurch in durchschnittlichen Arztpraxen kaum möglich. Natürlich seien derlei Regeln in der pandemischen Lage sinnvoll, glaubt Gieseking. Zusätzliche Arbeit verursachten sie trotzdem. Das müsse in die Rechnung einbezogen werden.

"Dass jeder sich jetzt impfen lassen kann, ist eine Schwachsinnsaussage, solange nicht ausreichend Impfstoff vorhanden ist. Das müsste sogar Herr Spahn wissen."

- Dr. Carsten Gieseking, Vorsitzender der Landesgruppe Braunschweig des Hausärzteverbandes


Die Belastungen für die Angestellten der Praxen sei dadurch enorm. Sie müssten den Patienten hinterhertelefonieren, um Termine kurzfristig neu zu besetzen, gleichzeitig liefen die Telefone heiß, weil die immer breiteren Gruppen mit Impferlaubnis täglich zu Dutzenden anriefen, um nach einem Termin zu fragen. Die Arztpraxen müssten also selbst ihre Patienten priorisieren. In der Aufhebung der Impfpriorisierung werde das jedoch nicht deutlich. Die Erwartungen der Impfwilligen würden enttäuscht. Das müssten am Ende die Arztpraxen ausbaden. Dafür nimmt Gieseking aber auch sich und seine Kollegen in die Kritik: "Wir haben großmündig gesagt, dass wir ja auch jedes Jahr die Grippeimpfung mit 20 Millionen Impfungen schaffen. Es hat sich aber gezeigt, dass die Situation überhaupt nicht vergleichbar ist."

Die hausärztliche Grundversorgung leidet


Dabei habe unter der zusätzlichen Belastung auch die hausärztliche Grundversorgung zu leiden. In einem Fall bei einem Kollegen, den Gieseking schildert, habe eine ältere Dame den ganzen Tag versucht die Praxis zu erreichen. Sie habe Atem- und Kreislaufprobleme gehabt. In der Regel ein Fall, den sich ein Arzt schnellstmöglich ansehen sollte. "Auf die Frage, warum sie nicht früher angerufen hat", erzählt Gieseking, "sagte sie, dass kein Durchkommen war. Die Leitungen waren den ganzen Tag besetzt."

Ein Problem, das auch die Kreise sehen. So beschreibt der Landkreis Peine, dass die schon länger bestehenden Probleme bei der hausärztlichen Versorgung ländlicher Gebiete nun deutlich zum Vorschein treten. Wer geimpft werden will, melde sich nun beim Hausarzt, bestätigt auch Gieseking. Und das, obwohl die Impfzentren bereitstünden. Das bestätigen alle angefragten Städte und Kreise unserer Region. Die Kapazitäten, von hunderten oder in größeren Städten tausenden Impfungen pro Tag blieben auf der Strecke. Die Hausärzte dagegen erlebten einen Ansturm, dem sie kaum standhalten könnten. Am Ende stünden Überforderung, Frustration und eine nun wieder ineffektive Impfkampagne.


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