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Corona-Demo in Berlin: Pflegekammer und Politiker geschockt von "Rücksichtslosigkeit"

"Dass 2020 Fotos um die Welt gehen mit schwarz-weiß-roten Flaggen, die auf den Stufen des Parlaments geschwenkt werden, ist unverzeihlich", meint der Wolfenbütteler Bundestagsabgeordnete Victor Perli.

von Marvin König


(Symbolbild)
(Symbolbild) Foto: Bernd Dukiewitz / Alexander Panknin

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01.09.2020

Region. Zehntausende haben am Wochenende in Berlin gegen die Corona-Politik der Bundesregierung und die geltenden Schutzmaßnahmen demonstriert. Mindestabstände und Maskenpflicht seien von den Teilnehmenden mehrheitlich nicht eingehalten worden. Die Pflegekammer Niedersachsen zeigt sich in einer Pressemitteilung erschüttert. Auch lokale Politiker verurteilen die Demonstration und den "Sturm auf den Reichstag."


„Ich bekomme angesichts solchen rücksichtslosen Verhaltens vom vielen Kopfschütteln schon ein Schleudertrauma“, sagt Nadya Klarmann, Präsidentin der Pflegekammer Niedersachsen am Montag in Hannover. Eine Demokratie müsse unterschiedliche Meinungen aushalten. „Der bewusste Verstoß gegen geltende Corona-Schutzmaßnahmen gefährdet aber nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die der Mitmenschen“, so die Kammerpräsidentin.

"COVID-19 ist keine Erfindung von finsteren Mächten"


„Die vielen an COVID-19 erkrankten und verstorbenen Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen sind Realität und keine Erfindung von finsteren Mächten. Was in Berlin passiert ist, ist ein Angriff auf das Bemühen von hunderttausenden Pflegefachpersonen und anderen im medizinischen Umfeld Beschäftigten, die Auswirkungen der Corona-Pandemie klein zu halten“, kritisiert die Kammerpräsidentin die Demonstrierenden, die sich nicht an die geltenden Regeln gehalten haben.

Schutzausrüstung auch für Pflegende belastend


Die Pflegekammer Niedersachsen weist darauf hin, dass auch für Beschäftigte im Gesundheitswesen das Tragen von persönlicher Schutzausrüstung eine große Belastung darstellt. Stundenlanges Tragen von Atemschutzmasken beeinträchtigt die Atmung. Schutzkleidung ist kaum atmungsaktiv und kann zu Wärmestau und Dehydrierung führen, da auch Trinkpausen kaum möglich sind. Grenzwertig lange Arbeitszeiten und die Aussetzung geltender Arbeitszeitschutzgesetze führen zu zusätzlicher Belastung. „Diese und andere Einschränkungen nehmen die Beschäftigten im Gesundheitssektor jeden Tag auf sich, um Erkrankte zu versorgen und die weitere Ausbreitung des Virus in Pflegeheimen und Krankenhäusern zu verhindern“, sagt Klarmann.

Unterschiedliche Meinungen zu Corona müssten erlaubt sein und seien wichtig für ein demokratisches Miteinander. „Die bewusste Gefährdung anderer Menschen, kombiniert mit wirren Verschwörungstheorien und antidemokratischem Verhalten gefährden aber die Grundfesten unseres demokratischen Systems und sind so nicht zu tolerieren“, bringt Klarmann ihre Ablehnung deutlich zum Ausdruck.

"Das ist unverzeihlich"


Auch lokale Politiker äußerten sich angesichts der Ereignisse in Berlin vom Wochenende entsetzt. Im Fokus stand dabei auch die Aktion im Verlaufe der Demonstration, bei der eine Gruppe Personen die Absperrgitter am Reichstag überwunden hatte und beabsichtigte, in das Gebäude einzudringen.


Der Linken-Bundestagsabgeordnete Victor Perli Foto: Alexander Dontscheff



"Tagelang wurde zum 'Sturm auf Berlin' aufgerufen - kein Wunder, dass Nazis und Quartalsirre versuchen, das Reichstagsgebäude zu stürmen", meint der Wolfenbütteler Bundestagsabgeordnete Victor Perli (Die Linke) im Kurznachrichtendienst Twitter und fügt hinzu: "Dass 2020 Fotos um die Welt gehen mit schwarz-weiß-roten Flaggen, die auf den Stufen des Parlaments geschwenkt werden, ist unverzeihlich."

"Wie ignorant muss man sein"


Der ehemalige Goslarer SPD-Bundestagsabgeordnete Sigmar Gabriel schrieb auf seinem Twitter-Profil: "Wie ignorant muss man sein, um mit Rechtsradikalen eine Coronademo zu machen? Dabei war der Sturm auf den Reichstag nach mehr als 200 ermordeten Opfern rechter Terroristen nur die Spitze des Eisbergs. Wann zeigt der Rechtsstaat endlich Zähne wie gegen die "linke" RAF der Siebziger?"


Der Peiner SPD-Bundestagsabgeordnete Hubertus Heil. Foto: Thorsten Raedlein



Der Peiner Bundestagsabgeordnete und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) postet ein Foto des zerstörten Reichstagsgebäudes am Ende des Zweiten Weltkrieges und schreibt dazu: "Nur zur Erinnerung: So sah der Reichstag nach zwölf Jahren Nazi-Herrschaft aus. Deshalb sind Demokraten alarmiert, wenn Rechtsextremisten heute versuchen unser Parlamentsgebäude zu "stürmen"."

Goslarer AfD-Abgeordneter ging auf Tuchfühlung


Der Goslarer AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Kestner war am 29. August selbst auf der Demonstration Berlin und berichtet in einer Videobotschaft auf Facebook nahe dem Brandenburger Tor erfreut: "Hier wird heute Geschichte geschrieben", und in einem weiteren Video nahe der Siegessäule: "Es ist alles voller Menschen hier, also glaubt nicht die Geschichten, wenn sie euch wieder erzählen es wären nur 10.000 Leute hier." Der Parlamentarier gibt außerdem zahlreiche Fotos zum Besten, auf denen er auf Tuchfühlung mit anderen Demonstrationsteilnehmern geht.


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