"Da sitzen keine durchgeknallten Schläger"

von Frederick Becker


Symbolfoto: Anke Donner
Symbolfoto: Anke Donner | Foto: Anke Donner

Region. Steffen Richers und Stefan Löhmann führen gemeinsam Trainings durch, in denen Männer, die im häuslichen Umfeld gewalttätig geworden sind, lernen sollen, ihr Verhalten zu korrigieren. Unser Redakteur Frederick Becker sprach mit ihnen über ihre Arbeit.


„Nach konservativen Schätzungen hat jede vierte Frau persönliche Erfahrungen mit häuslicher Gewalt“, erklärt Steffen Richers. Der Pädagoge und Anti-Aggressivitäts-Trainer ist, zusammen mit seinem Kollegen Stefan Löhmann, einem Sozialpädagogen mit spezieller Ausbildung im Bereich der Täterarbeit, täglich mit diesem bedrückenden Thema konfrontiert.

Die beiden bilden das Team der Täterberatungsstelle Häusliche Gewalt, die von der Labora GmbH und der Jugendhilfe Wolfenbüttel in Leben gerufen wurde. In den Kursen sitzen Täter aus den Landkreisen Peine, Wolfenbüttel und Salzgitter.

Herr Richers, Herr Löhmann, weshalb setzen Sie mit ihrer Arbeit bei den Tätern an und nicht bei den Opfern?

Richers: Weil dieser Ansatz im Sinne der Opfer ist, für die es ja auch spezielle Beratungseinrichtungen gibt. Täterarbeit dient auch dem Opferschutz. Wir wollen ja erreichen, dass die Täter ihr gewalttätiges Verhalten abstellen.

Welche Mittel setzen Sie ein, umdas zu erreichen?

Richers: Das erreicht man nicht durch Strafen, sondern durch Aufbau von Problembewusstsein, Empathie und Handlungskompetenz. Das soll aber nicht heißen, dass die Hilfe, die die Opfer bekommen, nicht genauso wichtig ist.

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Steffen Richers. Foto: Frederick Becker



Was sind das für Männer, die in Ihren Kursen sitzen?

Richers: Gewalt ist ja immer eine Form von Machtausübung, die Täter wollen die Kontrolle über die Situation an sich reißen. Aber die Gewalt stellt gleichzeitig auch einen Kontrollverlust dar. Diese Männer überschreiten Grenzen, aber da sitzen keine durchgeknallten Schläger.

Weshalb suchen diese Männer Ihre Hilfe?

Die Männer sind beschämt und wollen Veränderung. Die Zielgruppe bilden erwachsene Männer, die gegenüber ihrer Partnerin körperlich, seelisch oder sexualisiert gewalttätig geworden sind. Es wird sowohl mit Selbstmeldern, institutionell Vermittelten sowie durch Justiz zugewiesenen Männern gearbeitet. Pro sechsmonatigem Kurs nehmen wir maximal zehn Teilnehmer auf.
Löhmann: Alle gesellschaftlichen Schichten, vom arbeitslosen Hartz-IV Empfänger bis zum Facharbeiter sind vertreten. Grundvoraussetzung für die Aufnahme in unser Trainingsprogramm ist ein formuliertes Tateingeständnis und erkennbare Veränderungsbereitschaft.

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Stefan Lömann. Foto: Frederick Becker



Was sind die wichtigsten Inhalte des Kurses?

Löhmann: Wir rekonstruieren den jeweiligen Tathergang im Einzel- und Gruppengespräch, inklusive des Weges in die Eskalation. Vor diesem Hintergrund wollen wir den Männern helfen, die individuellen Mechanismen, die zur Tat oder den Taten führen, zu erkennen. Dann zeigen wir Ausstiegsmöglichkeiten auf.

Richers: Unser Beratungsangebot ist Teil der landesweiten Interventionsstrategie und des Aktionsbündnisses gegen häusliche Gewalt. Die Regelkreise der häuslichen Gewaltprozesse sollen durch gewaltzentrierte Beratung der Täter und Verhaltenstrainings unterbrochen, beziehungsweise verhindert werden. Durch die Beratung sollen die Täter Einsicht in das eigene Gewalthandeln erlangen und gewaltfreie Verhaltensalternativen etablieren. Das Training beinhaltet das Erkennen, Benennen, Verstehen und Verändern von gewalttätigem Verhalten.

Löhmann: Das Eingeständnis der Schuld ist ja auch die Grundvoraussetzung für die Kursteilnahme. Dabei ist es uns wichtig, die Last der Tat nie zu relativieren. Die Männer müssen sich ihrer Schuld stellen und die Verantwortung ohne wenn und aber übernehmen. Wir erteilen keine Absolution. Wir wollen lediglich den Weg zur Eskalation verstehen.

Wie ist ihre Erfolgsquote?

Richers: Bislang ist uns kein „Rückfall“ bekannt. Eine hundertprozentige Erfolgsquote ist aber sicherlich unrealistisch.

Die Teilnehmer des Kurses müssen einige Kriterien erfüllen: Sie müssen bereit sein, ihr Verhalten zu ändern, außerdem darf keine akute Suchterkrankung und auch keine erhebliche psychische Erkrankung vorliegen. Die Männer müssen über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Ob ein Kandidat für die Teilnahme geeignet ist, entscheidet sich in einem persönlichen Vorgespräch.

Betroffene Frauen und Männer können sich melden bei:

Jugendhilfe Wolfenbüttel,Stefan Löhmann, Telefon: 05331 996 316, Mail: stefan.loehmann@jugendhilfe-wolfenbüttel.de

Labora gGmbH,Telefon: 05171 29 28 102, Mail: s.richers@labora.de


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