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Der Landkreis und sein Wirtschaftsförderer: Von Verschwörungen und persönlichen Fehden

Jörg Pohl ist seit 1992 Angestellter des Landkreises Helmstedt, seit 1995 in leitender Position. Wenn der Wirtschaftsförderer gerade nicht Investoren in den Landkreis locken soll, dann will er Landrat werden und fabuliert in den sozialen Medien über Verschwörungen, die Ausrottung der Menschheit und die Inkompetenz seiner Vorgesetzten. Im "Home Office ohne technische Anbindung" bei vollem Gehalt.

von Niklas Eppert


In Helmstedts Landkreisverwaltung herrscht Unruhe. Symbolbild.
In Helmstedts Landkreisverwaltung herrscht Unruhe. Symbolbild. Foto: Eva Sorembik

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23.06.2020

Helmstedt. Wirtschaftsförderer haben laut der Internetseite der Agentur für Arbeit vor allem eine Aufgabe: Standortmarketing. Das Anlocken von Investoren, Unterstützung bei der Existenzgründung und den Aufbau von Kontakten bei Interessenverbänden und Unternehmen. Wie die meisten Landkreise hat auch der Landkreis Helmstedt einen Wirtschaftsförderer: Jörg Pohl. Pohl ist nicht nur Wirtschaftsförderer, er ist auch ehemaliger und offenbar wiederkehrender Bewerber auf den Landratsposten, Blogbetreiber und davon überzeugt, dass eine globale Elite einen Krieg auslösen will, um 75 Prozent der Menschheit auszulöschen. regionalHeute.de ist der Sache nachgegangen.


Auf seinem Blog äußert sich Jörg Pohl nach eigener Aussage zum aktuellen Zeitgeschehen, nicht nur im Landkreis Helmstedt. Was dabei wie kommentiert wird, wird schnell klar: Pohl geht solche an, die er als politische Gegner empfindet: Da wird Gesundheitsminister Jens Spahn "dreiste Grinefresse" genannt, Landrat Gerhard Radek und Kollegen werden als "ehemaliger Polizeichef und seine Claqueure" bezeichnet. Gerade an Radek wird kein gutes Haar gelassen: An mehreren Stellen im Blog werden ihm Korruption und die Ausnutzung von Landkreismittel zur "eigenen Propaganda" vorgeworfen. Beweise dafür bleibt Pohl allerdings schuldig. Allerdings behauptet Pohl nie von Korruption gesprochen zu haben. Nur von "Zweckentfremdung öffentlicher Gelder".

Pohl äußert sich allerdings nicht nur zur Politik, er äußert sich auch zum restlichen Weltgeschehen, aktuell vermehrt zum Coronavirus. Und der Angestellte im Öffentlichen Dienst, der auf der Stelle eines Referatsleiters sitzt, hat auch die Ursache für Corona erkannt: Eine globale Verschwörung. Auch deren Ziel kennt Pohl, schreibt er jedenfalls auf seiner Facebookseite: "Sie wollen Krieg! Einen weltumfassenden, das menschliche Leben vermeintlich zu über 75% auslöschenden Krieg." Dessen Zweck erklärt Pohl allerdings nicht.

Das "Home Office ohne technische Anbindung"


Woher Pohl also seine Theorien hat, ist unbekannt, dazu wollte er sich im Gespräch mit regionalHeute.de auch nicht öffentlich äußern. Zuvor war er über seine dienstlichen Kontaktdaten nicht erreichbar. Das Handy, das Pohls Erreichbarkeit in dringenden Fällen sicherstellen soll, war mindestens eine Woche lang nicht erreichbar. Laut automatischer E-Mail Abwesenheitsnotiz befindet sich Pohl im "Home-Office ohne technische Anbindung".

Als wir Pohl dann doch über seine private Handynummer erreichen, unterhalten wir uns etwas mehr als 45 Minuten mit ihm. Pohl sieht kein Problem in seinen Aussagen, Radek führe eine Kampagne gegen ihn, weil er "ungemütlich" sei. Das habe bereits der Amtsvorgänger des aktuellen Landrats, Matthias Wunderling-Weilbier, getan. Nicht etwa, weil er Weilbier laut eigener Aussage öffentlich als einen "Primaten, der mit Scheiße wirft" bezeichnet habe, sondern weil Pohl inhaltlich und äußerlich unpassend sei. Im Gegensatz zu Amtsvorgänger Gerhard Kilian, habe Weilbier nicht auf "inhaltliche Kritik" geachtet, sondern nur auf die Verpackung.

Mit den verlorenen Wahlen habe das von seiner Seite aus nichts zu tun, versichert Pohl eindringlich. Inwiefern das stimmt, darüber lässt sich freilich bloß spekulieren. Viel mehr hätten Weilbier und Radek "alles eingerissen", was Pohl "in den letzten 25 Jahren im Landkreis aufgebaut" habe, aus persönlicher Abneigung. Auf seiner Referatsleiterstelle sitzt Pohl allerdings nach wie vor. Mit entsprechender Bezahlung.

Wenn der Wahlverlierer für den Gewinner arbeitet


Daher sei auch das Helmstedter Regionalmanagement gegründet worden, das mittlerweile den Großteil seiner ehemaligen Kompetenzen habe, behauptet Pohl. Alles, um ihn als kritische Stimme mundtot zu machen. Er sieht sich als Opfer politischer Intrigen, Radek habe bereits weitere Mitarbeiter des Landkreises, die es laut Pohl gewagt hätten "ihre Arbeit zu machen", ausgebootet. Eine Kontaktaufnahme zu diesen Personen, versichert Pohl, sei allerdings sinnlos. Als pensionierte Beamte hätten die ehemaligen Kollegen zu viel zu verlieren, um sich zu äußern. Daher würde er auch keinen Kontakt herstellen. Auch hier bleiben nichts als Spekulationen.

Fest steht aber, dass Pohl bereits zweimal angetreten ist, um selbst Landrat zu werden. Beide Male scheiterte Pohl mit je 9 Prozent im ersten Wahlgang. 2011 unterlag er Matthias Wunderling-Weilbier (SPD), 2016 dem jetzigen Landrat Gerhard Radeck (CDU), von Pohl oft nur "als der ehemalige Polizist", wahlweise auch abfällig "Puzilist" bezeichnet. Besonders pikant dabei: "Der ehemalige Polizist" ist als Landrat Oberverwaltungsbeamter des Landkreises und damit Vorgesetzter seines ehemaligen politischen Konkurrenten. Bessern wird sich die Situation zwischen den Streithähnen in Zukunft kaum: Pohl hat seine erneute Kandidatur für 2021 bereits angekündigt.

Dem Landkreis sind die Äußerungen bekannt


Dem Landkreis sind die Äußerungen Pohls bekannt. Auf eine Anfrage von regionalHeute.de antwortet ein Pressesprecher, dass man sich bewusst sei, dass sich Herr Pohl "zuweilen auch sehr kritisch mit den Entscheidungen und Maßnahmen der Organe des Landkreises auseinandersetzt." In der Vergangenheit habe man bereits Posts darauf geprüft, inwieweit sie die Grenzen der Meinungsfreiheit überschreiten und ob sie arbeitsrechtliche Auswirkungen hätten. Daraus habe man in der Vergangenheit Konsequenzen gezogen. Aktuell prüfe man Facebookposts Pohls. Genauere Details könnte der Landkreis aus datenschutzrechtlichen Gründen jedoch nicht angeben.

Auch das Home-Office "ohne technische Anbindung", also ohne Arbeitsplatz mit Computer, ist dem Landkreis zufolge kein Problem. Derweil übernähme das Helmstedter Regionalmanagement die Aufgaben Pohls. Telefonische Erreichbarkeit sei in dringenden Fällen ja gegeben, erklärt der Landkreis auf Anfrage dieser Onlinezeitung.

Ist der Kreistag "frei von Disput?"


Auch wenn sich Pohl vor allem am Landrat abarbeitet, so lässt er auch am Kreistag und anderen Gremien kein gutes Haar. In den Gremien fände kein Disput mehr statt, dank Radek und Wunderling-Weilbier würde die Politik in die Hinterzimmer verlegt, Arbeit werde schlicht nicht mehr erledigt. Als Beispiel nennt er Jahresabschlüsse, die im Kreistag seit 2016 im Rückstand. Das viele Gemeinden und Kreise damit Probleme hätten ficht Pohl nicht an. Das Problem liege im System, das aus einem demokratischen Land, für das er nach wie vor arbeitet, eine "Parteien- und Konzernoligarchie" gemacht habe. Kontrollgremien, wie die kommunale Aufsichtsbehörde, seien Parteipolitisch "durchseucht" und machtlos.

Die Coronakrise hält Pohl übrigens für eine Erfindung einer mächtigen Elite. In einem Brandbrief auf seinem Blog richtet sich Pohl an diese Elite unter der Führung von Bill Gates, und fordert sie auf ihr Treiben zu unterlassen. Immerhin würden sie nach ihrem "biologischen Tod" mit der "unvergleichlichen Agonie" des "reinigenden Feuers" des Jenseits rechnen müssen.


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