Chaos im Jugendamt? Überlastete Mitarbeiter schlagen Alarm

Der Schutz von Kindern und Jugendlichen sei nicht mehr gewährleistet, heißt es in einem Schreiben. Der Landkreis widerspricht.

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Die Goslarer Kreisverwaltung weist die Vorwürfe aus Bereichen des Jugendamtes zurück.
Die Goslarer Kreisverwaltung weist die Vorwürfe aus Bereichen des Jugendamtes zurück. | Foto: Anke Donner

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Goslar. Die Beschäftigten beim Jugendamt des Landkreises Goslar seien überlastet – und zwar so sehr, dass daraus Risiken für die Beschäftigten entstehen würden und die Qualität der Aufgabenerfüllung massiv leide. Das berichtet ein Teil der Landkreis-Mitarbeiter, der im Allgemeinen Sozialdienst und im Pflegekinderdienst beschäftigt ist, in einem anonymen Schreiben, das der Redaktion von regionalHeute.de ebenso vorliegt wie die Überlastungsanzeige. Diese hatten Mitarbeiter im Juni dieses Jahres beim Landkreis eingereicht. Sie ist von 18 Mitarbeitern – von insgesamt 40 in diesen beiden Bereichen – unterschrieben worden, deren Namen aber geschwärzt sind. Ein weiterer anonymer Brief, der regionalHeute.de vorliegt, führt die Vorwürfe weiter aus und fordert die Kreispolitik auf, sich der Sache anzunehmen.



Die Arbeitssituation im Jugendamt Goslar sei aus Sicht dieser Mitarbeiter nicht länger zu verantworten. Diese Mitarbeiter seien an ihrer Belastungsgrenze. Sie könnten demnach ihrem fachlichen Anspruch und dem gesetzlichen Schutzauftrag nicht mehr gerecht werden. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen könne durch diese Arbeitssituation nicht mehr gewährleistet werden.

Werden Mitarbeiter eingeschüchtert?


Demnach gebe es ein strukturelles Problem im Jugendamt: Dazu zählten etwa häufig wechselnde Fallzuständigkeiten oder Änderungen der Arbeitsorganisation, unzureichende Einarbeitung von neuen Mitarbeitern, insgesamt zu wenig Personal. Durch die Belastung gäbe es einen hohen Krankenstand, der zu noch mehr Belastung führen würde – ein Teufelskreis also. Über allem schwebt die Kritik: Die Führungs- und Arbeitskultur sei mangelhaft. So werde unter anderem auf Einschüchterung von Mitarbeitern gesetzt, geäußerte Kritik werde daher auch nicht angenommen. Es herrsche eine Atmosphäre der Angst bei Teilen der Mitarbeiterschaft.

Die Unterzeichner der Anzeige fordern daher, dass der Landkreis für Änderungen sorgt, um die Bedingungen zu verbessern. Dafür hatten sie auch einige Maßnahmen vorgeschlagen – unter anderem eine externe Evaluation des Führungsverhaltens und eine externe Untersuchung der Organisation.

Lage im Allgemeinen Sozialdienst und im Pflegekinderdienst ist stabil


Dass der Landkreis auf diese Forderungen eingehen wird, scheint unwahrscheinlich zu sein. Auf Nachfrage von regionalHeute.de stellt die Verwaltung die Situation im Haus jedenfalls etwas anders dar. Die Lage im Allgemeinen Sozialdienst und im Pflegekinderdienst – sie könne "als stabil bezeichnet werden", heißt es in der Antwort des Landkreises. Die Stellen seien alle besetzt, die Fälle würden abgearbeitet. Die Fallzahlen seien im Allgemeinen Sozialdienst im Durchschnitt im Vergleich mit ähnlichen Kommunen, im Pflegekinderdienst etwas höher. Dort würden aber demnächst zwei neue Mitarbeiter hinzukommen. Auch der Umstand, dass momentan keine weiteren unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge hinzukommen, würde die Lage entspannen.

Schutz von Kindern und Jugendlichen ist sichergestellt


Den Vorwurf, der Schutz von Kindern und Jugendlichen sei in Goslar nicht mehr sichergestellt, weist der Landkreis zurück. "Das trifft und traf auch in der Vergangenheit zu keiner Zeit zu", heißt es in der Stellungnahme der Verwaltung.

Der Schutz der Mitarbeiter und ihrer Gesundheit sei über verschiedene Maßnahmen ebenfalls sichergestellt. Zudem sei es nicht richtig, dass in dem Bereich mehr Mitarbeiter krank ausfallen würden als anderswo. Die Krankentage in den beiden Bereichen des Jugendamtes "liegen sowohl innerhalb des Landkreises als auch im Bundesvergleich im Durchschnitt". Das sei auch im Vergleich zu bundesweiten Ausfalltagen in Sozialberufen mit hohen Anforderungen der Fall.

Anonym, nicht konkret genug: Verwaltung kritisiert Kritiker


Die Landkreisverwaltung sieht keinen Anlass, die geforderten Maßnahmen umzusetzen. Das liegt auch daran, dass die Belastungsanzeige anonym gehalten sei. Es seien aber Mitarbeiter bekannt, die sich von dem Schreiben distanziert hätten. Somit sei klar: Das Schreiben spiegele nicht die Meinung aller Mitarbeiter wider. Zudem seien die beschriebenen Schwierigkeiten nicht konkret genug. Da es der Verwaltung wegen der Anonymität an Ansprechpartnern fehle, gebe es keine Option, konkret tätig zu werden. Ebenso würde der Landkreis einige der geforderten Maßnahmen teils seit Jahren bereits umsetzen. Eine externe Organisationsuntersuchung habe etwa dazu geführt, dass der Allgemeine Sozialdienst entsprechend umstrukturiert wurde.

Außerdem erklärt der Landkreis: "Wir haben unmittelbar nach Bekanntwerden des Briefes eine Dienstbesprechung mit allen Mitarbeitenden einberufen. Dazu war auch die Gleichstellungsbeauftragte, der Personalrat und das Konfliktmanagement des Landkreises zugegen. Sowohl die Fachbereichsleitung, als auch Gleichstellungsbeauftragte, Personalrat und Konfliktmanagement haben sich und ihre Hilfsmöglichkeiten und Angebote nochmals vorgestellt. Die Fachbereichsleitung hat ebenfalls nochmals alle Angebote des Landkreises zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement vorgestellt. – Bis heute wurde keines dieser Angebote angefragt oder angenommen." Inzwischen verfolge auch die Gewerkschaft Verdi, die die Überlastungsanzeige der Mitarbeiter getragen hatte, diese Anzeige nicht mehr.

Auf die Vorwürfe der Führungsdefizite geht der Landkreis in seiner Stellungnahme nicht explizit ein. Dass es einen einschüchternden Umgangston gebe, der bei Beschäftigten zu Angst und Unsicherheiten führen könnte, fällt bei der Kreisverwaltung wohl ebenfalls unter die Einschätzung, dass die beschriebenen Schwierigkeiten nicht konkret genug formuliert seien.

Ähnliche Vorwürfe zum Rettungsdienst


Erst kürzlich hatte sich die Landkreisverwaltung mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert gesehen. Dabei ging es um den Rettungsdienst. In einer anonymen E‑Mail – also auch die Methode war ähnlich – war von Personalmangel, steigenden Krankheitsausfällen und Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen die Rede. Dort hatte die Verwaltung eingeräumt, dass die Personalsituation angespannt sei.