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Inklusion auch nach der Schule



Goslar

Inklusion auch nach der Schule

von Alec Pein


Alexander Saipa, Petra Wontorra, Helmut Meier und
Alexander Saipa, Petra Wontorra, Helmut Meier und

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Goslar. In der Goslarer Jugendherberge kamen am Dienstag Landes- und Kommunalpolitiker mit der Landesbeauftragten für Integration, Vertretern des Deutschen Jugendherbergswerks sowie Fachbeauftragten des DRK-Ortsverbandes Wolfenbüttel an einem Tisch zusammen, um über Probleme und Zukunft der Inklusion zu diskutieren.

Vor Ort gibt es bereits eine beispielhafte Umsetzung, die jedoch nur mit vielen Hürden zu erreichen war: Astrid Hehlgans ist körperlich und geistig stark beeinträchtigt und arbeitet derzeit in der Jugendherberge. Viel Aufmerksamkeit erhielt bisher die Inklusion an Schulen und könnte schon bald flächendeckend zur Normalität werden. Nach der Schule sind die Möglichkeiten dagegen begrenzt: Arbeitsstellen erhalten Menschen mit Beeinträchtigungen meist nur in speziellen Werkstätten. Die Integration in den ersten Arbeitsmarkt ist gesetzlich zwar Möglich, stößt aber bei Behörden und möglichen Arbeitgebern noch auf mangelnde Fachkenntnis oder Vorbehalte. Unnachgiebig gingen Astrid Hehlgans Eltern dagegen vor und erreichten mit Hilfe der Jugendherbergseltern Stefan und Heidrun Dyckhoff, dass ihre Tochter auch nach der Schule einen "normalen" Praktikumsplatz erhielt. Astrids großer Wunsch sei es gewesen, nach Beendigung der Berufsschulzeit, während der sie bereits ein Praktikum in der Herberge absolvierte, dort auch weiterhin Arbeiten zu können.

Welche Hürden gab es?


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Diskussionsrunde in der Jugendherberge Goslar zum Thema Inklusion. Foto:



Astrids Eltern erzählten den Anwesenden von ihren Erfahrungen. Nach der Schulzeit ihrer Tochter sollte sie in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten. Darin sah man jedenfalls seitens der Arbeitsagentur die einzige Möglichkeit. Erst nach intensiven Gesprächen fand man eine Lösung: Auch für die Betreuung in einer entsprechenden Werkstatt steht ein gewisses Budget für sie zur Verfügung, welches ihr  nun ausgezahlt wird, um selbst eine Begleitung für die betriebliche Qualifizierung der Jugendherberge einkaufen zu können. Der Fachdienst zur beruflichen Eingliederung des DRK Ortsverbandes Wolfenbüttel kümmert sich um solche Belange. Bereichsleiter Uwe Rump-Kahl erläuterte   dazu während der Diskussion, dass laut Gesetz viele Leistungen bereits Budgetfähig seien, jedoch bei vielen Behörden gar keine entsprechenden Fachkenntnisse vorhanden wären. So müsse er im Sinne vieler behinderter Menschen den Mitarbeitern von Behörden erklären was sie in diesem Bereich tatsächlich tun dürfen.

Neue Wege finden und gehen


Astrid Hehlgans ist körperlich sowie geistig beeinträchtigt, sodass sie überwiegend an einen Rollstuhl gebunden ist und zudem ihre ganz eigenen Kommunikationswege benötigt. Als der Leiter der Jugendherberge Goslar, Stefan Dyckhoff, vor zwei Jahren gefragt wurde, ob sie einer Schwerbehinderten einen Praktikumsplatz anbieten würden, habe er sich gefragt was sie denn überhaupt machen könne. Dennoch erklärten sich Stefan und Heidrun Dyckhoff bereit und stellten später fest, dass es sozusagen "an jeder Ecke" sinnvolle Aufgaben zu erledigen gibt, die auch mit Astrids Fähigkeiten bewältigt werden können. Da sie sowohl als Sender als auch als Empfänger bei der Kommunikation Schwierigkeiten hat, mussten für die Praktikantin an einigen Stellen individuelle Lösungen gefunden werden. An einem normalen Dienstplan kann sie sich beispielsweise nicht orientieren, sodass für sie eine bebilderte Variante entwickelt wurde. Auf ihrem Plan stehen verschiedenste Aufgaben vom Unterlagen Abheften bis zum Kuchenbacken. Dabei lerne sie langsam, aber stetig dazu, so Stefan Dyckhoff. Enorme Fortschritte erkennt Uwe Rump-Kahl, der Astrids Fall seit einiger Zeit kennt. Wenn Frau Hehlgans morgens um acht kommt, sei sie außerdem immer bester Laune, so die Jugendherbergsleiter. Diese übertrage sich dann auch schnell auf ihre Kollegen. Ein Plus für das allgemeine Arbeitsklima also.

Wie können Arbeitgeber überzeugt werden?


Diese Frage stellten sich die Teilnehmer der Diskussionsrunde. Alexander Saipa (SPD) möchte interessierte und erfahrene Arbeitgeber an einen Tisch bringen, um sich auszutauschen. Dafür soll bestenfalls in Zusammenarbeit mit den Anwesenden ein Arbeitskreis entstehen. Astrid und ihre Eltern wünschen sich natürlich, dass das Deutsche Jugendherbergswerk mit gutem Beispiel voran geht und ihr einen entsprechenden festen Arbeitsplatz anbietet. Das würde auch zur Meinung der Landes Integrationsbeauftragten, Petra Wontorra, passen: Behinderte Menschen müssten vor allem auch im Arbeitsleben sichtbarer werden, so Wontorra. In der Jugendherberge sei dies sicher der Fall, was zur allgemeinen Akzeptanz in der Gesellschaft beitragen könne.


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