Braunschweig. Sie sind immer da, wenn ein neues Leben beginnt, und kämpfen nun selbst ums Überleben. Vor genau sechs Monaten ist der neue Hebammenhilfevertrag in Kraft getreten – mit gravierenden Folgen für freiberufliche Geburtshelferinnen. Zwei von ihnen sind Anja Samborski und Denise Katron, die fehlende Wertschätzung und unfaire Abrechnungsmöglichkeiten kritisieren, sich jedoch hauptsächlich um eine erhöhte Gefährdungslage für Frauen und Kinder sorgen.
Zusammen haben die beiden über ein Vierteljahrhundert Erfahrung in der Geburtshilfe. 836 Kinder kamen allein im vergangenen Jahr im Marienstift Braunschweig auf die Welt. Anja Samborski hat in ihrer bisherigen Laufbahn über 1.500 Geburten begleitet. Man kann sicherlich sagen, dass diese beiden ihre Berufung gefunden haben. Aktuell müssen sie jedoch gegen Arbeitsbedingungen kämpfen, damit aus ihrem Traumberuf langfristig kein Albtraum wird.

Den freiberuflichen Hebammen Denise Katron (li.) und Anja Samborski kämpfen für Wertschätzung und die Frauengesundheit. Foto: Julia Romanowski
Der neue Hebammenhilfevertrag, der seit dem 1. November 2025 in Kraft ist, sollte eigentlich die Eins-zu-Eins-Betreuung von Frauen unter der Geburt stärken – unter anderem durch eine angebliche Verdopplung der Stundensätze. Freiberufliche Hebammen sprachen jedoch bereits beim Inkrafttreten von möglichen Existenznöten aufgrund des neuen gestaffelten Stundenlohns, der die Betreuung von mehreren Schwangeren geringer vergütet als zuvor. Nun, sechs Monate später, scheint sich dies bewahrheitet zu haben. „Von einer Verdopplung kann keine Rede sein“, sagt Anja Samborski. Gerade einmal 40 Euro brutto mehr würde es für eine vierstündige Idealgeburt geben. Und je größer die Klinik, desto größer sei der Einkommensverlust, da diese Idealbedingungen kaum realisierbar seien. Hinzu kämen der Wegfall von Pauschalen und die Kürzung der Nachtzuschläge.
Um die wirtschaftlichen Risiken für die Hebammen abzufedern, hat das Marienstift ihre finanzielle Absicherung gestärkt und somit das Geburtshilfe-Modell des Hauses gerettet. Beide sind sich einig, dass sie wahrscheinlich nicht mehr arbeiten würden, wenn sie das Marienstift nicht hätten. Und auch wenn die Belegschaft sehr dankbar sei, sehen die beiden hier die Krankenkassen in der Pflicht. „Die Krankenkasse sollte gute Geburtshilfe finanzieren, und zwar so, dass es auskömmlich ist“, so der Appell von Anja Samborski.

836 Kinder kamen allein im vergangenen Jahr im Marienstift Braunschweig auf die Welt. Foto: Julia Romanowski
„Jede Klinik, die zumacht, ist für Frauen in dieser Region eine Katastrophe“
Auch im Team hätte der neue Hebammenhilfevertrag mit dazu beigetragen, dass Kolleginnen andere Wege eingeschlagen hätten. Diese Stellen konnten jedoch glücklicherweise nachbesetzt werden. Das Marienstift profitiere hier davon, dass kleinere Häuser schließen, jedoch, betont Anja Samborski, „jede Klinik, die zumacht, ist für Frauen in dieser Region eine Katastrophe.“ Es sei nicht zu verstehen, warum die erste Geburt mit 80 Prozent vergütet wird, während die zweite nur noch mit 30 Prozent des vereinbarten Stundenlohns bezahlt wird. Hinzu käme noch die komplette Organisation des Kreißsaales, die mit sehr geringen Pauschalen abgegolten werde. Leistungen, die keine stationäre Aufnahme der Frauen erfordern – etwa die Überprüfung der Herztöne mittels CTG – könnten sogar gar nicht abgerechnet werden.
Kann der Hebammenhilfevertrag im Hinblick auf Entbürokratisierung und Digitalisierung punkten? „Fehlanzeige“, berichten beide übereinstimmend. Die Dokumentation erfolge weiterhin auf Papierbögen (die von den Hebammen finanziert werden müssten), die per Post, zusätzlich zur elektronischen Übermittlung, an die Krankenkasse geschickt werden müssten. Diese würden dann in ein System zur Prüfung eingespeist, was jedoch leider sehr fehleranfällig sei und es somit oft zu Kürzungen korrekter Rechnungen käme. Hebammen müssten dann Einspruch einlegen und teils monatelang auf ihr Geld warten. Zusätzlich zu den ohnehin gekürzten Vergütungen und den Versicherungskosten. „Ein kleines Auto im Jahr“, veranschaulicht Denise Katron. Etwa 15.000 Euro, die man erst einmal haben und bezahlen müsse, um arbeiten zu dürfen.
Wer hat das verhandelt?
Der Hebammenhilfevertrag sei von den maßgeblichen Hebammenverbänden mitverhandelt worden, es sei jedoch zu vermuten, dass die Verhandler nicht genug Interesse daran hatten, die freiberuflichen Hebammen gut zu vertreten, oder es fehlte einfach das Wissen aufgrund der vorhandenen Praxisferne. Das, was dabei herausgekommen ist, sei existenzgefährdend für viele, sagt Anja Samborski.
Ganze acht Jahre sei verhandelt worden. Samborski vermutet einen enormen Druck zum Ende der Verhandlungen und dass man sich der Auswirkungen nicht bewusst war, dass es nun tatsächlich bundesweit dazu kommt, dass Teams nach und nach schließen. „Und das wird weiter so gehen, wenn nicht irgendwo Lösungen gefunden werden“, ist sich die Hebamme sicher. Der Staat müsse langsam mal verstehen, dass man auch in den Lebensanfang investieren muss. Und Fakt sei: Wenn eine Klinik schließe, werde die nächste weder personell noch räumlich aufgestockt. Das hätte sie selbst nach der Schließung der Geburtsstation in Peine bei ihrer vorherigen Stelle am Klinikum Celler Straße in Braunschweig gemerkt, wo auf einen Schlag etwa 200 Geburten mehr begleitet werden mussten, was nur schwer zu handeln war.
Warum ist die zweite Frau weniger wert?
Gut betreute Geburten brächten gesunde, gestärkte Frauen hervor und in der Regel auch gesunde Kinder. Schlecht betreute Geburten könnten hingegen Schädigungen und Traumata hervorrufen, die Frauen zurückließen, die schlimmstenfalls nie wieder arbeiten und ins Sozialsystem einzahlen könnten.
Mit jeder Klinik, die schließt, würden die Wege für die Frauen weiter und die Wahrscheinlichkeit, dass man dann irgendwo an einer Klinik ankommt und aus kapazitären Gründen abgewiesen wird, steige, warnt Anja Samborski. Die Frauen müssten dann die nächste Klinik ansteuern, noch längere Wege in Kauf nehmen und sich somit noch größerer Gefahr aussetzen. „Und das in einem der reichsten Länder dieser Welt – das ist einfach ein Armutszeugnis, das ist gruselig.“ Dieses Land täte einfach nichts dafür, dass man noch gern Kinder bekommen möchte.
Ein Problem sei auch die Romantisierung der Hebammenarbeit und dass diese oft als eine Art Hobby angesehen werde. Diese Arbeit bestehe jedoch nicht aus Babykuscheln, sondern sei ein Knochenjob mit der Verantwortung für mindestens zwei Menschenleben gleichzeitig, sagt Denise Katron. Hierfür wünscht sie sich eine gerechte Entlohnung: „Und nicht, dass ich bei der einen 80 Prozent bekomme und bei der anderen 30 Prozent – für 100 Prozent Leistung.“
Es geht nicht (nur) ums Geld
Es sei ein Kampf gewesen, überhaupt mediale Aufmerksamkeit zu generieren, der Fokus wäre dann jedoch häufig auf die schlechtere Bezahlung gelegt worden. Darum ginge es aber eigentlich gar nicht, betont Samborski. „Wenn wir nicht mehr da sind, dann gibt es eine erhöhte Gefährdungslage für Frauen und Kinder in diesem Land – darum geht’s!“ Dass sie „laut sein müssen“, wüssten die beiden, aber sie seien auch nur noch begrenzt belastbar. „Wo sollen wir noch alles kämpfen?“, fragt Samborski sich und wünscht mehr Wertschätzung dafür, dass Hebammen in einem präventiven Bereich tätig seien und Krankheiten verhindern könnten, die die Sozialkassen belasten. Sie wünscht sich Arbeitsumfelder für Hebammen, in denen sie gern und gut arbeiten können. Dazu gehöre auch eine Betreuungsdeckelung in jeder Klinik – ob mit angestellten oder freiberuflichen Hebammen –, wo eine Geburtshelferin für maximal zwei Frauen zuständig sein darf. „Das wäre frauenorientiert, würde die Hebammen wieder zurück in die Kreißsäle befördern und würde für gute Betreuung für Frauen sorgen“, sagt Anja Samborski. Einen Mangel an Hebammen gäbe es nicht, sagt sie. „Wir haben viele ausgebildete Hebammen, die einfach nicht mehr so arbeiten wollen.“
Die aktuellen Konditionen gelten bis Ende 2027, erst dann bestünde die Möglichkeit, den Vertrag zu kündigen. Ob die neuen Verhandlungen dann wieder acht Jahre dauern und ob ein neuer Vertrag dann die erhofften Verbesserungen für die freiberuflichen Hebammen und gleichzeitig für die Frauengesundheit bringt? – ungewiss.
#TDL - Dieser Artikel wurde von unserer Redakteurin Julia Romanowski zum Tag des Lokaljournalismus am 5. Mai 2026 geschrieben und hervorgehoben. Durch die Algorithmen der Plattformen und die Folgen von KI steht Lokaljournalismus besonders für nachwachsende Generationen vor großen Veränderungen. Darauf reagieren wir und wollen an diesem Tag gemeinsam mit einer Vielzahl weiterer Medienhäuser deutschlandweit darauf aufmerksam machen, dass Lokaljournalismus informiert, einordnet und sichtbar macht, was die Menschen in der Region bewegt. Lokaljournalismus ist demokratische Grundversorgung im Alltag. Ein eigener Tag setzt ein Zeichen für Wertschätzung, Qualität und Zukunft.

