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Mega-Boom im Fahrradhandel: "Das ist ganz einfach Corona"

Der Fahrradhandel legte einen Blitzstart aus dem Lockdown hin. Von einem zweistelligen Umsatzplus ist die Rede - der Verband des deutschen Zweiradhandels befürchtet, dass es damit auch schnell wieder vorbei sein könnte.

von Marvin König


(Symbolbild)
(Symbolbild) Foto: Pixabay

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24.06.2020

Region. Früher als jede andere Branche hat sich der Zweiradhandel vom fünfwöchigen Corona-Lockdown wieder erholt. "Die Fahrradbranche war mehr oder weniger die einzig relevante Branche die es wirklich geschafft hat innerhalb von 10 bis 14 Tagen den entgangenen Umsatz aus der Schließungsphase wieder reinzuholen", berichtet Hans-Peter Obermark vom Verband des deutschen Zweiradhandels (VDZ). Eine kurze Umfrage unter Fahrradhändlern in der Region offenbart, dass sich das Phänomen keinesfalls auf Großstädte beschränkt - ist der Trend gekommen, um zu bleiben? Und wo kommt er überhaupt her?


"Es ist ganz einfach Corona", konstatiert Jens Ansorge vom gleichnamigen Fahrradladen in Goslar. "Die Leute dürfen nirgends mehr in den Urlaub fahren, sie konnten nicht in die Eisdiele, nicht ins Kino. Da sind sie halt Fahrrad gefahren. Irgendwann hatten die Leute wohl keine Lust mehr aufs Spazieren gehen!" Sein Laden ist seit der Wiedereröffnung regelrecht überrannt worden: "Die gesamte Produktion von 2020 ist ausverkauft."

Bei vielen Fahrradhändlern offenbart sich schon bei telefonischer Anfrage unserer Online-Zeitung das gesamte Ausmaß: "Dauert das lange? Der Laden ist voll", ist der Tenor aus der Umfrage bei Fahrradhändlern in der gesamten Region. Von "20 bis 30 Prozent" mehr Kundschaft im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist seitens des Fahrradladens im Zimmerhof in Wolfenbüttel die Rede. "Viele andere möchten gerne endlich wieder arbeiten können, aber der Fahrradhandel läuft auf dem Zahnfleisch, weil wir so viel arbeiten", berichtet Heike Will von Fahrrad Päschke in Braunschweig und versucht das Phänomen zu erklären: "Das hängt wohl auch damit zusammen, dass viele nicht in die öffentlichen Verkehrsmittel steigen wollen."

Corona nicht alleine Schuld am Boom


Laut Hans-Peter Obermark vom VDZ sei das Jahr 2020 auch vor der Pandemie ein gutes für die Fahrradindustrie gewesen: "Wir hatten sehr gutes Wetter. Eine sonnige und trockene Frühjahrsphase, die generell das Fahrradgeschäft beflügelt." Dann kam der Lockdown - zunächst eine absolute Hiobsbotschaft. "März und April sind eigentlich die umsatzstärksten Monate im Fahrradhandel. Genau in der Zeit war der Lockdown. Die meisten Fahrradhändler hatten immerhin eine Einnahmequelle, weil ja von vornherein klar war, dass die Werkstätten geöffnet bleiben durften. Viele Leute haben das genutzt, um den ÖPNV zu meiden - die Umsatzeinbußen lagen trotzdem zwischen 30 und 60 Prozent", berichtet Obermark weiter.

Doch den Fahrradhandel konnte das nicht aufhalten. Zum warmen und sommerlichen Wetter kam die Tatsache, dass viele Menschen einfach die Zeit für Freizeitaktivitäten an der frischen Luft hatten - teils auch mangels Alternativen. Auch bestätigt er die allgemeine ÖPNV-Flucht, die sich in Großstädten sogar noch deutlich stärker bemerkbar mache als im ländlichen Raum. Der letzte Tropfen sei der seit Jahren anhaltende Faktor Mobilität und Verkehrswende: "Ein genereller Trend oder ein Umdenken in der Bevölkerung, wieder mehr Fahrrad zu fahren", kommentiert Obermark. Das lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Das Fachblatt Velobiz berichtet für April von einem Umsatzplus von ganzen 12,5 Prozent. Der Mai sei ebenfalls enorm stark gewesen.

Das E-Bike im Trend


Wer vom Zweirad spricht, darf auch das E-Bike nicht vergessen. Denn das sei laut VDZ massiv im Kommen. Obermark: "Wir haben inzwischen einen Marktanteil von 31,5 Prozent beim E-Bike. Tendenziell ist davon auszugehen, dass dieser Anteil in nicht allzu langer Zeit auf 50 Prozent wächst." Der Verband rechne damit, dass der Trend zum Elektrorad durch den erwarteten Zuwachs beim Urlaub im eigenen Land noch einmal wachsen werde - auch weil dadurch einfach weniger Kosten entstehen als beim Urlaub im Ausland und so die Entscheidung zum häufig kostenintensiven E-Bike leichter falle. Dem "Bio-Bike", wie der Branchenverband die völlig stromlosen Drahtesel gerne scherzhaft nennt, schade das aber nicht: "Auch das normale Fahrrad ist weiter im Aufwärtstrend."

Man bleibt skeptisch


"Im Moment segeln wir auf der Sonnenseite des Handels. Aber wie lange das noch läuft, das hat man nicht in der Hand", verleiht Obermark seinen Bedenken Ausdruck. Denn wie in der Autoindustrie und beim Medizinbedarf ist auch die Fahrradbranche vor Lieferschwierigkeiten nicht sicher. "Anfangs waren es die Fahrräder, die nach wie vor immer noch nicht alle da sind und jetzt sind es die Ersatzteile. Das hat querbeet alle Zulieferer getroffen", berichtet Heike Will von Fahrrad Päschke aus Braunschweig. Auch Jens Ansorge aus Goslar bemerkt, dass es bei den Ersatzteilen eher schleppend läuft.

Lieferengpässe gebe es vor allem in den Großstädten, bedingt durch die "ÖPNV-Flüchtlinge", kleinere Händler, die keine großen Vorbestellungen für die Saison aufgegeben haben treffe es laut dem VDZ ebenfalls härter als große Fahrradhäuser. Obermark fasst zusammen: "Die aktuell sehr gute Umsatzsituation im Fahrradfachhandel stellt für die Branche ein durchaus zweistelliges Plus in Sicht, jedoch bestehen Bedenken bezüglich der weiteren Lieferfähigkeit und Verfügbarkeit der Waren und Räder für die restliche Saison. Dies könnte gegebenenfalls den Umsatzschub ausbremsen." Nicht zuletzt bedrücke die Branche auch die Angst vor einem "zweiten Lockdown", doch, so betont Obermark abschließend, das betreffe dann immerhin wirklich jeden.


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