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Regionale Erzeuger: Die Freilandschweine aus Salzgitter

So is(s)t die Region: In Salzgitter-Engelnstedt hält die Familie Hagemann Schweine ganzjährig auf der Weide, verkauft werden die Produkte aus deren Schlachtung im eigenen Hofladen. Warum die Weidehaltung von Schweinen nach wie vor schwierig ist und was das ganze Geschäftsmodell bedroht, darüber hat Henrik Hagemann im Gespräch mit regionalHeute.de gesprochen.

von Niklas Eppert


Henrik Hagemann auf der Schweineweide. Seit 2015 hält die Familie Hagemann wieder Vieh. Bis zu den Freilandschweinen war es jedoch ein langer Weg.
Henrik Hagemann auf der Schweineweide. Seit 2015 hält die Familie Hagemann wieder Vieh. Bis zu den Freilandschweinen war es jedoch ein langer Weg. Foto: Niklas Eppert

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14.08.2020

Salzgitter-Engelnstedt. Am Ortsrand des Salzgitteraner Stadtteils Engelnstedt liegen die Weiden der Familie Hagemann hinter einer Maschinenhalle. Hier hält der Familienbetrieb Schweine auf eine Weise, die es heute kaum noch gibt: In Weidehaltung. Bis zu 90 Hausschweine leben nahe der Autobahn auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern. Einfach sei diese Haltungsart allerdings nicht. regionalHeute.de hat den Betrieb der Hagemanns besucht.


Die gesetzliche Mindestfläche, die einem Schwein zur Verfügung stehen muss, beträgt je nach Haltungsform, zwischen einem und drei Quadratmetern. Größen, die für die Tiere der Hagemanns keine Rolle spielen. Hier könnte jedes Schwein theoretisch 220 Quadratmeter für sich alleine nutzen. Die neunzig Tiere werden auf 20.000 Quadratmeter in zwei Gruppen gehalten, auf einer Wiese am Rand von Engelnstedt.


Die 90 Schweine der Familie Hagemann haben insgesamt 20.000 Quadratmeter zur Verfügung. Gesetzlich stünde jedem Schwein ein bis drei Quadratmeter zu. Foto: Niklas Eppert


Henrik Hagemann, der den Betrieb gemeinsam mit seinen Eltern führt, ist seit 2015 im Betrieb aktiv, der 26-Jährige hatte bereits in einem Schweinemastbetrieb Landwirtschaft gelernt. Seit 2015 habe der Betrieb seiner Eltern zusätzlich zur eigentlichen Landwirtschaft auch wieder Vieh auf den Hof geholt. Zunächst 80 Legehennen in einem selbstgebauten Mobilstall, aus einem Stall wurden mehrere, allesamt Mobilställe, einige Zeit später habe man auch die Schweine geholt. Der Weg zur Freilandhaltung sei jedoch ein steiniger gewesen, berichtet Henrik Hagemann. Die Auflagen seien hoch, gerade für Schweine, die nicht in Ställen gehalten werden.

Die afrikanische Schweinepest


Besonders eins macht Familie Hagemann Sorgen: Die afrikanische Schweinepest. Die Krankheit, die Deutschland bislang nicht erreicht hat, hat besonders in China große Schäden in den Mastbetrieben verursacht. Auch in Europa ist die Krankheit schon angekommen. In Polen wurden bereits Fälle nachgewiesen. Bislang hat es die Krankheit noch nicht über die Grenze geschafft, trotz infizierter Wildschweine. In Polen habe man dafür einen Zaun gebaut, der die Tiere diesseits der Oder halten soll. Für Familie Hagemann wäre ein Ausbruch eine Katastrophe.

Die Krankheit sorge unter anderem für die hohen Auflagen bei der Freilandhaltung von Schweinen. So müsste etwa ein zweiter, höherer Zaun in ausreichendem Abstand um die eigentlichen bereits eingezäunten Weiden gezogen werden, um Wildschweine von ihren domestizierten Artgenossen fernzuhalten. Die Gehege der Schweine dürfen auch nicht betreten werden. Auch Menschen können die Krankheit an sich tragen. Zudem wechseln die Hagemanns freiwillig in regelmäßigen Abständen die Weideflächen auf der abgezäunten Fläche, um zu verhindern, dass sich Krankheiten im Boden festsetzten, die den Schweinen letztlich gefährlich werden könnten.


Für Schweine ist die afrikanische Schweinepest eine ernsthafte Gefahr. Zur Zeit ist zwar noch kein Fall in Deutschland bekannt, ein Ausbruch wäre für die Schweinehalter aber eine Katastrophe. Foto: Niklas Eppert


Sollte die Schweinepest in der Region ausbrechen, wäre das für Familie Hagemann eine Katastrophe. Die Tiere müssten eingestallt werden, eine Möglichkeit, die die Hagemanns nicht hätten. Die Tiere leben ganzjährig auf ihrer Weide, damit müssten die Schweine samt und sonders geschlachtet werden. Unabhängig von Gewicht und Alter. Die Folgekosten wären nur schwierig zu bewältigen.

Ganzjährig im Freien


Aktuell stünden die Schweine das ganze Jahr auf der Weide. Im Sommer schliefen sie einfach auf der Wiese oder unter einem der Anhänger, die auf der Fläche Schatten spenden. Für den Winter sind kleine Metallhütten auf der Weide verteilt, in denen die Tiere Unterschlupf vor der Kälte fänden. Ansonsten stören sie Wind und Wetter nicht, lediglich im Sommer und im Frühling reagierten sie empfindlich auf die Sonne. Besonders neue Jungtiere fingen sich dann gerne einen Sonnenbrand ein. "Das ist wie bei uns Menschen", erzählt Hagemann, "wenn wir im Frühling rausgehen, weil wir uns über die Sonne freuen, haben wir schnell einen Sonnenbrand."


Lediglich im Sommer sind die Schweine etwas wetterempfindlich. Um sich keinen Sonnenbrand zu holen, legen sie sich tagsüber meist in den Schatten. Foto: Niklas Eppert


Ältere Schweine schützen sich dann, indem sie sich im Matsch suhlen oder Schutz im Schatten suchen. Das müssten die im Stall aufgezogenen Ferkel erst lernen. Ansonsten seien Schweine oft aktiver, wenn es geregnet habe. Denn eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen sei das Graben in der Erde. "Im Winter", erzählt Hagemann und lacht, "steht hier kein Grashalm mehr". Die Schweine grüben den gesamten Boden um und wälzten sich im Schlamm.

Schlachten für den Hofladen


Am Ende des Schweinelebens stehe aber auch bei den Hagemanns der Schlachter. Allerdings wesentlich später als bei anderen Mastbetrieben. Wo die Schweine in anderen Betrieben gerade sechs bis sieben Monate alt werden, dürfen die Tiere bei Familie Hagemann bis zu 15 Monate auf der Weide bleiben. Bei der Schlachtung wögen die Tiere dann 160 bis 170 Kilogramm. Würden sie noch länger auf der Weide stehen, würden sie schwerer. Dann könnten die Maschinen des Schlachters die Tiere nicht mehr bearbeiten.

Auch deshalb sei der Betrieb von alten Kulturrassen, wie dem Bentheimer Landschwein, wieder auf das normale Hausschwein umgestiegen. Die Fettschicht der Bentheimer sei einfach zu dick. Ein Problem, das moderne Hausschweine nicht hätten. Nur ein paar Iberico-Schweine seien noch in Engelnstedt. Deren Fleisch soll angeblich einen besonderen Geschmack haben. Ob die Kunden die Anschaffung jedoch honorieren, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass die meisten Kunden im Hofladen der Hagemanns einkaufen, weil sie genau wissen, wo die Schweine herkommen und wie sie gelebt haben.


Der Großteil der Schweine in Engelnstedt sind Hausschweine. Die Hagemanns halten auch einige Iberico-Schweine. Die uralte Rasse, die bereits römische Legionäre gezüchtet haben sollen, soll einen besonderen Geschmack haben. Foto: Niklas Eppert


Transparenz, so Henrik Hagemann, sei ein hohes Gut für die Beziehung zwischen den Landwirten und ihren Kunden. "Die Landwirtschaft hat sich in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren sehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen", glaubt der 26-Jährige, der neben seiner Arbeit auf dem Betrieb auch Landwirtschaft studiert. Es sei immer mehr auf die Menge gesetzt worden, die Märkte seien für billiges Fleisch von außerhalb der EU geöffnet worden. Das habe zu einem Preisdruck geführt, der Haltungsarten wie die der Hagemanns kaum wirtschaftlich mache. Nur durch den Hofladen funktioniere das Modell überhaupt, bei dem das Tierwohl im Mittelpunkt stünde.

Die Folge seien Haltungsarten, die in der Öffentlichkeit immer in der Kritik stünden. Dadurch hätten sich Kunden und Produzenten voneinander entfernt. In Engelnstedt könnten die Kunden die Schweine sehen, Tierwohl ist hier nicht nur abstraktes Label. Es ist ein paar Minuten zu Fuß entfernt beweisbar.

Der Kunde fällt die letzte Entscheidung


Zudem hält Familie Hagemann Legehennen, "Wiesenhähnchen" und eine Landwirtschaft, sowie vor Weihnachten auch noch Gänse. Sämtliche Tiere werden im Freiland gehalten. Das erhöhe die Kosten, der Kilopreis beim Schweinefleisch läge je nach Stück beim doppelten oder dreifachen der Supermarktpreise. Aber nur so ließe sich wirtschaftlich arbeiten. Zudem hätte der Hof einen Standortvorteil.
"Wir haben in Salzgitter noch viel Industrie", erzählt Hagemann, "Die Leute verdienen gutes Geld und können sich unsere Preise leisten."


Alles, was die Hagemanns herstellen, verkaufen sie im eigenen Hofladen. Angefangen hat alles mit 80 Hühnern in einem selbstgebauten Mobilstall. Foto: Niklas Eppert


In ärmeren Gebieten würde das Modell wohl nicht funktionieren, denn diese Art der Haltung hat ihre Kosten. Der Hof habe aber immerhin auch gute 15 Kilometer Einzugsgebiet, vereinzelte Kunden kämen sogar aus Braunschweig. Gerade freitags, wenn das Fleisch aus der wöchentlichen Schlachtung verkauft wird. Am Ende läge die Entscheidung über das Tierwohl beim Kunden. Wer weiter die Packung Nackensteak für drei Euro beim Discounter hole, der unterstütze damit die Zustände, die immer wieder angeprangert würden.

Denn wenn mehr Fleisch aus Betrieben wie dem der Hagemanns gekauft würde, dann würde auch die Zahl der Betriebe steigen, die ein ähnliches Modell umsetzen, auch wenn damit wohl nicht der aktuelle Fleischkonsum vollends bedient werden könne. Aber: Am Ende, das glaubt auch Henrik Hagemann, würde der höhere Preis, der durch die höheren Kosten für die artgerechtere Haltung der Tiere entstehe, zu einem bewussteren Fleischkonsum führen.

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