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Schockierende Recherchen: Gräberfeld der Lehrlinge bekommt Erinnerungstafel

Ein Schuljahr lang arbeiteten die Schüler des 12. Jahrgangs der IGS Salzgitter in Kooperation mit dem Bildungsreferenten des Volksbundes, Dr. Rainer Bendick an der Erstellung einer Gedenktafel. Von ihren Recherchen zeigte sich auch der Bildungsreferent überrascht.

von Julia Fricke


Die Gedenk- und Erinnerungstafel wurde eingeweiht.
Die Gedenk- und Erinnerungstafel wurde eingeweiht. Foto: Rudolf Karliczek

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10.10.2020

Salzgitter. Am vergangenen Donnerstag wurde auf dem Alten Friedhof in Salzgitter-Lebenstedt eine neue Geschichts- und Erinnerungstafel eingeweiht. Sie entstand als Schulprojekt der 12. Klassen der IGS Salzgitter, in Kooperation mit dem Bildungsreferenten des Volksbundes, Dr. Rainer Bendick. Gemeinsam hatten die Schüler zu den Opfern des Zweiten Weltkrieges recherchiert und die Tafel entworfen. Die Erinnerungstafel widmet sich dem Gräberfeld der Lehrlinge, die im November 1944 bei einem Bombenangriff auf die Lehrlingswerkstatt in Immendorf ums Leben kamen.



Ein ganzes Schuljahr haben die Jugendlichen im Archiv geforscht, haben in ihrem Seminarfach das wissenschaftliche Arbeiten gelernt. Der Text auf der Tafel gehe allein auf die Schüler zurück. Eigentlich wären sie bereits im Juni fertig gewesen, doch durch die Corona-Krise mussten die letzten Arbeiten in den Sommerferien erledigt werden. Mit Teams in Onlinesitzungen wurde redigiert und Einzelheiten besprochen, erklärt Bendick.

Schockierende Recherche


Diese Lehrlinge in den Gräbern seien zwischen 15 und 17 Jahren alt gewesen. Aber auch 50 weitere Tote sind auf dem Gräberfeld bestattet worden, wie Bendick berichtet. Dazu zählen andere Zivilisten, Menschen des Werkschutzes, also Menschen, die Zwangsarbeiter beaufsichtigt haben und auch Zwangsarbeiter selbst sowie einige Soldaten. Die größte Gruppe stelle jedoch die der Lehrlinge dar. Die Anlage selbst wurde bereits während der Nazi-Zeit hergerichtet. "Die Nationalsozialisten haben das hier mit großem Pomp eingeweiht und das hat die Schüler eigentlich am meisten schockiert. Der Personalverantwortliche der Salzgitter Werke hat in seiner Rede dann davon gesprochen, dass die Hitler-Jungen dann an den Gräbern ihrer Kameraden den Hass auf den Feind lernen werden und dass sie das dann bedenken sollten, wenn sie zu den Waffen gerufen werden im November 1944", erklärt Bendick. Die Jugendlichen seien in ihren Recherchen schockiert davon gewesen, wie viel Hass und Nationalsozialismus noch gegen Kriegsende in der deutschen Gesellschaft war. Doch nicht nur die Schüler waren schockiert, auch Bendick selbst war überrascht von dem Hass aus der Rede des damaligen Personalverantwortlichen. "Jedem Historiker ist bewusst: Die Nazis haben die Bombenangriffe auf die Bevölkerung propagandistisch genutzt. Das weiß jeder. Wenn man dann aber guckt, was der da sagte und wenn man dann guckt, welche Karriere er dann noch 1945 machte, ist man immer wieder schockiert", so Bendick weiter.

So sei der damalige Personalchef nach Kriegsende ganz kurz in britischer Gefangenschaft gewesen, sei freigelassen worden, weil er Wirtschaftsmanager war und wurde dann zu einem Führenden der NPD. Anfang der 70er Jahre verstarb er. "Diese Leute sind von unserer Republik nie belangt worden. Die haben nicht nur hunderte, die haben tausende von Menschen in den Tod getrieben. Für die ganzen Zwangsarbeiter war er verantwortlich. Er war der Personalchef der Reichswerke. Und so ein Mann ist von unserer Justiz nicht belangt worden. Und das fand ich im Nachhinein schockierend, wenn man auf diese Biografien stößt von den wirklichen Tätern", so Bendick weiter.

Archiv und Todesanzeigen


Für die Aufbereitung der Tafel mussten die Schüler auch die Todesanzeigen studieren, die die Eltern damals für ihre Kinder aufgegeben hatten. Obgleich in einigen Anzeigen die Rede von "stolzer Trauer" oder der "heldenhaften Pflichterfüllung" war, sei der Tonus in den meisten Anzeigen ein anderer gewesen. Dort sprachen die Eltern eher von dem "tiefen Leid" als auch der "tiefen Trauer", in der sie waren. Einige hätten auch auf die zur NS-Zeit in Todesanzeigen typischen Lebensrunen verzichtet. "Auch das ist ein Zeichen davon, dass diese Hasspropaganda der Nazis bei den betroffenen Eltern nicht immer auf Zustimmung stieß", erklärt Bendick.

IGS will weiter forschen


Die IGS will die geschichtliche Arbeit an einem weiteren Denkmal fortsetzen. Dabei handelt es sich um das Denkmal von Heinrich Oppermann, ein Braunschweigischer Soldat, der den deutsch-französischen Krieg mitgemacht hat und der nach Kriegsende am 4. März 1871 in Château-du-Loir an der Ruhr starb. Dr. Rainer Bendick ist es gelungen sein Grab in der französischen Stadt wiederzufinden. "Ich bin zuversichtlich, dass wir daraus ein richtig schönes Projekt machen können", sagt er abschließend.


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