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Umsatzeinbrüche und Existenznot: Kinos in der Krise

Die Kinos in der Region können ihre Säle derzeit nur zu 20 bis 30 Prozent auslasten. regionalHeute.de holte ein Stimmungsbild ein.

von Alexander Dontscheff


Die Kinosäle sollten sich so langsam wieder füllen, damit die Lichter nicht für immer ausgehen. Symbolbild
Die Kinosäle sollten sich so langsam wieder füllen, damit die Lichter nicht für immer ausgehen. Symbolbild Foto: Marvin König

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11.09.2020

Region. Die Kino-Branche hat durch die Corona-Pandemie massive Einbußen hinnehmen müssen. Nach mehrmonatiger Zwangsschließung haben die strikten Hygienevorgaben auch nach der möglichen Wiedereröffnung häufig keinen rentablen Betrieb ermöglicht. regionalHeute.de wollte nun von vier Kinobetreibern in den Städten Braunschweig, Wolfenbüttel, Salzgitter und Goslar wissen, ob sich die Lage inzwischen verbessert hat und wie die Perspektiven aussehen.


Egal ob Astor Filmtheater in Braunschweig, CineStar Wolfenbüttel, Cineplex Goslar oder Filmpassage Salzgitter - die Probleme sind überall ähnlich. Man kämpft derzeit mit der geringen Auslastungsmöglichkeit von 20 bis 30 Prozent. Daher appellieren auch alle Betreiber auf eine Verringerung des vorgeschriebenen Mindestabstandes. Damit sei allerdings vor Oktober nicht zu rechnen, wie aus einer aktuellen Ankündigung der Landesregierung hervorgeht (regionalHeute.de berichtete). Einen Hoffnungsschimmer gibt es allerdings auf dem Filmmarkt. Die Beispiele "Tenet" und "After Truth" hätten für im Rahmen des Möglichen volle Säle gesorgt.

"James Bond benötigt 50 Prozent Auslastungsmöglichkeit"


Das Astor Filmtheater hat seit dem 13. August seinen regulären Betrieb wieder aufgenommen. Die mögliche Auslastung liege bei rund 25 Prozent pro Vorstellung, berichtet Theaterleiter Frank Oppermann. Bei den Filmen „Tenet“ und „After Truth“ sei man regelmäßig an diese Grenzen gestoßen obwohl die Filme bereits in zwei bis vier Sälen gezeigt worden seien. Die größeren Filmstarts wie "Wonder Woman 1984", "Tod auf dem Nil" oder "James Bond - Kein Tag zum Sterben" stünden zwar in den Startplänen, würden aktuell aber nicht vermietet. "Alle diese Filme benötigen wenigstens eine 50-prozentige Auslastungsmöglichkeit - also eine Reduzierung des Mindestabstandes auf einen Platz oder einen Meter im Kinosaal, wie es unter anderem in Berlin, Nordrhein Westfalen und anderen europäischen Ländern wie Schweiz, Frankreich umgesetzt ist. Aus all diesen Standorten gibt es bisher keine Meldung über ein Filmtheater als Infektionsherd", betont Frank Oppermann.


Das Astor Filmtheater Foto: Marvin König



Bislang habe es seitens des Landes oder des Bundes außer den Krediten der KFW keine Hilfen gegeben. Dies müsse sich ändern. "Zur Erinnerung: Alle Kinobetreiber sind schuldlos in diese Krise geraten und wurden via Verordnung angewiesen, ihre Betriebe für fünf bis sechs Monate einzustellen. Wir benötigen wenigstens einen fairen Ausgleich für die Phase des Lockdowns, das heißt die Erstattung der laufenden Kosten in den Zeiträumen, in dem die Kinobetriebe keine Einnahmen generieren konnten", fordert Oppermann.

"20 bis 30 Prozent aller Filmtheater droht die Insolvenz"


Im Astor plane man mit einem Viertel der regulären Besucherzahlen und bemühe sich, den Gästen und Mitarbeitern ein möglichst sicheres Kinoerlebnis zu bieten. Die Einschneidungen im Unternehmen seien natürlich nur durch Zahlung von Kurzarbeitergeldern nicht auszugleichen. "Weil das Astor Filmtheater inhabergeführt ist, haben wir weniger Liquiditätssorgen als andere Mitbewerber, die teilweise hohe Mieten zu zahlen haben. In der Branche wird davon ausgegangen, dass im Laufe der nächsten Monate zirka 20 bis 30 Prozent aller Filmtheater aufgrund von Insolvenz schließen wird, wenn sich nicht umgehend etwas ändert", befürchtet der Theaterleiter. Die langfristigen Folgen in Bezug auf Beschäftigungsstrukturen, Verarmung der kulturellen Landschaft und damit einhergehend der Lebensqualität der Einwohner seien heute noch gar nicht abzuschätzen.

"Es ist möglich, Filme vor dem US-Markt auszuwerten"


Erst zum Start von "Tenet" am 26. August hat das CineStar Wolfenbüttel wieder geöffnet. Aufgrund der Abstandsregeln könne man aktuell nur 30 Prozent auslasten. "Die Auslastung steigt aber kontinuierlich, mit den soeben gestarteten großen internationalen Filmen wie `Tenet´ und `After Truth´ beobachten wir einen sehr erfreulichen Aufwärtstrend. Gleichwohl hoffen wir natürlich, dass die Abstände sehr bald weiter reduziert werden, was sich dann wiederum sicherlich auch auf die Planung der kommenden Neustarts auswirken wird", berichtet Theaterleiter Timo Degendorfer. „Tenet“ zeige gerade, dass es durchaus möglich sei, Filme auch vor dem US-Markt in anderen Märkten erfolgreich zu starten. Insofern gehe man davon aus, dass sich die Anzahl der kommenden Neustarts in Deutschland weiter verdichten werde. Bereits jetzt seien die nächsten Monate mit einem guten Mix aus Familienunterhaltung, Unterhaltung und Action ganz gut besetzt. Highlight sei natürlich der sehnlichst erwartete „James Bond“ im November.


Das CineStar in Wolfenbüttel Foto: Alexander Dontscheff



Degendorfer beklagt, dass es zwar einige Fördertöpfe seitens des Bundes und der Länder diese aber für größere Kinos nahezu nicht greifen würden. Hier müsse dringend nachjustiert werden, weil die Pandemie bedingten Folgen für alle Kinos gleich schwerwiegend seien. Sinnvoll wären direkte Betriebskostenzuschüsse, um die reduzierten Auslastungsmöglichkeiten weiter abzufedern.

"Aerosolbelastung im Kinosaal ist verschwindend gering"


Bezüglich der geforderten Reduzierung der Abstandsregel verweist der Theaterleiter auf eine unabhängige Studie der TU Berlin aus dem Juni, die belege, dass Kino ein absolut sicherer Ort sei, da die Aerosolbelastung im Kinosaal aufgrund der Tatsache, dass kaum gesprochen werde und es sehr leistungsfähige Lüftungssysteme gebe, verschwindend gering sei. Trotz allem schaue man nach vorn und hoffe, dass die weiteren Neustarts ähnlich erfolgreich sein werden wie „Tenet“ und „After Truth“. "Wir sind fest davon überzeugt, dass die Menschen keine Lust mehr haben, Filme immer nur auf dem heimischen Sofa zu konsumieren. Das Filmerlebnis auf der großen Leinwand ist einfach ein anderes", so Timo Degendorfer.

"Auslastung deutlich unter 20 Prozent"


Bereits seit dem 22. Juli läuft der Spielbetrieb im Cineplex Goslar wieder. Das traditionelle Innenstadt Kino „Goslarer Theater“ sei dagegen nach wie vor noch geschlossen und werde es auch vorerst noch bleiben, berichtet Florian Wildmann, Geschäftsführer der Cineplex Goslar GmbH & Co. KG. "Die Spielzeiten waren zu Anfang eingeschränkt von Donnerstag bis Sonntag, derzeit spielen wir wieder an sechs Tagen in der Woche, der Montag ist noch Ruhetag. Ebenso werden noch nicht alle Vorstellungsschienen bespielt, wir bewegen uns aber langsam in Richtung Normalbetrieb", so Wildmann. Durch die Abstandsregelung sei derzeit eine maximale Saalauslastung von 20 Prozent erreichbar, wenn die Gäste bis in die ersten Reihen sitzen würden. "Trotz mehrerer gut laufender Filme und dem bespielen von mehreren Sälen mit dem gleichen Film, liegen die Besucherzahlen über 50 Prozent hinter dem Vorjahresmonat. Man erreicht eine Auslastung von deutlich unter 20 Prozent", berichtet der Geschäftsführer.


Das Cineplex in Goslar. Foto: Anke Donner



Der Film "Tenet" sei unglaublich wichtig für die Branche gewesen, denn der Verleih habe erkannt, dass die erwarteten Besucherzahlen erreicht und übertroffen werden können und die Kinobetreiber hätten gezeigt, dass man mit kluger Disposition entsprechend viele Gäste auch unter diesen widrigen Umständen in den Häusern empfangen könne. Der Film „After Truth“ zeige das gleiche Bild. Für dieses Jahr seien noch einige größere Filme angekündigt. "Alle Augen richten sich selbstverständlich im November auf den neuen James Bond", ist sich Wildmann sicher.

Echte Zuschüsse statt Kredite


Die bisherigen Hilfsangebote seien für das Goslarer Kino nicht brauchbar gewesen. Die Beantragung der Betriebskostenzuschüsse über die Steuerberater ziehe sich in die Länge. "Was hier zu erwarten ist, wissen wir noch nicht. Daher mussten wir das KfW Kreditprogramm in Anspruch nehmen. Gespräche mit der Politik laufen nach wie vor über entsprechende Hilfsprogramme", berichtet Florian Wildmann. Angesichts der enormen Verluste an Ticketumsätzen - man rechne mit einem Schaden in den deutschen Kinos von mindestens 300 Millionen Euro - benötigten die Kinos einen echten Zuschuss, keine Kredite, damit die Kinolandschaft in dem Maße erhalten werden könne und kein kulturelles Loch in vielen Regionen entstehe. Zumal die Umsätze für immer verloren seien, denn nicht verkaufte Tickets könnten in der Folgezeit nicht einfach wieder verkauft werden.

Absolut dringlich sei die Reduzierung des Abstandes im Saal auf einen Meter. Damit würde die Auslastung deutlich steigen und ein Mindestmaß an wirtschaftlichem Arbeiten zurückkehren. "Abstandsregeln, Mund- Nasen-Schutz im Foyer, Hygienemaßnahmen etc. sind nicht das Problem. Daran sind unsere Gäste im täglichen Leben gewöhnt und verhalten sich auch bei uns im Kino dementsprechend. Man muss hier unseren Gästen auch ein Lob aussprechen, denn es kommt fast gar nicht zu irgendwelchen Diskussionen oder ähnlichem. Das verhalten unserer Gäste ist sehr vorbildlich", lobt der Geschäftsführer.

"In Tippelschritten der Normalität entgegen"


"Die schwere Zeit ist noch lange nicht vorbei und wird uns noch einige Monate begleiten", mahnt Wildmann. Man sei froh, dass man wieder seinem Geschäft nachgehen und seine Gäste empfangen und mittlerweile auch wieder gute Ware anbieten könne. Es sei zu hoffen, dass man die Talsohle nun durchschritten habe und sich in Tippelschritten der Normalität entgegen bewege. "Wir rechnen im Laufe des Jahres 2021 wieder mit Besucherzahlen auf dem Niveau des Jahres 2018. Bis dahin wird es noch dauern und es bleibt zu hoffen, dass so viele Kollegen wie möglich die Zeit durchhalten. Kino ist Kultur und der Kulturbereich wird sich wieder zurückkämpfen und den Menschen das zurückbringen, was sie gerne haben und worauf sie lange verzichten mussten", hofft Wildmann.

Auch die Gruppengröße spielt eine Rolle


Noch länger als das Cineplex, nämlich seit Anfang Juli, ist die Filmpassage Salzgitter wieder geöffnet. Je nachdem in welchen Gruppengrößen die Gäste kommen, sei eine Auslastung von maximal 30 Prozent möglich, berichtet die geschäftsführende Gesellschafterin Anja Thies. Bei den letzten Neustarts „Tenet“ und „After Truth“ habe man diese in einigen Vorstellungen auch schnell erreicht. "Die Ladies Night zu `After Truth´ mussten wir in den zwei größten Sälen spielen, um allen Gästen unter Einhaltung des Mindestabstandes einen Platz anbieten zu können", betont Thies.


Die Filmpassage in Salzgitter. Foto: Rudolf Karliczek



"Die Verleiher verschieben – teilweise auch sehr kurzfristig – die Starttermine vieler Filme. Einige bringen ihre Filme auch gar nicht mehr ins Kino, sondern geben diese direkt an die Streming-Dienste, wie zuletzt „Mulan“, der von Walt Disney in Deutschland und vielen anderen Ländern direkt an Disney+ gegangen ist", beklagt Anja Thies. Zum Glück gehe es aber auch anders: Warner Bros. habe an deren Film „Tenet“ und die Kraft des Kinos geglaubt und diesen bereits im August in über 70 Ländern gestartet, obwohl ein Start in den USA zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich gewesen sei. Für diesen Mut seien mit sehr guten Besucherzahlen, trotz der in den meisten Bundesländern geltenden Beschränkungen, belohnt worden. Am nächsten Wochenende folgte „After Truth“ mit ähnlich guten Zahlen. Im Moment sei man daher zuversichtlich, dass ein Großteil der geplanten Filme auch wirklich kommen werde. In den nächsten Monaten freue man sich auf Neustarts wie „Jim Knopf und die wilde 13“, „Wonder Woman 1984“ und auch „Gott, du kannst ein Arsch sein“ und dann natürlich endlich auf den neuen Bond „Keine Zeit zu sterben“ im November.

"Soforthilfen" nach drei Monaten


Bei den bisherigen Hilfen von Bund und Land sei auch noch Luft nach oben. "Zum einen gab es die sogenannten `Soforthilfen´, die uns allerdings erst nach drei Monaten erreichten und in Niedersachsen auch deutlich geringer ausgefallen sind als zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen", berichtet die Geschäftsführerin. Dazu kämen zinsbegünstigte und zu Beginn der Laufzeit sogar tilgungsfreie Kredite der KfW, die einem natürlich mit kurzfristiger Liquidität geholfen hätten, nun aber die nächsten Jahre zurückgezahlt werden müssten. Seit kurzem gebe es zusätzlich die Möglichkeit, Überbrückungshilfen zu beantragen. Diese müssten zeitnah ausgezahlt werden und nicht erst wieder nach drei Monaten. Diese seien nämlich eine Art Schadenersatz für die entgangenen Umsätze im Vergleich zum Vorjahr. In den speziell auf Kinos ausgerichteten Förderprogrammen finde ein großes Kino mit mehreren Sälen in einer Stadt keine Berücksichtigung - diese zielten eher auf Programmkinos in der Fläche ab. Mittlerweile gebe es ein zusätzliches Kinoförderprogramm für die Umsetzung der Corona-Schutzmaßnahmen, in dem auch die größeren berücksichtigt würden. "Allerdings kam dieses einfach zu spät – da waren wir schon längst fertig damit", so Thies.

"Ein Kinosterben könnte drohen"


Die Aufhebung beziehungsweise Verringerung der Abstandsregelungen im Saal sei dringend erforderlich. "Durch die höhere Auslastung wäre uns dann endlich wieder ein wirtschaftlicher Betrieb möglich. Dieses würde dann auch die anderen Kinobetreiber, die aus diesem Grund bisher noch geschlossen haben, dazu bewegen ihre Kinos wieder in Betreib zu nehmen und die Verleiher hätten durch die Erhöhung der Kapazitäten einen Ansporn ihre Filme ins Kino zu bringen", ist sich Anja Thies sicher. Die Verluste der letzen Monate seien bis zum Jahresende trotzdem nicht aufzuholen. "Wir erwarten, dass wir das Jahr mit einen Besucherrückgang von zirka 60 Prozent abschließen werden. In der Kinobranche werden einige Betriebe es ohne die oben genannten Hilfen, die sich die Branche wünscht und einfach auch braucht, nicht schaffen – ein Kinosterben könnte drohen. Ein sehr wichtiges Kulturangebot würde aus unserem Leben verschwinden – das darf nicht passieren!", appelliert die Geschäftsführerin.


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