Wenn der Bus nicht kommt: Wie viel Mobilität bleibt ohne Auto?

Menschen, die kein Auto haben, sind auf verlässliche Nahverkehrsangebote angewiesen. Doch besonders auf dem Land kann es dabei in den Randzeiten zu Problemen kommen.

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Symbolbild.
Symbolbild. | Foto: Pixabay

Region. Der Bus fährt noch, aber passt er noch zum Alltag? In vielen Orten im Großraum Braunschweig entscheiden Randzeiten, verpasste Anschlüsse und die letzte Rückfahrt darüber, ob Arbeit, Arzt und Ausbildung ohne Auto überhaupt noch erreichbar sind.



Morgens um halb sechs ist die Region wach, nur der Fahrplan ist es nicht immer. Wer in Braunschweig wohnt, verpasst einen Anschluss und nimmt den nächsten. Wer draußen lebt, im Umland zwischen Wolfsburg, Gifhorn und Goslar, kennt eine andere Rechnung: Ein verpasster Bus ist nicht nur ärgerlich, er kann einen Termin kosten, manchmal sogar den Arbeitstag, besonders dann, wenn es um die erste Fahrt zur Schicht oder die letzte Rückfahrt am Abend geht.

Verlässlichkeit statt Versprechen


Genau daran entscheidet sich, wie gut der öffentliche Nahverkehr Stadt und Umland wirklich verbindet. Nicht am Werbesatz „Mobilität für alle“, sondern an Umstiegen, Randzeiten und der letzten Rückfahrt, die noch als Rückfahrt taugt. Wer kein Auto hat, braucht kein Versprechen, sondern Verlässlichkeit, und genau die wird im Großraum Braunschweig seit Monaten neu verhandelt.

Dass diese Verlässlichkeit unter Druck steht, ist kein Bauchgefühl. In einer Pressemitteilung vom 4. September 2025 kündigte der Regionalverband Großraum Braunschweig an, dass für 2026 Einsparungen „unter anderem durch die Abbestellung von einzelnen Fahrten der RegioBusse, vor allem in den Randzeiten“ erreicht werden sollten.

Wenn der Anschluss platzt


Ebenfalls in dieser Mitteilung wurde Verbandsdirektor Ralf Sygusch so zitiert: „Wir gehen derzeit davon aus, dass wir 2026 noch mit der Einstellung einzelner Fahrten auskommen und keine Verbindung komplett streichen müssen.“ Das klingt nach Entwarnung, trägt aber ein Problem in sich, das jeder im Umland kennt: Eine Linie kann weiter existieren, und trotzdem im Alltag reißen, wenn Anschlüsse nicht mehr aufgehen oder die letzte sichere Rückfahrt zu früh liegt. Der Regionalverband sprach damals von Einschnitten, die auf dem Papier begrenzt wirken. Im Umland sind es oft genau diese wenigen Fahrten, die einen Tag zusammenhalten. In der Stadt bedeutet ein dünnerer Takt meist zusätzliche Minuten. Auf dem Land kann es bedeuten, dass man eine Stunde festhängt, oder gar nicht mehr zurückkommt.

Wie groß dieser Unterschied zwischen Stadt und Fläche grundsätzlich ist, lässt sich auch über die Region hinaus belegen. Greenpeace hat 2025 eine Analyse veröffentlicht, nach der rund 26 Prozent der Menschen in Deutschland einen sehr schlechten Zugang zum ÖPNV haben, mit einem ausgeprägten Stadt-Land-Gefälle. Das erklärt, warum schon kleine Einschnitte in der Fläche so groß wirken.

Das Geldproblem hinter dem Fahrplan


Warum überhaupt wird ausgedünnt, während überall von Verkehrswende und Deutschlandticket die Rede ist? Eine Antwort steht in einer Pressemitteilung des Landkreises Gifhorn. Darin heißt es, für das Haushaltsjahr 2026 wäre ein Ausgleich des Defizits von 12 Millionen Euro im Regiobus Bereich „nur durch erhebliche Streichungen im ÖPNV-Angebot zu erzielen“, als Ursache wird eine „strukturelle Unterfinanzierung“ genannt. Im November 2025 folgte dann die Gegenbewegung. Der Regionalverband meldete in einer weiteren Pressemitteilung, dass RegioBusse 2026 weiterfahren können, weil zusätzliche Mittel in Aussicht standen. Verbandsvorsitzender Detlef Tanke wurde dort mit dem Satz zitiert: „Heute ist ein außergewöhnlich guter Tag für den ÖPNV der Region.“ Gleichzeitig nannte der Verband die Summe, die weiterhin geschlossen werden müsse: „Insgesamt müssen über den Regionalverband gemeinsam mit Kommunen und Land 22 Millionen Euro für das RegioBus Defizit aufgebracht werden.“

Damit ist die Lage nüchtern beschrieben: Es gibt Rettungen, aber keine Ruhe. Und es gibt viele Akteure, die an derselben Kette hängen: Land, Kommunen, Regionalverband, Verkehrsunternehmen. Wenn ein Glied nachgibt, spüren es zuerst jene, die keine Ausweichoption haben, also Menschen ohne Auto, gerade in den kleineren Orten.

Rufbus als Rettung


Als Alternative verweisen Kommunen und Verkehrsunternehmen häufig auf flexible Angebote wie Rufbus, AST oder ALT. Die KVG beschreibt diese Fahrten als Angebot außerhalb der regulären Busfahrpläne, ideal für Randzeiten, aber mit Vorbestellung, spätestens 45 Minuten vor Abfahrt, telefonisch oder online. Das kann Lücken schließen, es ist aber eine andere Art Mobilität, eine, die Planung verlangt, bevor der Alltag überhaupt beginnt, und die an ihre Grenzen stößt, sobald Termine länger dauern oder etwas dazwischenkommt.

Seit 1. Januar 2026 kostet das Deutschlandticket 63 Euro. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen berichtete Ende Januar, die Preiserhöhung habe nicht zu einer Kündigungswelle geführt, die Kündigungsquote liege bei 5,75 Prozent. Die Nachfrage ist also da, nur entscheidet sich ihr Wert nicht am Preis, sondern an der Verbindung.

Darum läuft diese Geschichte auf eine unbequeme Frage hinaus: Wie mobil können Menschen ohne Auto im Großraum Braunschweig noch sein, wenn ausgerechnet in den Randzeiten gespart wird, also dort, wo Arbeitstage beginnen und enden? Wenn der Bus nur noch selten kommt, wird das Umland nicht nur schlechter angebunden, es wird stiller, weil Teilhabe wieder davon abhängt, ob jemand ein Auto hat, oder
jemanden kennt, der eins hat.