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Hoher Unterrichtsausfall: Landtag debattierte über Lehrermangel



Hoher Unterrichtsausfall: Landtag debattierte über Lehrermangel

Laut FDP fehlten in Niedersachsen mehr als 1.400 Lehrkräfte. Kultusminister Tonne verweist auf ein deutliches Einstellungsplus und benennt aktuelle Herausforderungen.

von Alexander Dontscheff


Symbolbild.
Symbolbild. Foto: pixabay

Niedersachsen. Der Niedersächsische Landtag debattierte am Mittwoch in einer von der FDP-Fraktion beantragten Aktuellen Stunde zum Thema "mangelnde Unterrichtsversorgung". Grundlage der Debatte war die prognostizierte Unterrichtsversorgung für das Schuljahr 2021/22, die auf 97,38 Prozent zurückgegangen ist (regionalHeute.de berichtete).



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"Insgesamt fehlen mehr als 1.400 Lehrkräfte und das, obwohl der Bildungsminister gemeinsam mit dem Wissenschaftsminister in einer Erhebung festgestellt hatten, dass es gar keinen Lehrermangel gebe und deshalb auch kein Ausbau des Studienangebotes notwendig sei", legte Björn Försterling, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, am Mittwoch nach. „Erklären Sie das den Eltern, Schülern und den Lehrkräften, die diesen Lehrermangel immer wieder ausbaden müssen.“ Besonders dramatisch sei die Unterversorgung in den Hauptschulen, den Oberschulen, Realschulen und auch in den Förderschulen.



„Sie lassen die im Regen stehen, die unsere Unterstützung am stärksten brauchen“, bewertet Försterling die Zahlen. Der Bildungsexperte fordert eine Lehrkräfteoffensive, um die Unterrichtsversorgung mittelfristig auf stabile Füße zu stellen. Dafür müssten Lehrer in allen Schulformen mit A13 entlohnt werden, ein Studienplan erstellt und mit ausreichenden Mitteln hinterlegt werden und der Quer- sowie der Seiteneinstieg in den Lehrerberuf erleichtert werden. Försterling macht Druck: „Das sind alles Bausteine, die Sie unlängst auf den Weg hätten bringen müssen und wir erwarten, dass Sie diese Schritte noch auf den Weg bringen. Denn wie Sie selbst wissen, dauert es eine Zeitlang, bis die nötigen Lehrkräfte entsprechend ausgebildet wurden.“

"Daueraufgabe von hoher Priorität"


Kultusminister Grant Hendrik Tonne versicherte im Rahmen der Debatte, dass die Sicherung der Unterrichtsversorgung eine Daueraufgabe von hoher Priorität sei. In den letzten Haushaltsjahren sei es regelmäßig gelungen, deutlich mehr Lehrkräfte einzustellen, als ausgeschieden seien. "Bezogen auf die Jahre 2018 bis heute konnten mehr als 2.600 Lehrkräfte mehr eingestellt werden, als dauerhaft aus dem Dienst ausgeschieden sind. Im Haushaltsjahr 2021 ergibt sich eine positive Bilanz von über 380 Lehrkräften mehr im System. Dies bildet die Basis für eine bestmögliche Versorgung der Schulen mit Lehrkräften. Damit ist deutlich mehr als der Pflichtunterricht abgedeckt", ist sich Tonne sicher.



Der Minister gab zu bedenken, dass die Schulen in den vergangenen Jahren vermehrt auch mit zusätzlichem nicht lehrendem Personal ausgestattet werden mussten - etwa den gesamten Bereich der Schulsozialarbeit. Auch die Bereiche Ganztag und Inklusion würden Zusatzbedarfe erfordern. Eine weitere Schwierigkeit sei, Stellen an spezifischen Schulformen und in bestimmten Regionen zu besetzen. Hier würde man die Freiheiten der Schulen fördern und den Schulterschluss mit den Schulträgern für individuelle Lösungen suchen. Eigentlich erfreulich sei, dass man durch die zahlreichen Einstellungen der vergangenen Jahre viele junge Lehrerinnen und Lehrer habe. Daraus resultiere aber auch, dass der Wunsch nach Elternzeit in diesem Jahr eine neue Spitze erreicht habe. Dies bedeute für die Unterrichtsversorgung eine große Anstrengung. "Wir werden darauf mit dem Einstellungserlass Anfang 2022 reagieren", versprach Tonne.

"Lehrkräfteoffensive gibt es schon"



Im Grundschulbereich sei es gelungen, die Situation deutlich zu verbessern, sodass jetzt durch eine erfreulich hohe Anzahl von Bewerbungen deutlich mehr Stellen in diesem Bereich besetzt werden könnten. Die von der FDP geforderte gemeinsame Lehrkräfteoffensive von Kultus- und Wissenschaftsminister gebe es bereist. Konkret sei unter anderem die Kapazität an Studienplätzen für das Lehramt für Sonderpädagogik im Bachelorstudiengang schrittweise angehoben worden.

Lehrerverband nicht überzeugt


Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte zeigte sich im Anschluss allerdings wenig überzeugt von Tonnes Rede. „Die heute von der FDP-Landtagsfraktion initiierte Aktuelle Stunde zur Unterrichtsversorgung unserer Schulen hat wieder einmal deutlich gemacht, dass es der Landesregierung weiterhin an Ideen und dauerhaften, nachhaltigen Lösungen zur Verbesserung der Unterrichtsversorgung besonders an den nicht-gymnasialen Schulformen fehlt. Unsere Landesregierung ist zwar bemüht, den Lehrkräftemangel zu beheben, ist aber bislang nicht sehr erfolgreich gewesen", erklärt Torsten Neumann, Vorsitzender des Verbandes Niedersächsischer Lehrkräfte VNL/VDR, in einer Pressemitteilung.

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Man erkenne durchaus an, dass in den letzten Jahren eine große Anzahl von neuen Lehrkräften eingestellt worden sei. Fakt sei aber, dass sich die Unterrichtsversorgung unserer Schulen trotzdem weiter verschlechtert habe – und das nicht nur an den nicht-gymnasialen Schulformen. Es fehlten geschätzt etwa 1.400 Lehrkräfte, besonders im ländlichen Raum. "Weshalb konnten zum neuen Schuljahr für die nicht-gymnasialen Schulformen mehr als 20 Prozent der ausgeschriebenen Stellen nicht besetzt werden?", fragt Neumann und liefert die Antwort gleich mit: "Das hat mehrere Gründe, es liegt nicht nur am Bewerbermangel." Zum einen rächten sich jetzt die Versäumnisse der Vergangenheit, nicht genügend Studienplätze für das Lehramtsstudium, insbesondere für das Lehramt an den nicht-gymnasialen Schulformen zur Verfügung gestellt zu haben. Zum anderen seien in Niedersachsen die Lehrämter an Haupt- und Realschulen sowie an Grundschulen für angehende Lehrkräfte nicht attraktiv genug. Niedersachsen müsse endlich den Lehrerberuf gerade in diesem Bereich durch eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte mindestens nach A13 attraktiver machen und die immense Belastung der Lehrkräfte spürbar senken.

Nachhaltige Strategie vermisst


"Wir vermissen von unserer Landesregierung noch immer eine nachhaltige Strategie, wie sie die Unterrichtsversorgung speziell an den nicht-gymnasialen Schulformen langfristig sicherstellen will. Wir erwarten endlich spürbare Taten, nicht immer wieder nur beschwichtigende oder beschönigende Worte. Unsere Schülerinnen und Schüler brauchen eine gute Schulbildung und die gibt es nicht zum Nulltarif“, so Neumann abschließend.


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