Braunschweig. Ein Support, der erst auf der Anfahrt von seinem Auftritt erfuhr, herrlich alberne Ansagen und ein Publikum, das den Donnerstagabend kurzerhand zum Wochenende erklärte: Schmutzki verwandelten das Schön & Frölich in einen brodelnden Punkrock-Club.
Eigentlich war Dave Collide nur gemeinsam mit Schmutzki nach Braunschweig gefahren. Dass er am Abend selbst auf der Bühne stehen würde, entschied sich offenbar erst unterwegs. Im Bus sei den Musikern aufgefallen, dass noch reichlich Programm zu füllen war. Dann hätten sich die Blicke langsam in seine Richtung gedreht. Seine erste Reaktion verschwieg Dave dem Publikum nicht: „Oh fuck, gar keinen Bock, ey.“ „Jetzt mittlerweile habe ich übelst Bock“, stellte er später fest. Von der anfänglichen Skepsis war da nichts mehr zu spüren.
Spontan, aber keineswegs beliebig
Das war ihm anzumerken. Allein mit seiner Gitarre eröffnete er den Konzertabend spontan, locker und ohne den Schutz eines lange vorbereiteten Programms. „Helft mir gerne singen, denn ich stehe hier ganz allein“, bat er die frühen Besucher. Lange allein blieb er nicht.
Dave machte aus der Kurzfristigkeit seines Auftritts keinen Makel, sondern das Konzept des Abends. Er sei noch ein wenig planlos, was er spielen solle, erklärte er und griff deshalb zu den Liedern, auf die er gerade Lust hatte. Dabei blieb es nicht nur bei guter Laune. Vor „Shelter“ sprach er über Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen und andernorts nach einem besseren Leben suchen. So bekam der spontane Support zwischen selbstironischen Ansagen und gemeinschaftlichem Singen plötzlich auch eine ernstere Ebene.
Was am Morgen noch nach einer eher widerwillig übernommenen Aufgabe geklungen hatte, entwickelte sich zu einem überraschend persönlichen Auftakt. Dave brauchte keine komplette Band, um den Raum auf den Hauptact vorzubereiten. Eine Gitarre, ein paar Geschichten und ein Publikum, das sich auf ihn einließ, reichten vollkommen.
Schön, fröhlich und vor allem laut
Als Schmutzki anschließend die Bühne übernahmen, war die Aufwärmphase endgültig vorbei. Die Band forderte das Publikum auf, kräftig Lärm zu machen – und bekam die Antwort unmittelbar zurück. Auch der Name des Veranstaltungsortes lieferte eine dankbare Vorlage. Beat Schmutz spielte mit dem Versprechen, dass es im Schön & Frölich an diesem Abend tatsächlich schön und fröhlich werden solle. Die Lautstärke vor der Bühne ließ an der Zustimmung wenig Zweifel.
Schmutzki gingen vom ersten Moment an auf direkten Kontakt. Beat fragte mehrfach, ob das Publikum bereit sei, schweifte ab, setzte erneut an und scherzte über seinen eigenen „Spannungsabbau“. Genau diese Mischung aus musikalischem Druck und herrlich alberner Publikumsansprache machte den Auftritt aus. Hier spulte keine Band routiniert ihre Setlist herunter. Auf der Bühne und davor entstand ein gemeinsamer Abend, bei dem jederzeit etwas Ungeplantes passieren konnte.
Braunschweig, Stefan und ein Wolters
Auch ein paar Anspielungen auf Braunschweig durften an diesem Abend nicht fehlen. Mehr als ein Jahrzehnt war es her, dass Schmutzki zuletzt in Braunschweig gespielt hatten: 2014 standen sie als Support von WIZO in der Meier Music Hall auf der Bühne. Entsprechend weit reichten an diesem Abend die Erinnerungen der Band zurück – zu früheren Konzerten, Begegnungen vor dem Club und einem offenbar ausgesprochen zuverlässigen Bierlieferanten.
„Stefan, wo bist du?“, rief Beat ins Publikum und erinnerte sich an einen Stefan, der der Band damals vor den Konzerten regelmäßig ein Wolters vorbeigebracht habe. Mit der gewohnt derben Pointe der Geschichte schlug er innerhalb weniger Augenblicke die Brücke von den früheren Abenden in der Meier Music Hall zu diesem Konzert. Persönlicher hätte die Rückkehr nach Braunschweig kaum ausfallen können.
Kaum Zeit zum Durchatmen
Musikalisch blieb kaum Zeit zum Durchatmen. Gitarren, Bass und Schlagzeug drückten nach vorn, die Refrains wurden zurückgebrüllt und vor der Bühne wurde gesprungen, getanzt und geschwitzt. Schmutzki beherrschten dabei den ständigen Wechsel zwischen konzentrierter Wucht und völligem Quatsch. Gerade noch wurde ein Song mit maximalem Druck ins Publikum gefeuert, im nächsten Moment verlor sich Beat in einer Ansage, sprach einzelne Menschen an oder machte sich über sich selbst lustig.
Die Nähe wirkte nie aufgesetzt. Das Publikum war nicht bloß die Masse vor der Bühne, sondern Mitspieler des Abends. Jede Reaktion konnte die nächste Ansage auslösen, jeder Zuruf Teil der Show werden.
Reise an den Bodensee
Zwischendurch blickte die Band bereits auf die nächsten Auftritte am Bodensee voraus. Dort sollte auch eine Akustik-Session stattfinden. In diesem Zusammenhang kündigten Schmutzki ungewöhnliche beziehungsweise außerhalb ihrer Heimatregion bislang kaum gespielte Stücke an. Wie viele Lieder damit genau gemeint waren, ließ sich aus der Ansage nicht zweifelsfrei heraushören. Entscheidend war ohnehin die Reaktion des Publikums: Natürlich hatte es Lust darauf.
Auch diese Szene passte zum gesamten Konzert. Es ging nicht darum, jedes Detail feierlich anzukündigen. Ein kurzer Zuruf, eine Antwort aus dem Publikum – und schon rollte der nächste Song durch den Raum.
Ein Donnerstag, der sich nicht danach anfühlte
Dass das Konzert an einem Donnerstag stattfand und ursprünglich nicht einmal ein Support feststand, spielte spätestens jetzt keine Rolle mehr. Dave Collide hatte aus einer spontanen Idee einen charmanten Auftakt gemacht. Schmutzki nahmen die Energie auf und trieben sie so lange weiter, bis das Schön & Frölich endgültig kochte. Es wurde gelacht, mitgesungen, gesprungen und geschwitzt. Die Band lieferte den Druck, das Publikum gab ihn mit voller Kraft zurück. Dazwischen lagen Geschichten, Abschweifungen und jene ungeplanten Momente, die an keinem zweiten Abend genauso funktionieren würden.
Wer dabei war, dürfte mit klingelnden Ohren und einem breiten Grinsen nach Hause gegangen sein. Wer nicht dabei war, hat nicht einfach nur ein Konzert verpasst. Er hat eine verdammt gute Party verpasst.







