Braunschweiger COVID-Medikament: Warum zögert Berlin?

Die Braunschweiger Startups Yumab und Corat Therapeutics haben ein Medikament entwickelt, dass COVID-19 heilt. Nun steht eine entschiedene Phase bevor - das Medikament soll an Probanden getestet werden. Doch das kostet Millionen. Hilfe erwarten die Entwickler nun vom Bundesgesundheitsministerium. Doch das zögert.

von Anke Donner


Symbolfoto
Symbolfoto Foto: Pixabay

Braunschweig. Große Hoffnung im Kampf gegen das Corona-Virus kommt derzeit aus Braunschweig. Das Medikament, das den Namen COR-101 trägt, wurde speziell für die Behandlung von hospitalisierten COVID-Patienten entwickelt, also für Erkrankte, die aufgrund der Schwere des Verlaufs stationär behandelt werden müssen. Um das Medikament erfolgreich weiterentwickeln zu können und eine Zulassung zu bekommen, werden rund 150 Millionen Euro. Hilfe erhoffen sich die Entwickler vom Bund, doch das Echo aus Berlin ist leise.


"Für eine zügige Weiterentwicklung benötigen wir kurzfristig weitere zirka 55 Millionen Euro bis zu einer gegebenenfalls möglichen bedingten Zulassung und insgesamt etwa 150 Millionen Euro, um die nötigen Schritte bis zur Lieferung des dann zugelassenen Produktes in Angriff zu nehmen", sagt André Frenzel, wissenschaftlicher Leiter von CORAT Therapeutics. Derzeit steht das Medikament vor der klinischen Testphase, in der zwischen März und Juli bundesweit in sechs klinischen Zentren insgesamt 45 Patienten mit moderaten bis schweren Krankheitsverläufen an der Testphase teilnehmen sollen. Zur Finanzierung dieser ersten klinischen Testphase sowie der vorangegangenen Entwicklungsphase hat Corat Therapeutics, eine Ausgründung der TU Braunschweig und der auf humane Antikörper spezialisierten Yumab GmbH, unter anderem finanzielle Unterstützung vom Land Niedersachsen sowie von privaten Investoren erhalten.

Zu spät zu wenig Förderung


Nun ruht die Hoffnung auf Berlin. Vom Bund seien bis zum jetzigen Zeitpunkt insgesamt 17,5 Millionen Euro für die Wirkstoffentwicklung zur Verfügung gestellt worden. "Wir selber haben allerdings keine Zuwendung vom Bund erhalten. Aktuell gibt es eine weitere Ausschreibung über insgesamt 50 Millionen Euro, die auf mehrere Projekte verteilt werden sollen. Die Fördersumme, die ein Projekt erhalten wird, spiegelt allerdings nur einen sehr kleinen Teil davon wider, was für eine klinische Entwicklung nötig ist. Des Weiteren kommt die Förderung sehr spät mit einem anvisierten Start nicht vor dem 1. Mai. Zu diesem Zeitpunkt soll bereits die klinische Phase I laufen. Aktuell warten wir noch auf eine Entscheidung, ob unser Projekt eine Förderung erhält", sagt André Frenzel und betont, dass es bisher vom Land große Unterstützung gab. "Die Landesregierung hat uns bisher unterstützt, ist aber in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Wir haben natürlich auch bei der Bundesregierung um Unterstützung gebeten, bisher allerdings lediglich Hinweise auf die Förderprogramme erhalten, die aus unserer Sicht zu spät kommen und mit zu geringen finanziellen Mitteln ausgestattet sind."

Zulassung noch dieses Jahr möglich


Und dennoch zeigt sich der wissenschaftliche Leiter zuversichtlich ob der finanziellen Unterstützung. Entscheidend sei aber der Zeitpunkt, zu dem diese Mittel zur Verfügung stehen, da man schon jetzt bestimmte Kapazitäten bei Produzenten und Reagenzien blockieren müsse, die erst später im Jahr benötigt werden. Sollte alles gut und wie geplant laufen, könne noch in diesem Jahr die Zulassung erfolgen. "Wir sind weiterhin bemüht, die Zeitachsen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Wenn alles sehr gut läuft und entsprechende Mittel frühzeitig zur Verfügung stehen, kann eine bedingte Zulassung noch in diesem Jahr erreicht werden", zeigt sich Frenzel optimistisch.

Finanzielle Sicherheit sei besonders in der nun beginnenden Phase wichtig, damit die Entwicklung weitergehen kann. "Sobald die Finanzierung für die kommenden Schritte gesichert ist, können wir wieder unserer eigentlichen Arbeit nachgehen: COR-101 so schnell wie möglich hospitalisierten Menschen zur Verfügung zu stellen. Die nötigen Schritte sind bereits geplant und mit den jeweiligen Partnern besprochen", erklärt Frenzel.

Dass es Interessenten aus China gibt, die die Weiterentwicklung finanzieren und unterstützen könnten, bestätigt Frenzel nicht. Allerdings räumt er ein, dass man weltweit mit Interessenten im Gespräch sei, Einzelheiten wolle man zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennen, um die Gespräche nicht zu gefährden. "Generell kann man sagen, dass eine mögliche Zulassung schneller erreicht werden kann, je schneller das nötige Kapital vollständig zur Verfügung steht. Je mehr Finanzierungsrunden benötigt werden, um das Medikament zur Zulassung zu bringen, desto größer ist natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Verzögerungen kommt", so Frenzel abschließend.

Zaudern und Zögern kosten Menschenleben


Dass es nur zaghafte Rückmeldungen der Bundesregierung auf Anträge und Anfragen des Braunschweiger Unternehmens gibt, stößt vor allem bei den hiesigen Landes- und Bundespolitikern auf Unterverständnis. "Die Entwicklung eines wirksamen Corona-Medikaments bis zur Marktreife wäre - neben der deutlichen Ausweitung von Corona-Tests und einer massiven Ausweitung der Impfkampagne - ein weiteres entscheidendes Element im Kampf gegen die Corona-Pandemie", so der Braunschweiger CDU-Landesvorsitzende und Landtagsabgeordnete Frank Oesterhelweg.

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Die Braunschweiger Startups Yumab und Corat Therapeutics hätten hier bahnbrechende Entwicklungen vorzuweisen, die nun endlich mit Nachdruck und aller Kraft zu unterstützen seien. "Ich kann inzwischen nicht mehr nachvollziehen, dass der Bund diese einmalige Chance noch nicht aufgegriffen und nachhaltig unterstützt hat. Bereits mit Schreiben vom 22. Januar an die Bundeskanzlerin hat unser Wirtschaftsminister Dr. Bernd Althusmann das Thema vorgebracht und dringend um Unterstützung gebeten. Das Land selbst ist bereits eingestiegen und könnte durchaus noch mehr tun, aber der Bund ist bei dieser wichtigen Aufgabe von nationaler Bedeutung nun vorrangig in der Pflicht", so Oesterhelweg.

Etwas Hoffnung gebe es, so der Abgeordnete, durch das Antwortschreiben von Kanzleramtsminister Dr. Helge Braun, der den direkten Kontakt zum Bundesgesundheitsministerium vorbereitet hat. "Gemeinsam mit Veronika Koch, Christoph Plett und Oliver Schatta, meinen Braunschweiger Mitstreitern in Hannover, erwarte ich jetzt zügiges und konsequentes Handeln, unverantwortliches Zaudern und Zögern kosten Menschenleben - das ist nicht akzeptabel", fordert Oesterhelweg, der sich in dieser Sache auch direkt an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gewandt hat.

Blinder Fleck


Und auch die Braunschweiger SPD-Landtagsabgeordnete und Annette Schütze findet deutliche Worte für das Bundesgesundheitsministerium. „Auch wenn wir die Pandemie besiegt haben, wird das Corona-Virus nicht verschwunden sein und es wird auch weiterhin Menschen geben, die an Covid19 erkranken. Für künftige wie aktuell Erkrankte bietet das von Yumab und Corat entwickelte Therapeutikum eine große Chance. Das Land Niedersachsen hat dieses Potenzial bereits im Sommer des vergangenen Jahres 2020 erkannt und finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Trotz intensiver politischer Fürsprache, scheint die Medikamentenentwicklung jedoch in den Bundesministerien für Gesundheit und Wirtschaft weiterhin ein blinder Fleck zu sein. Sollte die Dringlichkeit auf der Bundesebene weiterhin nicht erkannt werden, muss das Land prüfen, welche Mittel für die klinische Studie zur Verfügung gestellt werden können. So wäre zu klären, ob Mittel aus dem Venture Capital Fond des Landes Niedersachsen genutzt werden können, um wenigstens die nächste Phase zu finanzieren“, fordert Schütze, die auch Mitglied im Ausschuss für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung ist.


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