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Skandal um Gifhorner Flüchtlingsheim: Landrat sieht kein Problem



Skandal um Gifhorner Flüchtlingsheim: Landrat sieht kein Problem

In einer NDR Reportage werden schwere Vorwürfe gegen eine Flüchtlingseinrichtung des Landkreises Gifhorn erhoben. Es ginge um Gewalt, sexuelle Übergriffe und Belästigung. Der Landrat sieht sich falsch dargestellt.

von Niklas Eppert


Der Ortseingang von Ehra. In der Nähe liegt der ehemalige Truppenübungsplatz, auf dem sich die Übergriffe ereignet haben sollen.
Der Ortseingang von Ehra. In der Nähe liegt der ehemalige Truppenübungsplatz, auf dem sich die Übergriffe ereignet haben sollen. Foto: Eva Sorembik

Gifhorn. Am Dienstag veröffentlichte der NDR in seinem Format Panorama 3 eine Reportage, die schwere Vorwürfe gegen den Landkreis Gifhorn erhebt. In dem Beitrag meldeten sich sieben Frauen zu Wort, die in der Flüchtlingsunterkunft in Ehra-Lessien von menschenunwürdigen Zuständen berichten. Es sei zu Gewalt gekommen, sie hätten keine Rückzugsräume und sogar einen sexuellen Übergriff soll es gegeben haben. Landrat Tobias Heilmann bestreitet die Vorwürfe. Derweil ist er ins Zentrum der Kritik geraten.



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Mitten in der Nacht sei ein Sicherheitsmann zu ihr gekommen, sagt eine Betroffene in der NDR-Reportage. Die Tür habe sie nicht abschließen können, sei allein in ihrem Zimmer gewesen. Eigentlich hätte sie der Sicherheitsmann, der jetzt im Raum stand, beschützen sollen. Doch stattdessen habe er versucht, sich an ihr zu vergehen. Die Frau war geflüchtet, froh endlich im sicheren Deutschland zu sein - nur um dann von den Menschen bedroht zu werden, die eigentlich für ihre Sicherheit sorgen sollten. So die Darstellung.



Doch bei diesem Vorfall habe es nicht aufgehört. Ständig hätten die Sicherheitsleute die Frauen belästigt, sie angegriffen und seien ihnen zu Nahe gekommen. Ständig sei irgendjemand betrunken gewesen, es seien auch rassistische Beleidigungen gefallen. Angesprochen auf die Zustände, scheint Landrat Tobias Heilmann (SPD) nicht so recht Antworten zu haben. Ein Sicherheitskonzept habe er nun nicht schwarz auf weiß. Aber ob so etwas immer niedergeschrieben werden müsse, wisse er auch nicht.

Landrat im Zentrum der Kritik



Derweil sieht sich die Kreisverwaltung im NDR nicht ganz fair dargestellt. So schreibt der Landkreis, dass die Darstellung verkürzt und unzureichend dargestellt würde. Angebliche Beweise für ihre Vorwürfe habe die Redakteurin trotz Bitte der Verwaltung bislang nicht bei der Polizei vorgelegt. Auch Gespräche mit den zuständigen Kreisangestellten und Ehrenamtlichen vor Ort hätten die Vorwürfe nicht bestätigt, ebenso die Polizei. "Wenn dort ein Brennpunkt von Gewalt gegen Frauen bekannt wäre, wären seitens der beiden Behörden Maßnahmen veranlasst worden. Jegliche Form von Straftaten wird ernst genommen und nachgegangen", so der Landkreis in seiner Stellungnahme.

Tobias Heilmann (SPD) will im September Landrat im Kreis Gifhorn werden.
Tobias Heilmann (SPD) will im September Landrat im Kreis Gifhorn werden. Foto: Thomas Stödter



Zugleich mehrt sich die Kritik am Landrat. So hat die im Kreistag vertretene B.I.G. als erstes Heilmann für seine Wortwahl im Interview mit dem NDR kritisiert. Der hatte davon gesprochen, dass er es auch von sich selbst kenne, dass Männergruppen nun mal "Döneken machen". "Diese verharmlosenden Aussagen sind gegenüber den Opfern (sexueller) Gewalt nicht hinnehmbar", so B.I.G.-Sprecher Andreas Kautzsch in einer E-Mail an Tobias Heilmann, die regionalHeute.de vorliegt. Er widerspricht auch dem Bezug auf die Polizei: Ihm blieben die regelmäßigen Kolonnen von Polizei und Rettungsdienst nicht verborgen.

Unterkunft mitten im Wald


Auch Kerstin Meyer, Erste Stadträtin der Stadt Gifhorn und CDU-Landtagskandidatin zeigt sich auf ihrem Instagramaccount empört. Nicht nur die "Döneken"-Aussage sei für sie verwerflich, auch das Fehlen eines Schutzkonzeptes hält Meyer für völlig falsch. Nicht nur diese Unterkunft beweise, dass es ohne festgelegte Regeln nicht ginge. Ebenso Anke Reimann, die für die Grünen im Kreistag sitzt, schlägt in dieselbe Kerbe, auch wenn sie den aktuellen Eilantrag der CDU zu dem Thema ablehne: "Es braucht kein technokratisches Machwerk, sondern Sicherheitskonzepte von und für die Menschen vor Ort."

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Besonders aber die Unterkunft auf dem alten Truppenübungsplatz selbst steht in der Kritik. Laut NDR liegt die nächste Bushaltestelle etwa 30 Minuten zu Fuß entfernt, auch Telefonempfang sei dünn gesät. Die Unterkunft selbst sei also ein Problem. Das, was jetzt geschehen sei, sei eine "direkte Folge politischen Wegsehens und oder Nicht-Handelns der letzten Jahre", so Christian Schröder, der Sprecher der Kreistagsgrünen. Ebenso Andreas Kautzsch und die B.I.G.. Sie fordern eine bessere Zugänglichkeit zum ÖPNV, Schutzzonen und einen Kiosk für den täglichen Bedarf. Ob das so auch auf die Tagesordnung kommt, steht allerdings noch in den Sternen. Der Kreisverwaltung seien "Bis auf wenige Ausnahmefälle" keine derartigen Zwischenfälle bekannt.


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