KolumneHeute: Mein Tagebuch, das Internet

von Sina Rühland



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Der neueste Trend in Sachen naiver digitaler Selbstvermarktung ist das Streaming-Portal "YouNow“. In wundervoller Echtzeitübertragung hat dort ein jeder die Möglichkeit, seinen Alltag, sein Mittagessen oder seine Beinhaarrasur für die gesamte Welt live erlebbar zu machen – die Reaktionen folgen auf dem Fuße.

Das Erste, was die 13-jährige Mia macht, wenn sie nach Hause kommt, ist die Webcam einzuschalten. Fröhlich plappert sie drauf los, erzählt von ihrem neuen Eyeliner – er ist anthrazit –, von ihrer nervigen Bitch-Mathelehrerin – sie hat ihr vöööllig unberechtigt ne Vier verpasst – und von Tom, der so süß ist – er trägt jetzt übrigens die Haare länger. Während Mia äußerst detailreich aus ihrem harten Alltag als Teenager berichtet, sitzt sie auf ihrem Bett. Die Wand hinter ihr ist mit Postern tapeziert, auf ihrem Kissen liegt ein Kuscheltier. Als jemand schreit "Essen ist fertig“, wirft sie einen Handkuss in Richtung Kamera und verabschiedet sich mit "Bis später, ihr Süßen“.

Das ist YouNow. Man sollte erwähnen, dass sich keineswegs nur Jugendliche in ihrem Privatleben filmen, ihre Weltanschauung ins Internet stellen und mit den Zuschauern interagieren. Der Dienst wird auch von Erwachsenen genutzt. Allerdings sollten diese doch sehr genau wissen, dass man Live-Übertragungen nicht zurückspulen und neu aufnehmen kann. Einige Jugendliche denken noch nicht so weit. Sie können nicht abschätzen, was passieren kann, wenn sie live im Netz zu sehen sind, über die Arbeit ihrer Eltern erzählen und jederzeit von unbekannten Personen ebenfalls live kontaktiert werden können. "Hast du Geschwister?“, "Wo wohnst du?“, "Bekomme ich deine Nummer? – solche Anfragen stehen dann rechts neben dem übertragenden Bild am Rand. Es ist wie chatten, nur, dass die ganze Welt einem dabei zuschauen kann.

 Die Autorin: RegionalHeute.de-Redakteurin Sina Rühland.
Die Autorin: RegionalHeute.de-Redakteurin Sina Rühland. Foto:



Man kann Kindern nicht alles verbieten. Allerdings ist es interessant, dass die einzige Altersüberprüfung des Portals darin besteht, anzuklicken, ob man jünger oder älter als 13 Jahre ist. Wen nicht interessiert, dass Mia ihre Lehrerin doof und Tom süß findet, der muss sich ihre Live-Berichterstattung nicht ansehen. Was ist aber, wenn sie gemobbt wird? Was ist, wenn sie völlig Fremden Alter und Wohnort nennt? Was ist, wenn sie auf "Zeig mal deine Beine“ reagiert? Man kann nur hoffen, dass unsere Kinder so clever, selbstbewusst und digital aufgeklärt sind, auf ihr Bauchgefühl zu hören und die Menschen abweisen, die ihr Anrecht auf eine infantile Weltanschauung zerstören wollen.